Sind Schach, Sport und Spiel Kinderrechte?

Bisher betrachtete ich die Beschäftigung mit Sport und Spiel als Selbstverständlichkeit, bis ich den Artikel des FIDE-Trainers Matvei Shcherbin1 las, der eine Verbindung von Schach und der UN-Kinderrechtskonvention herstellte. Der Schachtrainer M. Shcherbin kommt zu dem Schluss, dass Schach, obwohl es ein uraltes Spiel ist, dem Geist und dem Buchstaben der „Konvention über die Rechte des Kindes“ entspricht und das Recht des Kindes auf Entwicklung und Bewahrung seiner Individualität erfüllt.

Schach als Kinderrecht

Gibt es tatsächlich ein Grundrecht auf Sport und Spiel?

Ja. In der „Internationalen Charta für Leibeserziehung, körperliche Aktivität und Sport“, die die Vereinten Nationen in 2015 verabschiedete, ist das Recht auf Sport verankert:

• Jeder Mensch hat ein grundlegendes Recht auf Leibeserziehung, körperliche Aktivität und Sport ohne irgendeinen Unterschied nach Volkszugehörigkeit, Geschlecht, sexueller Orientierung, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen oder sonstigen Merkmalen2

• Die Freiheit, durch diese Aktivitäten körperliches, geistiges und soziales Wohlergehen und Leistungsvermögen zu entfalten, muss von allen Regierungs-, Sport-und Bildungseinrichtungen gefördert werden.2

Eine andere Quelle für das Kinderrecht auf Sport und Spiel ist der Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention: „Beteiligung an Freizeit, kulturellem und künstlerischem Leben; staatliche Förderung“ 3 , der folgendermaßen verstanden werden kann: „Im Sinne der Kinderrechtskonvention ist Sport ganz wesentlich eine entwicklungsorientierte Spiel- und Freizeitaktivität – ein Mittel zur Entfaltung – und deshalb durch Freude und (gesundheitliches) Wohlbefinden, Kreativität, Freiwilligkeit und Autonomie, persönliche und soziale Zielerreichung, sowie Leadership, Freundschaft, Kooperation und soziale Einbindung charakterisiert.“4

Der Mensch bestimmt, welche Bedeutung sein Handeln bekommt. Deshalb ist es einsichtig, dass Sport an sich keine Veränderung bewirkt, aber die gesellschaftlichen Instanzen (wie Eltern, Erzieher, Lehrer, Sportorganisationen, Verbände, Vereine, Massenmedien usw.) sind diejenigen, die mittels Sport Werte und Wissen vermitteln und die soziale Entwicklung fördern können. Sport (ob wettkampfmäßig oder nicht) muss in erster Linie als Mittel zur Förderung von Bildung, Würde und Menschenrechten verstanden werden.“ 5, was im Einklang mit der UN-Kinderrechtskonvention steht.

In Deutschland wird der Sport auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene auf vielfältige Weise gefördert. Die integrative Wirkung von Sport ist die Basis für das Programm des DOSB „Integration durch Sport“, gefördert durch das Bundesinnenministerium. Inwieweit die Förderung ausreichend oder verbessert werden kann, muss an anderer Stelle diskutiert werden.

Kritisch kann die Fokussierung der Förderung durch die öffentliche Hand auf die olympische Sportarten gesehen werden. In der Gesamtbewertung von sportlichen Mega-Events wie Olympiade, Weltmeisterschaften und ähnlichen Veranstaltungen können oftmals Kinderrechtsverletzungen festgestellt werden. „.. es gibt auch eine Kehrseite der Medaille bei Sportveranstaltungen dieser Dimension. Oftmals werden Mega-Events ohne jede Rücksicht auf die Lage und Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung vergeben und durchgeführt. Darunter haben insbesondere Kinder und Jugendliche zu leiden, denn sie gehören zu den besonders vulnerablen Gruppen innerhalb der benachteiligten Schichten.“ 4  Erinnert sei an die 6500 Toten beim Bau der Fußballstadien für die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar, wobei die Dunkelziffer noch höher liegen soll.6 Die renommierte Tageszeitung „The Guardian“ berichtete 2012 im Vorfeld der Olympischen Spiele in London, dass Mieter aus ihren Häusern vertrieben wurden, weil die Vermieter die Mieten erhöhten.   Deshalb sagen Mitarbeiter von Terre des Hommes „Sportliche Mega-Events sind zurzeit Anlässe von Eliten für Eliten“.4

Nicht nur sportliche Mega-Events beeinträchtigen Kinderrechte, sondern auch Kriege und Pandemien. Europa blieb gut 100 Jahre von einer schlimmen Pandemie verschont, bis das Corona-Virus 2020 Europa erreichte. Corona- bzw. die Covid-19-Pandemie brachte erhebliche Einschnitte in das Leben der Menschen und der Kinder. Auf bisher alltägliche Dinge wie Händeschütteln und Umarmungen verzichten viele Menschen als Schutzmaßnahme vor Covid-19-Infektion. Liebgewonnene Gewohnheiten wie Treffen mit Freunden, den Gang ins Fitnessstudio oder gemeinsam im Verein seinem Sport nachgehen wurden im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie eingeschränkt oder untersagt.

Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie steht die Bildungspolitik vor immensen Herausforderungen, um den Unterrichtsausfall auf Grund der Pandemie zu kompensieren, Lernrückstünde aufzuholen und den Kindern gute Zukunftsperspektiven zu geben. Die Diskussionen über zusätzliche Maßnahmen wie Nachhilfe, zusätzliche Unterrichtsstunden, Ferien verkürzen, Fächer von der Stundentafel streichen sind im vollen Gange.

Das Homeschooling konnte das gemeinsame Lernen an den Schulen nicht kompensieren. In der Schule wie im Sport bietet die Gruppe Halt, gibt Hilfestellung und spornt den Einzelnen an, gute Leistungen abzuliefern. Das Homeschooling erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin, sich pünktlich am Computer für die Online-Unterrichtsstunde einzufinden, konzentriert der Videokonferenz zu folgen, Unterrichtsstoff allein zu erarbeiten und die gestellten Aufgaben zügig und erfolgreich abzuarbeiten. Es werden Qualitäten nachgefragt, die man üblicherweise von Unternehmern, Managern und Studenten verlangt. Es mehren sich die Stimmen und auch Studien, dass die Kinder besonders unter den Einschränkungen leiden und sich über Einsamkeit, Stress und Depressionen beklagen.

zusätzliche Bildungsausgaben um die Folgen der Corona-Krise zu meistern
Deutschland Niederlande
„Bis zu 2 Milliarden Euro Aktionsprogramm, um die Folgen der Corona-Krise für Kinder und Jugendliche abzumildern“

Stand: 26.04.2021
Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung

„Das Kabinett hat für die nächsten zwei Jahre 5,8 Milliarden Euro für die Primar- und Sekundarstufe bereitgestellt.“

Stand: 21.05.2021
Quelle: Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft 

Anlässlich des Internationalen Kindertages bitte ich die Politiker,  das Wohl der Kinder nicht aus dem Auge zu verlieren. Die Kinder müssen trotz des Nachholbedarfs beim Lernen, auch noch die Zeit haben, nach der Schule im Verein Sport zu treiben. Sport und Spiel tragen zu einer positiven Entwicklung der Kinder bei, weil sie das Selbstbewusstsein und die seelische Gesundheit stärken, Lebensfreude vermitteln, das Lernen unterstützen, Teamgeist fördern,…

Die Vereine bieten den Kindern einzigartige Möglichkeiten, voneinander zu lernen, sich auszuprobieren, den Charakter zu formen, Sozialkompetenz zu entwickeln, Emotionen zu kontrollieren, Ausdauer und Beharrlichkeit zu entwickeln. Der entscheidende Vorteil der Vereine gegenüber Schule und Eltern besteht meiner Meinung nach darin, dass die Kinder „unbeobachtet“ und die Beziehungen zwischen den Vereinsmitgliedern meist auf Augenhöhe sind. Das Kind ist ein anerkanntes Mitglied. Die Gruppe gibt Rückendeckung, spornt an und vermittelt auf eigene Weise die Grenzen für jeden Einzelnen. In guten Vereinen erfahren weder Schule noch Eltern, dass das Kind mal nicht so bei der Sache war oder sich etwas Ungehöriges erlaubt hat, wenn es sich nicht um etwas wirklich Schwerwiegendes handelt. Diese Abschirmung gibt dem Kind Sicherheit und Selbstvertrauen. das Kind lernt Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen.

Zurück zu dem anfangs erwähnten Artikel, warum das Schachspielen als ein Kinderrecht verstanden werden kann. Der Autor Shcherbin begründet seine Sichtweise damit, dass bei Kindern mittels Schach die kognitive Selbständigkeit gefördert wird, die wichtig für ein selbständiges Leben ist. Er verweist auf die Präambel der UN-Kinderrechtskonvention, in der das Ziel formuliert ist, das Kind umfassend auf ein individuelles Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. 3 „Der Lernprozess beim Schach hilft, sich zurechtzufinden, trainiert, sich zu erinnern, zu vergleichen und Informationen zusammenzufassen, trägt zur Verbesserung solcher Eigenschaften wie Aufmerksamkeit, Selbständigkeit, Geduld, Einfallsreichtum bei.“ 1 Zusammengefasst kann gesagt werden, Schach unterstützt die Herausbildung der in der heutigen Wissensgesellschaft benötigten Schlüsselqualifikationen.

Die Informations- und Wissensgesellschaft, in der Maschinen inzwischen Steuerungsaufgaben übernehmen, die noch vor kurzem die Menschen selbst ausübten, braucht Menschen, die nicht nur über exzellentes Fachwissen verfügen, sondern die das Wissen auch anwenden können. Dazu gehört es, die relevanten Informationen herauszufiltern, zu bewerten und mit anderen in Beziehung zu setzen. Die heute geforderte Problemlösungskompetenz benötigt Kreativität, wie Probleme analysiert und Lösungsmöglichkeiten entwickelt werden. Da die Fähigkeit, etwas Neues zu lernen, wichtiger ist als das aktuelle Wissen, das wir besitzen (die Fähigkeit, das Wissen zu erweitern ist wichtiger als das statische System des angesammelten Wissens) ist die Entwicklung der kognitiven Unabhängigkeit eine der wichtigsten pädagogischen Aufgaben für das moderne Bildungssystem.8

Der Artikel von Matvei Shcherbin „ON THE WAY TO EDUCATIONAL AND COGNITIVE INDEPENDENCE OF THE CHILD“ kann in Deutsch hier nachgelesen werden. Die Originalversion in russischer Sprache ist über den Link erreichbar.

PS:

Die russische Formulierung der Kinderrechtskonvention „ребенок должен быть полностью подготовлен к самостоятельной жизни в обществе“ finde ich wesentlich klarer und treffender als die deutsche Version, dass das Kind umfassend auf ein individuelles Leben in der Gesellschaft vorzubereiten sei.3 Das russische Wort „самостоятельный“ entspricht dem deutschen Wort „selbständig“. Das deutsche Wort „individuell“ wird in der deutschen Alltagssprache meiner Meinung nach kaum mit „selbständig“ oder „eigenständig“ in Verbindung gebracht. Wenn man Nach Synonyme für das deutsche Wort „indviduell“ sucht, werden keine Ergebnisse angezeigt, die der Bedeutung „selbständig“ entsprechen:

https://www.duden.de/synonyme/individuell
https://www.wortbedeutung.info/individuell/
https://synonyme.woxikon.de/synonyme/individuell.php

Wie sehen es die Sprachwissenschaftler? Sie können mir Ihre Ansicht dazu mitteilen: info@chess-science.com

Referenzen

1 Shcherbin, M. D. Na puti k ucebno-poznavatel’noj samostoatel’nosti rebenka / M. D. Shcherbin // 30 let Konvencii o pravah rebenka: sovremennye vyzovy i puti resenia problem v sfere zasity prav detej : sbornik materialov Mezdunarodnoj naucno-prakticeskoj konferencii, 17 noabra 2020 g., Ekaterinburg / Ros. gos. prof.-ped. un-t. – Ekaterinburg: RGPPU, 2020. – S. 296-299. https://elar.rsvpu.ru/handle/123456789/32894

2 Internationale Charta für Leibeserziehung, körperliche Aktivität und Sport im Volltext, https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000235409_ger

3 Übereinkommen über die Rechte des Kindes (UN-Kinderrechtskonvention), https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/uebereinkommen-ueber-die-rechte-des-kindes-86530

4 Meier, Marianne; Schubert, Jonas; Kunischewski, Jens. (2016), Kinderrechte im Sportkontext – Zeitschrift für Menschenrechte 92-109 https://www.zeitschriftfuermenschenrechte.de/open-access/zfmr_2_2016.pdf#page=92

5 Isidori, Emanuele & Benetton, Mirca. (2015). Sport as Education: Between Dignity and Human Rights. Procedia – Social and Behavioral Sciences. 197. 686-693. 10.1016/j.sbspro.2015.07.060., https://www.researchgate.net/publication/282599477_Sport_as_Education_Between_Dignity_and_Human_Rights

6 23.02.2021, Bauarbeiten in Katar: „Guardian“ berichtet von 6500 Toten, https://www.kicker.de/bauarbeiten-in-katar-guardian-berichtet-von-6500-toten-798104/artikel#emlshare

7 02.2.20212, Tenants being priced out to make way for Olympic lets, https://www.theguardian.com/money/2012/feb/03/tenants-olympic-lets

8 Eliseev, Vladimir N. (2016). The development of cognitive independence of students of the University through networking cooperation – SHS Web of Conferences, https://www.shs-conferences.org/articles/shsconf/pdf/2016/07/shsconf_eeia2016_02014.pdf

Schach als lernfördernde soziale Praktik und wie das Ausland auf die deutsche Schulschach-Tradition schaut

Vor der Pandemie berichteten die im Schulschach aktiven Pädagogen und Schachspieler vom ungebrochenen Interesse am Schachspiel. Doch wie wird es nach der Pandemie aussehen, wenn die frühere Alltagsnormalität zurückkehrt? Welche Folgen werden die Schulschließungen während der Lockdowns für die Schüler haben? Wird es den Kindern gelingen, den Anschluss in der Schule zu halten oder werden Wissenslücken lange nachwirken? Werden die Kinder so einfach in die Sportvereine zurückkehren? Ich bin optimistisch, dass das Schach weiterhin unvermindert Zulauf erhält. Warum? Im aktuellen Bildungsbericht Deutschland (2020) formulierten die Bildungsexperten quasi eine Empfehlung für „Schach als Unterrichtsfach“:

„Offen ist vor allem in qualitativer Hinsicht, wie unterrichtliche und außerunterrichtliche Aktivitäten bestmöglich verzahnt werden können, um die individuelle Förderung jeder Schülerin und jedes Schülers zu ermöglichen. Hier fehlt es – seitens der Forschung und seitens der Politik – nach wie vor an verlässlichen Qualitätsmaßstäben für „gute“ ganztägige Bildung und Betreuung im Schulalter. Auch das Zusammenspiel mit außerschulischen Bildungsgelegenheiten und Aktivitäten … gilt es, künftig mit Blick auf ihre jeweilige Bedeutung für die kognitive, soziale und persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen stärker herauszuarbeiten. (Seite 150, Link zum Bildungsbericht 2020)

Eine Lösungsmöglichkeit für die hier geschilderten Probleme zeigt Igor Sukhin, der oberste Bildungsstratege in Russland (Институт стратегии развития образования Российской академии образования) auf, der Schach als Unterrichtsfach in Russland einführte:

„Schach gilt als ein Attribut der allseitigen Persönlichkeitsentwicklung, als ein Mittel zur Erziehung und Sozialisierung der Kinder, als ein Mittel zur Entwicklung des Willens, zur Herausbildung weiterer positiver Charaktereigenschaften, zur Entwicklung mentaler Fähigkeiten und des Denkens. … . Tatsächlich sind … viele Länder dabei, ihre Bildungssysteme zu reformieren und intensiv nach Fächern zu suchen und in den Lehrplan aufzunehmen, die der Entwicklung der geistigen Fähigkeiten dienen.“

In seinem weiter unten vorgestellten Aufsatz legt Igor Sukhin dar, wie Schach zur Lösung aktueller Probleme in der Sozialpädagogik und der Wissensvermittlung beitragen kann. Auch Deutschland diskutiert über lernförderliche soziale Praktiken mit dem Ziel, optimale Bedingungen für das Lehren und Lernen zu schaffen. Für zukünftige Generationen ist lebenslangen Lernen wichtiger denn je, um die notwendigen Kompetenzen und Fähigkeiten für ein erfolgreiches Berufsleben zu erwerben. Das selbstbestimmte Leben setzt Wissen und Fähigkeiten voraus, um sich in einer stetigen wandelnden Welt zu behaupten und durchzusetzen. Weltweit suchen die Länder nach Konzepten, wie man unter verschiedenen Bedingungen und Voraussetzungen fast „beiläufig“, um nicht zu sagen spielerisch, neues Wissen und Fertigkeiten erwerben kann.

In anderen Ländern, allen voran in Russland, Brasilien, Kuba, Spanien werden kontinuierlich Forschungsergebnisse zum Einfluss von Schach auf die Persönlichkeitsentwicklung, die Lernfreude, das Sozialverhalten der Kinder veröffentlicht. Auch der Bereich der Methodik und Didaktik wird nicht ausgespart. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es irgendwo Bildungspolitiker und Lehrer gibt, die die Stundentafel hervorholen werden und nachweisen wollen, dass es keinen Spielraum zur Unterrichtsausweitung gibt. Man könnte sie über ihren möglichen Irrtum aufklären, weil in unserer Zeit, im Zeitalter riesiger Datenmengen, es einfach unmöglich ist, einen vollständigen Überblick über alle Wissensgebiete zu geben. Deshalb müssen wir das Auswendiglernen von Fakten durch das Erlernen von Methoden zur Gewinnung und Erklärung von Fakten ersetzen. Genau dieses Szenario beschrieb Prof. Georg Klaus schon 1969, lange vor dem Internetzeitalter.

Der gleiche Aufsatz von Igor Sukhin enthält auch eine lesenswerte Zusammenfassung der deutschen Schulschachgeschichte, als deren profunder Kenner er sich erweist.  Er berichtet von der jahrhundertealten Erfahrung Deutschlands zu Schach in Schule und in der Bildung, rückt ins Gedächtnis, dass an der preußischen Militärakademie Schach unterrichtet wurde, zitiert Emanuel Lasker und Siegbert Tarrasch zu Schulschach, verweist auf herausragende deutsche Forschungsergebnisse über die positiven Auswirkungen des Schachunterrichts und erklärt schließlich, dass deutsches Schulschach-Know-how für das russische Projekt „Schach als Unterrichtsfach“ verwendet wurde.

Der vollständige Aufsatz von Igor Sukhin kann  in deutscher Übersetzung (s. nächsten Abschnitt, unten bzw. PDF) oder im Original (russisch) nachgelesen werden.

 

EINES DER MITTEL FÜR DIE BILDUNG UND SOZIALISATI-ON VON SCHÜLERN IN DEUTSCHLAND

Originaltitel: „ОДНО ИЗ СРЕДСТВ ВОСПИТАНИЯ И СОЦИАЛИЗАЦИИ УЧАЩИХСЯ В ГЕРМАНИИ“ / „ONE OF THE MEANS OF EDUCATION AND SOCIALISATION OF STUDENTS IN GERMANY “
Veröffentlichung: 2016
Autor: I.G. Sukhin

Der Begriff „Soziale Praktik“ wird heute von Forschern unterschiedlich ausgelegt. Sowohl in der russischsprachigen als auch in der deutschsprachigen Wikipedia gibt es nur einen kleinen Eintrag bei „Soziale Praxis“. Die russischsprachige Wikipedia (wie auch das elektronische Lexikon „Academic“ ) beschreibt soziale Praxis als „eine Art von Praktik, in der ein konkretes historisches Subjekt unter Zuhilfenahme von Institutionen, Organisationen und Einrichtungen, die das System der sozialen Beziehungen beeinflussen, die Gesellschaft verändert und sich selbst entwickelt“ (Soziale Praxis, 2016).

B.G. Yudin beschreibt neue soziale Praktiken als „neue Formen von Wechselbeziehungen zwischen Menschen und sozialen Institutionen, die nicht ad-hoc sind, sondern in ähnlichen Situationen reproduziert werden“ (2005, S.134). Dabei ergänzt der Wissenschaftler, dass jede Neuerung, die den sozialen Praktiken zugerechnet werden, als ein gewisses „Objekt“ betrachtet werden kann, das daher bestimmte Methoden und Anwendungen voraussetzt.

N.A. Patutina weist darauf hin, dass die Besonderheit sozialer Praktiken darin besteht, dass sie grundlegende Formen der sozialen Existenz „offenlegen“, die in einer bestimmten Kultur zu einer bestimmten Zeit vorhanden sind (N.A. Patutina, 2015, S. 191).

V.M. Lizinsky unterscheidet drei Quellen des Phänomens sozialer Praktiken: die lebensspendende , die organisationale und die sozial-persönliche. Zur lebensspendenden Praktik zählt der Wissenschaftler das Vorhandensein, die Herausbildung und den Vorrang der nationalen Idee, die das Land, das Volk und die Gesellschaft eint. Die organisationale Praktik umfasst reale soziale Bindungen, ohne die eine soziale Partnerschaft als eine Gemeinschaft von Teilnehmern, die am sozialen Fortschritt interessiert sind, nicht entstehen kann. Zur sozial-persönlichen Praktik zählt die Existenz, Bildung und Entwicklung einer sozialpersonellen Sicht. Auch weist der Forscher auf drei Komponenten des Phänomens der sozialen Praktiken hin: zielgerichtetes, organisiertes Wissen über sich und die Welt und der rein zufällige Kontakt mit Informationsflüssen; organisierte aktive individuelle und kollektive soziale Tätigkeiten; vorberufliche und berufliche Tests und Praktika (V.M. Lizinsky, 2015).

Versuchen wir unter Berücksichtigung der genannten Sichtweisen, einige Facetten des für die heutige Pädagogik in Deutschland (wie auch in anderen Ländern) relativ neuen Phänomens wie der Schachausbildung zu untersuchen. Das pädagogische Potential des Schachspiels wird von Praktikern seit langem für die Lösung verschiedenster Probleme genutzt, daher wird das Schachspiel hin und wieder als Schule der Erziehung und Selbsterziehung bezeichnet. Insbesondere Weltmeister A.A. Aljechin schrieb, dass Schach seinen Charakter formte. Um auf den Kern zu kommen: Schach gilt als ein Attribut der allseitigen Persönlichkeitsentwicklung, als ein Mittel zur Erziehung und Sozialisierung der Kinder, als ein Mittel zur Entwicklung des Willens, zur Herausbildung weiterer positiver Charaktereigenschaften, zur Entwicklung mentaler Fähigkeiten und des Denkens. Schauen wir auf Letzteres. Tatsächlich sind 2016 viele Länder dabei, ihre Bildungssysteme zu reformieren und intensiv nach Fächern zu suchen und in den Lehrplan aufzunehmen, die der Entwicklung der geistigen Fähigkeiten dienen. Die in vielen Ländern gesammelten Erfahrungen zeigen, dass dazu Schach gehört. Schach ist ein über Ländergrenzen hinweg einzigartiges, Werkzeug zur Entwicklung, Erziehung und Sozialisierung der jüngeren Generation.

Im 20. Jahrhundert wurden Studien über das Denken in England, Deutschland, Kanada, der UdSSR, den USA, Frankreich, Japan und anderen Ländern durchgeführt. Ihre Ergebnisse haben die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler auf ein Werkzeug wie Schach gelenkt, um Kinder zum Denken anzuregen. In der Folge wurden in Albanien, Argentinien, Armenien, Aserbaidschan, Brasilien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Indien, Israel, Italien, Moldawien, den Niederlanden, Polen, Rumänien, Russland, Slowenien, Spanien, der Türkei, dem Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten, Uruguay und Venezuela Projekte durchgeführt, um Schach als ein Baustein im Bildungssystem einzusetzen. In den letzten zehn Jahren gab es in vielen Ländern ein nie dagewesenes Interesse am Schach, nicht nur als zusätzliches Bildungsangebot für Kinder, sondern als vollwertiges Unterrichtsfach. Dies liegt daran, dass zu Beginn des Jahrhunderts überzeugende Ergebnisse in der experimentellen Forschung gewonnen wurden, die die These zum Nutzen von Schach für die intellektuelle Entwicklung der Kinder im Alter von 5-12 Jahre bestätigten. Deshalb verabschiedete das Europäische Parlament am 15. März 2012 die Erklärung Nr. 50/2011 „Schach in der Schule“, für die 415 von 780 Abgeordneten stimmten. In der Erklärung wird Schach nicht als Sport, sondern als Teil des Bildungssystems betrachtet und allen europäischen Ländern wird empfohlen, Schach an den allgemeinbildenden Schulen zu lehren. Diese Empfehlung ist nicht rechtlicher Natur, aber sie ermöglicht führenden Experten auf diesem Gebiet, zu ihrem Bildungsministerium zu gehen, um es davon zu überzeugen, dass es erstrebenswert ist, Schach in den Fächerkanon aufzunehmen.

Schach hat eine jahrhundertealte Geschichte, Hunderttausende von Büchern sind dem Schach gewidmet, und eine halbe Milliarde Menschen spielen es. Die Beherrschung des Schachspiels wurde in vielen Ländern geschätzt und gehörte zu einer der sieben ritterlichen Tugenden. Außerdem machten Wissenschaftler auf der ganzen Welt schon lange auf das pädagogische Potential von Schach aufmerksam. In Deutschland ist diese Sichtweise besonders tief verwurzelt. Es sei an das weltbekannte deutsche Dorf Ströbeck erinnert, das im Bundesland Sachsen-Anhalt (ein Ortsteil von Halberstadt) liegt. Nach einer alten Legende wurde vor langer Zeit, im Jahr 1068, in diesem Dorf der Graf Gunzelin gefangen gehalten, der den Wachen das Schachspiel beibrachte. Dieses Spiel wurde bei den Dorfbewohnern so beliebt, dass sie sogar ein Schachbrett, einen Springer und einen Bauern in das Wappen von Ströbeck aufnahmen. Das Siegel im Gemeindeamt wurde als Schachbrett gestaltet. Eine andere Besonderheit des Ortes war der Hochzeitsbrauch – der Bräutigam war verpflichtet, mit dem Vater der Braut eine Partie Schach zu spielen. Seit 1886 führt das Dorf eine „Schachchronik“, in der die wichtigsten Ereignisse aus der Welt des alten und weisen Spiels festgehalten werden. Es ist nicht verwunderlich, dass Ströbeck 1991 in „Schachdorf Ströbeck“ umbenannt wurde. Für seine Verdienste um das Schachspiel (bis heute spielen dort alle Schach) wurde das berühmte deutsche Dorf in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Im Kontext unserer Studie ist es wichtig, dass vor fast zweihundert Jahren, im Jahr 1823, damit begonnen wurde, ab der dritten Klasse an der Schule von Ströbeck Schach als Pflichtfach zu unterrichten. Jedes Jahr wird ein Schulturnier durchgeführt, und die Namen der Schulmeister sind im Schachzimmer zu sehen. 1914 begann der Schachunterricht für deutsche Offiziere an der Preußischen Militärakademie. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde die Aufnahme von Schach in den Lehrplan der Bildungseinrichtungen durch den bekannten deutschen Theoretiker S. Tarrasch befürwortet, der als einer der ersten weltweit die gesellschaftliche Bedeutung des Schachspiels hervorhob. Die Zeitschrift „Shahmatnoe obozrenie“ berichtete: „Der Nürnberger Arzt, Dr. Tarrasch… entwickelte einen Plan, Schach als Unterrichtsfach an den Mittelschulen einzuführen. Nach Tarrasch fördert das Schachspiel den Geist, lehrt Geduld, fördert das Denken und die Phantasie, macht Freude und erfüllt im Allgemeinen alle Anforderungen einer vernünftigen Pädagogik. Daher schlägt Tarrasch vor, dass Schach in den höheren Klassen der Mittelschulen als Pflichtfach eingeführt wird“ (Arabesque, 1903).

Der Vortrag von S. Tarrasch zu diesem Thema, den er 1908 in Berlin hielt, machte einen starken Eindruck auf die Zeitgenossen. Einige seiner Kollegen vertraten die Meinung, dass Schach als Unterrichtsfach in der Schule eine unnötige Belastung sei, die nur zu einer Überforderung der Schüler führen würde. Aber die überwältigende Mehrheit der deutschen Experten bestätigte, dass Schach für sie persönlich in ihrer Schulzeit eine große Hilfe war, weil das Schachspiel sie zur Vernunft erzog und ihnen systematisches Arbeiten näherbrachte. (N.V. Krogius, 1990).

Im gleichen Jahr, 1908, wurde in „Lasker’s Chess Magazine“ folgende Notiz über die Meinung des großen Deutschen Em. Lasker veröffentlicht: „Dr. Emanuel Lasker, der Weltmeister und vielleicht der größte Schachspieler in der ganzen Geschichte, empfiehlt Schach als Teil des Schullehrplans.“ In vielen Schulen Europas wird den Schülern Schach beigebracht; die weisen Japaner sind der Meinung, dass ihr Schach, das viel schwieriger ist als unseres, den Geist sehr diszipliniert, logisches Denken fördert… Schach, wenn man es nicht übertreibt, stärkt und trainiert den Geist so gut, wie Tennis, Baseball oder Ringen den Körper trainieren.“ (Schach in der Schule, 1908).

1969 berichtete der Dekan der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin G. Klaus über die Ergebnisse der Schachforschung in Deutschland, die belegen, dass Schach die Entwicklung des Denkens bei Schulkindern fördert und die Verbesserung der allgemeinen schulischen Leistungen bewirkte. Es zeigte sich, dass in den Versuchsklassen, in denen es systematischen Schachunterricht gab, die Noten für schulischen Leistungen deutlich besser ausfielen als in der Kontrollklasse, die keinen solchen Unterricht hatte. Klaus verwies darauf, dass Schach eine ausgezeichnete Schule für logisches Denken ist und schlussfolgerte, dass es einfacher ist, das logische Denken mittels Schach zu trainieren, als Lehrbücher über Logik dafür einzusetzen. Er schlug vor, dass der Unterricht in den Grundschulklassen beginnen sollte, um die Schüler schon früh mit dialektischen, strategischen und taktischen Denkweisen in Berührung kommen zu lassen. Er wies auch auf das besondere Potenzial des Schachspiels als Mittel zur Förderung der wissenschaftlichen Genauigkeit und der analytischen Fähigkeiten hin. Seiner Meinung nach kann nur derjenige erfolgreich schöpferisch tätig sein, der in der Lage ist, einen riesigen Informationsfluss in kurzer Zeit analytisch zu verarbeiten. Einen besonderen Nutzen von Schach sah der deutsche Wissenschaftler darin, dass das Schachspiel darin schult, Entscheidungen nach Prüfung aller vorhandenen Möglichkeiten zu treffen. Dabei wusste Klaus, wie schwierig es sein würde, Schach als Unterrichtsfach an der Schule einzuführen: „Wenn Sie heute irgendeinem Lehrer vorschlagen, in seiner Klasse für eine Stunde in der Woche Schach zu unterrichten, würde er Ihnen den Stundenplan zeigen und die Unmöglichkeit der Unterrichtsausweitung beweisen. Der Irrtum eines solchen Pädagogen ist folgender: In unserer Zeit, im Zeitalter eines riesigen Informationsflusses, ist es einfach nicht möglich, einen vollständigen Überblick über alle Wissenschaften zu geben. Wir müssen das Auswendiglernen von Fakten mehr und mehr durch das Erlernen von Methoden zur Gewinnung und Erklärung von Fakten ersetzen“ (Klaus, 1969, S. 22).

Seitdem dringt das Schachspiel als Mittel zur Förderung des selbständigen Denkens mehr und mehr an deutschen Schulen vor. Damit wurden jene Bereiche des deutschen Bildungswesens verbessert, die auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch lahmten. Diese Schwächen sind: unzureichende Konzentration der Schüler im Unterricht, Probleme bei den Lese-, Schreib- und Rechenfertigkeiten, Verhaltensprobleme, Impulsivität, Aggressivität, Hyperaktivität usw. Dank dem Schachunterricht verbesserten sich die Werte dieser Parameter. Darauf wies die deutsche Psychologin M. Bönsch-Kauke in ihrem Buch „Klüger durch Schach“ (M. Bönsch-Kauke, 2008) hin, das versucht, die weltweiten Erfahrungen mit dem Schachunterricht an Schulen zusammenzufassen.

Experimentelle Studien zu den Auswirkungen des Schachunterrichts auf die Kinder sind in Deutschland immer noch im Gange. Es wird auf eine Untersuchung verwiesen, die mit Schülern der zweiten Klasse in Deutschlands ältester Stadt Trier durchgeführt wurde. Der Unterricht fand einmal pro Woche über vier Jahre statt, wofür eine Mathematikstunde genommen wurde. Während es in den Kontrollklassen (in denen kein Schachunterricht stattfand) keine signifikante Verbesserung bei einer Reihe von Untersuchungsparametern zu verzeichnen war, zeigten die „Schachklassen“ um das Zweifache bessere Leistungen in Mathematik, ein um das Zweieinhalbfache besseres Leseverständnis und ein um das Dreifache besseres allgemeines Verständnis. Höhere Werte wurden für die Konzentrationsfähigkeit, Leistungsmotivation und für den Erwerb sozialer Fähigkeiten und sozialer Kompetenz erzielt (A. Krämer, 2016).

Im heutigen Deutschland zielt der Schachunterricht auf eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung, auf die Erziehung und Sozialisation der Schüler, auf die Entwicklung des kreativen Denkens, auf die Kreativität und Selbsterziehung. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Grad der Selbstregulierung des Verhaltens, der kritischen Selbstanalyse, der Entwicklung der Objektivität, der Fähig-keit, eine andere Meinung zu akzeptieren, dem Respektieren der Regeln, der Ästhetik der Schach-kunst, der Fähigkeit, sich zurückzuhalten und der Selbstbeherrschung.

Die umfangreichen Erfahrungen in Deutschland (wie auch die Erfahrungen von Spezialisten in anderen Ländern) blieben den russischen Forschern nicht verborgen, die diese bei der Erarbeitung eines wissenschaftlich fundierten Schachkurses an der Grundschule mit dem Namen „Schach der Schule“ und bei der Ausarbeitung neuer gesundheitsschonender pädagogischer Methoden verwendeten –

„Methoden zur Entwicklung der Fähigkeit, „im Geiste“ zu handeln, unter Einbeziehung von Schachmaterialien“ oder von „an Schachaufgaben orientierten Methoden“. Dies ermöglichte es der Russischen Föderation, ihre Schwerpunkte in einigen Bereichen der Schachausbildung zu setzen, wie die folgenden internationalen wissenschaftlich-praktischen Konferenzen zeigten:

1) „Schach im Bildungssystem Russlands und der Welt“ (Moskau, 2009)
„Шахматы в системе образования России и мира“ (Москва, 2009;
URL: https://open2009.moscowchess.org/scientific_conference/itog_doc_rus.php
2) „Schach als Werkzeug zur Anhebung des intellektuellen Niveaus von Kindern (Chanty-Mansijsk, 2010)
„Шахматы – инструмент повышения интеллектуального уровня детей“ (Ханты-Мансийск, 2010);
3) „Schach als innovatives Fach im Bildungssystem“ (Moskau, 2010)
„Шахматы как инновационный учебный предмет в системе образования“ (Москва, 2010);
URL: https://open2010.moscowchess.org/scientific_conference/news_rus_1.php
4) „Aktuelle Probleme bei der Unterrichtung von „Schach“ an allgemeinbildenden Schulen und Kindergärten in Russland und in anderen Ländern“ (Satka, 2011)
„Актуальные проблемы преподавания учебной дисциплины „Шахматы“ в общеобразовательных школах и детских садах России и других стран мира“ (Сатка, 2011);
5) „Schachausbildung – eine wichtige Ressource im globalen Bildungssystem“ (Chanty-Mansijsk, 2013)
„Шахматное образование – важный ресурс мировой системы образования“ (Ханты-Мансийск, 2013)

Referenzen:

1. Arabesque Арабески [Текст] // Шахматное обозрение.–1903.–No 64-65.–С.367.

2. Клаус Г. Нужны ли людям шахматы? [ Текст] // Шахматная Москва.–1969.–No14.–С.21-22. – URL: https://www.gen64.ru/chess/klaus.htm (дата обращения: 21.03.2021).

3. Крогиус Н.В.Тарраш – публицист [Текст] // 64 – Шахматное обозрение. –1990.–No7.–С.24-25 – URL: http://publ.lib.ru/ARCHIVES/SH/“64_-_shahmatnoe_obozrenie“/_“64_-_shahmatnoe_obozrenie“.html

4. Лизинский В.М. Три источника итри составные части социальных практик [Текст] // Социальная педагогика в современных социальных практиках: Сборникна учных статей V Международного симпозиума.18-22 мая 2015 г./ Научн. ред. А.В. Мудрик,Т.Т.Щелина.– Арзамас: Арзамасский филиал ННГУ, 2015.–С.155–159. – URL: https://docplayer.ru/44614114-Socialnaya-pedagogika-v-sovremennyh-socialnyh-praktikah.html

5. Патутина Н.А. Социальные практики инновационной культуры компании (социально-педагогический аспект) [Текст] // Социальная педагогика в современных социальных практиках: Сборникна учных статей V Международного симпозиума.18-22 мая 2015 г. / Научн. ред. А.В. Мудрик, Т.Т. Щелина.–Арзамас: Арзамасский филиал ННГУ, 2015.–С.186–199. – URL: https://docplayer.ru/44614114-Socialnaya-pedagogika-v-sovremennyh-socialnyh-praktikah.html

6. Soziale Praktik Социальная практика [Электронный ресурс]. – URL: https://ru.wikipedia.org/wiki/Социальная_практика (дата обращения: 22.05.2016).

7. Schach in der Schule Шахматы в школе [Электронный ресурс] / Сайт шахматного всеобуча.–URL: http://chess555.narod.ru/imp2.htm (дата обращения: 24.05.2016).

8. Юдин Б.Г. От этической экспертизы к экспертизе гуманитарной [ Текст] // Знание. Понимание. Умение.– 2005.– No 2.–С.126–135. – URL: http://zpu-journal.ru/zpu/2005_2/Yudin/16.pdf

9. Bönsch-Kauke M. Klüger durch Schach [Текст]. – Leibniz Verlag, St.Goar, 2008. –407p.

10. Krämer A. Schach an der Grundschule Trier-Olewig [Электронный ресурс].–URL: http://fritzundfertig.chessbase.com/img/StudieTrier.pdf (дата обращения: 21.05.2016) – Langfassung: URL: https://nsv-online.de/downloads/Endbericht-Abschlusskorrektur13-02-07.pdf

Schach – der Star in der Corona-Pandemie


Schach und Corona- Schlagzeilen aus aller Welt (interaktives Bild)

Schach findet zur Zeit online statt. Wie kann man andere Menschen für Schach begeistern? Befreien wir uns aus der Sprachlosigkeit und berichten wir anderen, wie spannend Schach sein kann. Die „Perlen vom Bodensee“ machten deutlich, dass das Schreiben kein Hexenwerk ist. Naturwissenschaftler, Mathematiker, Informatiker und Schachspieler lassen oft wenig Emotionen in ihre Erklärungen und Berichten einfließen. Das Storytelling fällt ihnen schwer, wovon ich mich nicht ausnehme. Wenn man sich umschaut, findet man viele gute Beispiele und Ideen. Kurt Richter erfand Dr. Zabel, Albin Pötzsch glossierte die Taktikaufgaben in der Zeitschrift „Schach“, Emil Ramin machte Schachstudien zum Vergnügen, Helmut Pfleger erzählt Anekdoten und formuliert dazu eine Schachaufgabe in der Wochenzeitung „Zeit“. Die legendären  Sportreporter Rolf Töpperwien und Gert Zimmermann („Zimmi“) lieferten mitreißende Fußballreportagen, bei denen der Radiohörer das Gefühl hatte, er säße selbst auf der Tribüne im Fußballstadion.

Anregungen gibt es zu Hauf im Netz. Andere Sprachen stellen keine unüberwindbaren Hindernisse dar. Die Browsererweiterung „Google Übersetzer“ zeigt in Sekundenschnelle die deutsche Übersetzung an. So kann man sich in die Weiten des Internets hinaustragen und sich inspirieren lassen, egal wie gut man eine Fremdsprache beherrscht.

Das obige interaktive Corona-Schachbrett bringt viele interessante Geschichten ans Licht. Die reichweitenstarke BILD-Zeitung kam im November 2020 nicht umhin und berichtete über den Hit eines jahrhundertealten Brettspiels „Netflix und Corona sind schuld – Schach ist plötzlich mega cool!

Mitten in der Pandemie fand am 20.07.2020 der erste Weltschachtag statt. Angesichts der COVID-19-Pandemie, die zu einer Pause für die meisten Sportarten weltweit geführt hat, feiert die UN ein wettkampforientiertes Spiel, das sicher drinnen und auch online gespielt werden kann – mit dem Zusatzeffekt, Ängste zu reduzieren und die psychische Gesundheit zu verbessern. Die UN-Kommunikationschefin Melissa Fleming stellt fest, dass die Pandemie eine physische, soziale und ökonomische Krise darstellt – die jedem Menschen Einschränkungen auferlegt und dass jene Sportarten wichtiger denn je sind, die online oder in sicherer physischer Entfernung gespielt werden können. „Der Sport fördert unseren lebenslangen Spieltrieb… fördert unsere Leidenschaft und Begeisterung… erfrischt unseren Geist und Körper… lenkt uns von Problemen ab und reduziert unsere Ängste“, sagte Frau Fleming.  Arkady Dvorkovich, Präsident des Internationalen Schachverbandes (FIDE) möchte Schach „zu einem Werkzeug zur Verbesserung der Welt“ machen. Das ist eine wunderbare Steilvorlage für alle Schachenthusiasten und Schachfunktionäre. Welche Ideen und Projekte werden dieses Jahr der Renner sein?

Mein Favorit ist die Geschichte von Daniel Sokol, einem britischen Rechtsanwalt und Medizinethiker, der in seiner Freizeit hin und wieder Schach spielt. Er sinniert über das Schachspiel, als sein Flugzeug in heftigeTurbulenzen geriet. Seine Tochter war so sehr mit Schach auf dem iPad beschäftigt, dass sie von all der Aufregung nichts mitbekam. Schach hilft tatsächlich gegen die Angst! Und dann bekommt der Leser eine neue Analogie von Schach und der Lebenswirklichkeit präsentiert, die einem auch etwas milder auf politische Entscheidungen schauen lässt. Wer die ganze Geschichte lesen möchte – hier ist der Link.

Corona verändert die Welt und Schach bewirkt Wunder. Über so ein Wunder berichtete die Jerusalem Post. Neben dem Fakt, dass weltweit das Online-Schach erheblich gewachsen ist, wird  über die Integrationskraft von Schach geschrieben. Israelische Schachspieler trafen in einem Online-Turnier auf arabische Schachspieler und es wurde gespielt. Eigentlich hätte man einen Boykott durch die arabischen Spieler erwartet.

In dem auch heute noch sehenswerten Film  „Der gezähmte Widerspenstige“ spielt Adriano Celentano mit seinem Hund Schach. War das die Vorlage für Arnold Schwarzenegger, der letztes Jahr in den sozialen Medien postete, wie er mit seinem Esel Schach spielt? Arnold Schwarzenegger wollte die Menschen ermutigen, Abstand zu Freunden und Bekannten zu halten, um so der Corona-Pandemie Einhalt zu gebieten. Schau es Dir selbst an!

Viswanathan Anand überrascht mit der These „Der Kampf gegen das Coronavirus ist wie das Spielen gegen einen Computer„. Weder der Computer noch der Virus kennen Emotionen. Deshalb muss man immer auf der Hut sein und darf sich trotz eines vermeintlichen Vorteils nicht schon als Sieger wähnen.

Die russische Zeitung Nowaja Gazeta bringt die Vorzüge des Schachs auf den Punkt, indem sie folgendes Resümee zieht: „Es gibt keinen Sport. Der Sport schrumpft vor unseren Augen und verschwindet aus den Zeitungsspalten und aus dem Fernsehen.“ Eine Million Menschen verfolgen live im Internet das Kandidatenturnier. Schach ist eine Möglichkeit, sich vom Horror der sozialen Medien abzulenken. Die Zeitung stellt die Schachspieler des Kandidatenturniers auf humorvolle Weise vor. Überzeugt Euch selbst – hier geht es zu dem Zeitungsartikel.

Der französische Psychologe Alfred Binet wusste: „Wenn wir in den Kopf eines Schachspielers schauen könnten, würden wir eine ganze Welt aus Gefühlen, Bildern, Emotionen und Leidenschaften sehen.“ Die Schachfotografen David Llada und Wolfgang Galow fangen mit Ihrer Kamera die Gefühle der Schachspieler ein.  Ihre Fotos erzählen uns Geschichten. Medien- und Werbeprofis wissen, dass die Menschen Geschichten mögen, weil Geschichten die Menschen anrühren und Emotionen bewirken. Es liegt an uns, die vielen liebenswerten Geschichten rund ums Schach zu entdecken und sie anderen zu erzählen.

Schach im Spiegel der Bildungswissenschaft, Vortrag auf der 8. Londoner Schachkonferenz

Vortrag vom 05.12.2020 auf der 8. Londoner Schachkonferenz (London Chess Conference) zu dem Themenschwerpunkt „Chess and Technology“

English Version  PDF: Chess in the mirror of educational science
Deutsche Version PDF: Schach im Spiegel der Bildungswissenschaft

Inhaltsübersicht zum Vortrag „Schach im Spiegel der Bildungswissenschaft“:

 

Anstatt einer Einleitung

Frühere Schach-Weltmeister fanden treffende Beschreibungen, was Schach ist:
Tigran Petrosjan:
„Schach ist gemessen an seiner Form ein Spiel, gemessen an seinem Inhalt eine Kunst und gemessen an der Mühe, sein eigenes Können zu erweitern, eine Wissenschaft. Das Schachspiel kann genauso viel Glück vermitteln, wie ein gutes Buch oder ein Musikstück.“
oder Anatoli Karpow:
„Schach ist alles: Kunst, Wissenschaft und Sport.“

Datenbank – www.chess-science.com

Dass die Schachspieler besser Ihre Interessen gegenüber Politiker und Sponsoren vertreten können, bedarf es guter Argumente. Die Vielseitigkeit von Schach liefert viele gute Gründe, warum Schach unterstützt und gefördert werden soll. Die Wissenschaft liefert sogar den Nachweis, welchen Nutzen das Schachspiel der Gesellschaft bringen kann. Eine übersichtliche Datenbank, die nur schachbezogene wissenschaftliche Arbeiten enthält, gibt es nach meinem Kenntnisstand nicht. Das war der Anlass, das Projekt zu starten – www.chess-science.com

Die Website www.chess-science.com sammelt in verschiedenen Datenbanken wissenschaftliche Arbeiten aus aller Welt mit Bezug zum Schach, unabhängig von der Sprache. Vorzugsweise werden veröffentlichte Arbeiten ab 1999/ 2000 in den Datenbanken dargestellt. Sofern es möglich ist, können die wissenschaftlichen Arbeiten über den Link als frei verfügbare PDF-Dateien eingesehen werden.

In der Datenbank zu Schule und Bildung sind aktuell 494 wissenschaftliche Arbeiten hinterlegt (Stand 02.12.2020) Die meisten Arbeiten veröffentlichten Forscher aus europäischen und lateinamerikanischen Ländern, wobei Russland und Brasilien herausragen.

Die folgenden Grafiken spiegeln wichtige Trends wieder.

 

Grafik beteiligte Forscher im Schulschach Grafik Sprachen im Schulschach

Treiber für Forschungen zu „Schach in der Schule und in der Bildung“ sind Russland und Brasilien. Die Gründe hierfür sind in der Politik zu suchen.

2016 beantragte der russische Senator Vadim Tyulpanov beim russischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Schach an allen russischen Grundschulen als Pflichtfach einzuführen. Unterstützung bekam er von der FIDE. 2017 teilte die Bildungsministeriin von Russland Olga Vasilyeva mit, dass die Regierung die Umsetzung plane.1,2 Seit 01.09.2019 ist Schach an allen Grundschulen in Russland Unterrichtsfach. In Brasilien gibt es ein nationales Programm „Schach in Schulen“ mit dem Ziel, die Bildungschancen und damit die Lebensperspektive, vor allem für benachteiligte Kinder zu verbessern.3,4

In 2006 unterschrieben neun lateinamerikanische Länder, darunter Argentinien, Paraguay und Uruguay, ein Protokoll über die Absicht, das Projekt „Schach in Schulen“ umzusetzen, das vom Bauingenieur Jaime Sunye Neto, Vizepräsident der Paraná Commercial Association erstellt und koordiniert wurde. Ziel ist es, das seit 2004 in rund 1.500 Schulen in 25 Bundesstaaten entwickelte Modell auszuweiten. Die Betonung liegt auf dem sozialen Aspekt: eine Freizeitalternative ohne hohe Kosten für Schulen anzubieten. 5

2019 fand das 1. Internationale Treffen von Wissenschaftler zu Schach am „Instituto Federal do Paraná“ (IFPR) statt, dem am 23.11.-26.11.2020 das 2. Internationale Treffen folgte. Folgende Ziele werden verfolgt6:

  • Einblick geben in Lehre, Forschung und Innovation mit Schach als pädagogisches oder therapeutisches Werkzeug
  • Der Schachforschung eine Plattform geben und Initiativen fördern;
  • Erfahrungsaustauschs zwischen Schachforschern fördern;
  • Forum bieten zur Reflexion, Bewertung, Integration und Erarbeitung neuer Forschungs-, Erweiterungs- und Innovationsvorschläge auf der Grundlage von Schach

Ähnliche Ziele verfolgt die 2013 ins Leben gerufene London Chess Conference. Hier treffen Praktiker wie Lehrer, Trainer und Pädagogen auf Wissenschaftler zum Erfahrungsaustausch.7 Seit der ersten Londoner Schach-Konferenz hat sich die Sichtweise zu den Vorteilen von Schach in der Bildung erweitert.

Die Schachspieler halten einen riesigen Schatz in ihren Händen. Schach ist mehr als Sport und Zeitvertreib. Schach kann auf vielfältige Weise Nutzen für die Gesellschaft stiften. Und der riesige Nutzen ist mit geringen Kosten erreichbar. Es liegt nahe, bei den Vorteilen des Schachs an Schule und Bildung zu denken. Dabei glauben viele, dass Schach einen spürbaren Einfluss auf Denken, Lernen und Intelligenz hat. Trotz intensiver Forschung gibt es keine starken Beweise, dass Schachspieler klüger als Nicht-Schachspieler sind. Andere Aspekte des Schachspiels rückten in den letzten Jahren verstärkt in den Blickpunkt der Forscher. Es verstärkt sich der Eindruck, dass Schach eine wichtige Katalysatorfunktion übernehmen kann, um positive Veränderungen zu erreichen, hinsichtlich:

  • Sozialverhalten
  • Einstellung zum Lernen
  • Förderung der Lernfähigkeit
    o Arbeitsgedächtnis verbessern
    o Konzentrationsfähigkeit stärken
    o sich auf eine Aufgabe fokussieren
  • Therapeutische Effekte
    o mentale Gesundheit fördern
    o Aggressionen abbauen
    o Selbstvertrauen stärken
    o Lernbehinderungen bewältigen – zum Beispiel ADHS

Die Datenbank „Schach in der Schule und in der Bildung“ gibt Hinweise, wie intensiv einzelne Aspekte zu Bildung und Schule mit Schach als Untersuchungsgegenstand erforscht wurden. Für folgende Schlagwörter findet man folgende Artikel (Status: 04.12.2020):

  • teach (lehren/ lernen) – 83 Arbeiten
  • mathematics (Mathematik) – 64 Arbeiten (fokussiert auf das Unterrichtsfach, enthält keine wissenschaftlichen Abhandlungen zum n x n Damenproblem, Springer-Touren, etc.
  • cognitive (kognitiv) – 47 Arbeiten
  • pedagogic (pädagogisch) – 44 Arbeiten
  • skills (Fähigkeiten) – 30 Arbeiten
  • preschool (Vorschule/ Kindergarten) – 28 Arbeiten
  • Didactic (Didaktik) – 14 Arbeiten
  • disability (Behinderung) – 9 Arbeiten
  • memory (Gedächtnis) – 7 Arbeiten
  • ADHD (ADHS) – 3 Arbeiten

Zwei Studienarbeiten werden kurz vorgestellt:

1. Arbeitsgedächtnis und Schach

Zum Zusammenhang zwischen Schachtraining und schulischen Leistungen bzw. Schachtraining und IQ wurde schon viel geforscht und geschrieben. Hingegen blieb die Wirkung von Schach auf den menschlichen Arbeitsspeicher – das menschliche Arbeitsgedächtnis – bisher eher unerforscht. Indische Wissenschaftler (Joseph, Easvaradoss, Abraham & Vaddadi, 2020)8 stellten kürzlich die Ergebnisse ihrer 2-jährigen Interventionsstudie „Malleability of Working Memory Through Chess in Schoolchildren—A Two-Year Intervention Study“ vor. Die lange Dauer der Studie und die hohe Stichprobe (178 Kinder, davon 88 Kinder in der Gruppe mit Schachtraining und 90 Kinder in der Kontrollgruppe ohne Schachtraining) lassen fundierte Rückschlüsse zu.

Die Autoren Joseph, Easvaradoss, Abraham & Vaddadi unterstreichen die Bedeutung eines zielgerichteten, fundierten Schachtrainings. Der multisensorische Trainingsansatz, das Lernen mit allen Sinnen, stellt den Lernerfolg und die Fortschritte beim Schachspielen sicher. Die Studie zeigte, dass regelmäßiges Schachtraining die Leistung des Arbeitsgedächtnisses der Kinder in der Schachgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant steigerte. Die Autoren sind der Überzeugung, dass systematisches Schachtraining auf der Grundlage eines durchdachten Lehrplanes zu einem bedeutenden Zugewinn des Arbeitsgedächtnisses führt und seine Arbeitsweise optimiert. Positive Ergebnisse würden sich nicht nur in schulischen Leistungen, sondern auch im kognitiven Verhalten (Aufmerksamkeit, Erinnerung, Planen, …) zeigen. Das mentale Wohlbefinden des Kindes verbessert sich ebenfalls. Die Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses mittels Schachtraining sollte laut den Autoren ein wichtiges Ziel für Psychologen, Pädagogen, Schachtrainer und Kognitionswissenschaftler sein.

2. Schulsozialarbeit/ pädagogische Psychologie und Schach

Der ausführliche Erfahrungsbericht „Способы использования шахмат в работе педагога-психолога в сфере образования“ 9 (Möglichkeiten, Schach in der Arbeit des pädagogischen Psychologen im Bereich der Bildung einzusetzen) zeigt, was mit welchem Aufwand erreichbar ist. Das soll Erzieher, Lehrer, Pädagogen, Psychologen, Psychotherapeuten ermutigen, Schach in ihren Instrumentenkasten aufzunehmen.

In der Arbeit wird ein Programm vorgestellt, was für 17 Unterrichtseinheiten ausgelegt ist, wie man erfolgreich verhaltensauffälligen Kindern helfen kann. Ziel ist es, Bedingungen für die soziale Anpassung von Kindern im Schulalter zu schaffen, emotionale Störungen und Verhaltensstörungen vernachlässigter Kinder zu korrigieren und die geistige Entwicklung zu fördern. Es werden 5 wichtige Prinzipien formuliert, die sicherlich den Lehrern und Pädagogen bekannt vorkommen werden

  1. Das Prinzip der positiven Einstellung
  2. Das Prinzip des Interesses
  3. Das Prinzip der Unterstützung
  4. Das Prinzip der Erziehung und Förderung
  5. Das Prinzip der Akzeptanz

Die Unterrichtsstunden weisen ähnliche Abläufe auf, um den Kindern Struktur und Vertrautheit zu vermitteln:

  1. Begrüßung der Teilnehmer
  2. Anregung der Aufmerksamkeit bei den Kindern durch Spiele
  3. Reflexion der Unterrichtseinheit
  4. Informationsblock
  5. Praktischer Block
  6. Reflexion der Unterrichtseinheit
  7. Abschiedsritual

Die Ergebnisse, die die Autorin L.O. Krasilnikova mit dem Programm „Magic Chess“ erreichte, lassen sich so zusammenfassen:
Im Unterricht des Förderprogramms „Magic Chess“ zeigten vernachlässigte und in der Entwicklung zurückgebliebene Kinder gegenseitige Toleranz und reagierten sensibel und aufmerksam aufeinander. Viele Gruppenmitglieder wurden Freunde. Die geringe verbale Kommunikation ist nach Meinung der Autorin eine der Eigenschaften des Schachspiels, die Kinder mit Lernschwierigkeiten attraktiv finden. Schach bietet die Möglichkeit, sich in einem Team zu fühlen und sich mit einer Sache zu beschäftigen, ohne viel reden zu müssen. Jedoch hat sie wiederholt erlebt, dass schachbegeisterte Kinder, die unter Sprachstörungen litten, begannen, Gedanken und Gefühle klar zu artikulieren. Bei den Kindern wuchs das Selbstbewusstsein. Dies zeigte sich insbesondere in der Nachsichtigkeit gegenüber den schwächeren Partner, die falschen Schachzüge zurückzunehmen. Viele Kinder steigerten ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstachtung. Die Kinder fingen an, sich würdevoller und ruhiger zu verhalten.

Eigenschaften des Schachs und die pädagogischen Auswirkungen

nach Wilson da Silva 10

Merkmale beim Schach Auswirkungen auf Erziehung und Charakterbildung
Ruhig auf dem Stuhl sitzen und konzentriert bleiben Entwicklung der psychophysischen Selbstkontrolle
Züge in einer bestimmten Zeit ausführen Problemanalyse in der verfügbaren Zeit
Zug nach gründlicher Analyse ausführen Entwicklung der Fähigkeit zu umfassendem und tiefem Denken
Nach einem noch besseren Zug Ausschau halten Hartnäckigkeit und Engagement zur kontinuierlichen Verbesserung
Von einer ausgeglichenen Position zum Partiegewinn eine glänzende Abschlusskombination anstreben Kreativität und Fantasie
Das Ergebnis zeigt, wer den besten Plan hatte Respekt für die Meinung anderer Menschen
ohne fremde Hilfe unter den verschiedenen Möglichkeiten eine einzige auswählen Förderung der selbständigen Entscheidungsfindung
Der Zug sollte die logische Konsequenz des oben Gesagten sein und Folgendes vorbereiten Übung für das logische Denken, zur Stärkung des Selbstbewusstseins und  des Gedankenflusses

Interessante wissenschaftliche Arbeiten zu verschiedenen Aspekten des Lernens und Verhaltens auf Grundlage des Schachs

• Schach in Vorschule / Kindergarten

Titel: Introduction of chess in preschool childhood: a pedagogical experiment / Iniciación del ajedrez en la infancia preescolar: un experimento pedagógico
Autoren: C Luis Enrique Pérez Peña
Jahr: 2020
Link

Titel: The Effect of Chess Instruction on the Concentration Skills of Preschool Children / Satranç Öğretiminin Okul Öncesi Çocukların Dikkat Toplama Becerilerine Etkisi
Autoren: Selma Tatlipinar, Hüseyin Serçe
Jahr: 2019
Link

Titel: Methods of teaching chess for preschool children / Методика обучения детей 5-6 лет игре в шахматы
Autoren: Yulia Andreevna Korobeynikova, Pavel Vladimirovich Korobeynikov
Jahr: 2020
Link

• Schach und Behinderung

Titel: Pedagogical concept of technical and tactical training of persons with disabilities in chess sport
Autor: I.V. Mikhaylova
Jahr: 2019
Link

Titel: CHESS: PEDAGOGICAL TOOL FOR STUDENTS WITH INTELLECTUAL DISABILITIES / INSTRUMENTO PEDAGÓGICO PARA ALUNOS COM DEFICIÊNCIA INTELECTUAL
Autoren: Antenor Oliveira Silva Neto, Tamara Cardoso Bastos Santos
Jahr: 2018
Link

• Schach und Arbeitsgedächtnis

Titel: Effects Of Chess On Child Neuropsychological Functioning WorkingMemory And Planning / Efectos Del Ajedrez en el Funcionamiento NeuropsicológicoInfantil de la Memoria de Trabajo y la Planificación
Autoren: Luis Sandoval-Tipán, Carlos Ramos-Galarz
Jahr: 2020
Link

Titel: The Effectiveness of Chess on Problem-Solving, Working Memory, and Concentration of Male High School Students
Autoren: Askar Atashafrouz
Jahr: 2020
Link

Titel: Impact of chess on the executive functions of working memory and planning / Impacto del ajedrez en las funciones ejecutivas de memoria de trabajo y planificación
Autoren: Sandoval Tipán, Bryan Luis
Jahr: 2019
Link

• Schach und Didaktik

Titel: Creating possibilities for the didactic use of the game of chess in the teaching of mathematics / Criando possibilidades para o uso didático do jogo de xadrez no ensino da matemática
Autoren: José Luiz do Nascimento Lima
Jahr: 2020
Link

Titel: DIDACTIC STRATEGY OF TEACHING MATHEMATICS LEARNING USING CHESS, WILL IMPROVE ACADEMIC PERFORMANCE IN STUDENTS OF I.E. N ° 10905–SALAS / ESTRATEGIA DIDÁCTICA DE ENSEÑANZA APRENDIZAJE DE MATEMÁTICA UTILIZANDO EL AJEDREZ, MEJORARÁ EL RENDIMIENTO ACADÉMICO EN ESTUDIANTES DE LA I. E. N° 10905-SALAS
Autoren: Luis Alberto Calderón Zuñiga; Juan Carlos Callejas Torres
Jahr: 2020
Link

Referenzen

1) Ekaterina Blavina, 08.12.2016, Тюльпанов предложил сделать уроки шахмат обязательными во всех российских школах, Парламентская газета https://www.pnp.ru/social/2016/12/08/vadim-tyulpanov-predlozhil-sdelat-uroki-shakhmat-obyazatelnymi-vo-vsekh-rossiyskikh-shkolakh.html

2) 13.10.2017, Шахматы в российских школах станут обязательными. Министр: „Учить по методичке сможет любой“, http://chess-news.ru/node/23822

3) 04.05.2004 http://arquivo.esporte.gov.br/index.php/112-noticias-segundo-tempo/41338-xadrez-nas-escolas-promete-revolucionar-ensino-no-brasil

4) Amelia Hamze, JOGO DE XADREZ NAS ESCOLAS. https://educador.brasilescola.uol.com.br/trabalho-docente/xadrez.htm

5) Patrícia Künzel, 01.04.2006, Paranaense difunde xadrez escolar na América Latina, Gazeta do Povo, https://www.gazetadopovo.com.br/vida-e-cidadania/paranaense-difunde-xadrez-escolar-na-america-latina-9yjb0l577fohiacdkdlpf1bgu/

6) 2019, I ENCONTRO INTERNACIONAL DE PESQUISADORES EM XADREZ, http://caioba2019.fexpar.com.br/i-encontro-brasileiro-de-pesquisadores-em-xadrez/

7) John Foley, 29.09.2017, The Impact of the London Chess Conference, https://londonchessconference.com/the-impact-of-the-london-chess-conference/

8) Ebenezer Joseph, Veena Easvaradoss, Suneera Abraham, Sweta Vaddadi, 2020, Malleability of Working Memory Through Chess in Schoolchildren—A Two-Year Intervention Study, https://cognitivesciencesociety.org/cogsci20/papers/0493/0493.pdf

9) Larissa Olegowna Krasilnikowa, 2017, Способы использования шахмат в работе педагога-психолога в сфере образования, https://psyjournals.ru/files/94965/vestnik_psyobr_2017_n3_Krasilnikova.pdf

10) Thiago Jesus de Oliveira, 10.09.2019, O xadrez como alternativa pedagógica no âmbito escolar, Educação Pública, https://educacaopublica.cecierj.edu.br/artigos/19/20/o-xadrez-como-alternativa-pedagogica-no-ambito-escolar

Wie Schachspieler den Lockdown während der Pandemie meistern

Der Corona-Virus bzw. Covid-19 hat das Leben in nie gekannter Weise verändert. Im Frühjahr führte der Lockdown in vielen Ländern zu großen Einschränkungen der sozialen Kontakte und der eigenen Bewegungsfreiheit, wobei die Menschen in Deutschland im Vergleich zu Spanien oder Frankreich keineswegs „eingesperrt“ waren. Spaziergänge und Lebensmitteleinkäufe waren gestattet. Weil auch Schulen und Kindergärten lange Zeit geschlossen blieben, warnten Psychologen vor Panik, Angstzuständen und Depressionen bei Kindern und bei Erwachsenen. Nun erleben die Menschen in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, erneut einen Lockdown, Vereinstraining, Wettkämpfe und Vereinsfeiern müssen abgesagt werden. Theater, Kinos, Restaurants, Bars bleiben geschlossen. So mancher sorgt sich um seinen Job und die beruflichen Perspektiven. Wie kommen Schachspieler mit den durch die Corona-Pandemie verursachten Einschränkungen klar? Laut einer internationalen Studie 1, bei der Forscher aus Spanien und Kolumbien 450 Schachspieler aus der ganzen Welt unter die Lupe nahmen, können sich die Schachspieler gut mit den Einschränkungen im Alltag arrangieren, ohne dass sie dies als übermäßigen Stress wahrnehmen.

Schach ist in erster Linie ein individueller Sport, der mit geistigem, emotionalem und körperlichem Stress verbunden ist. Die Forschergruppe aus Spanien und Kolumbien untersuchte, wie sich die Einschränkungen im täglichen Leben infolge der Corona-Pandemie auf das Verhalten der Schachspieler auswirkte. Die im Sitzen verbrachte Zeit während der beruflichen Tätigkeit und in der Freizeit stieg an, körperliche Aktivitäten fanden nicht mehr im gewohnten Umfang statt. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Schachspieler während des Lockdowns körperlich weniger aktiv waren und sich mehr dem Schachtraining widmeten. Die körperliche Inaktivität bezeichnen die Autoren als besorgniserregend. Schon 2009 mahnten Wissenschaftler 2 an, dass die Schachspieler mehr auf ihre körperliche Fitness achten sollen. Trotz der Einschränkungen während der Corona-Pandemie können die Schachspieler und alle anderen Menschen mit wenig Aufwand viel für ihre körperliche und mentale Fitness tun: Aerobic, Zumba, Radfahren, Ergometer, Gymnastik, Krafttraining, Tanzen, …3

Mit körperlichem Sport werden Stress und Aggressionen abgebaut und das allgemeine Wohlbefinden gefördert. Die Supergroßmeister gehen mit gutem Beispiel voran. Viele von ihnen achten auf ihre Fitness und auf eine gesunde Lebensweise, weil sie wissen, dass eine gute körperliche Fitness hilft, die hohen intellektuellen und emotionalen Belastungen während der Wettkämpfe zu meistern. Weltmeister Magnus Carlsen und der Herausforderer in 2018 Fabiano Caruana gewähren Einblick in ihr Training 4:

  • Magnus Carlsen mag besonders Fußball, spielt Basketball sowie Tennis, aber auch Tischtennis. Laufen und Yoga gehören ebenso zu seinem Trainingsprogramm.
  • Fabiano Caruana läuft morgens 8 km. Auf seinem Trainingsplan stehen noch Schwimmen, Basketball und Tennis.
  • Vidit Gujrathi hielt sich während des Lockdowns im Frühjahr mit dem Laufband fit und machte lange Spaziergänge als Ausgleich für die sitzende Tätigkeit (Schachtraining). 5

Die vorliegende Studie1 legt nahe, dass sich die Schachspieler gut mit den durch die Pandemie verursachten Einschränkungen im Alltag arrangieren können, weil sie sich vermutlich besser darauf einstellen können. Diesen Gedanken stützt auch die in diesem Jahr veröffentlichte Arbeit „Grundlagen langfristiger Trainingssysteme für Denksportarten“ 6, die darauf verweist, dass unter anderen die Schachspieler ihre Gefühle und Gedanken besser kontrollieren und sich besser von äußeren negativen Faktoren abkoppeln können. Auch hier wird die große Bedeutung des körperlichen Sports zur Regenerierung des Gehirns betont. Morgengymnastik, Schwimmen, Wandern und Sportspiele werden empfohlen.

Weitere nützliche Informationen und Tipps wurden zum ersten Lockdown im Frühjahr 2020 in der Zeitschrift „Psychotherapeut“ (Springer Medizin Verlag) unter dem Titel „Häusliche Isolation und Quarantäne gut überstehen“ veröffentlicht. Volltext PDF-Datei

Die Zeitschrift „The Physician“ veröffentlichte einen lesenswerten Artikel zur Geschichte der Pandemie, beginnend in der Antike bis zur Gegenwart „A History of pandemics over the ages and the human cost“ 7 (9 Seiten)

 

Referenzen:

1 Fuentes-García JP, Martínez Patiño MJ, Villafaina S and Clemente-Suárez VJ (2020), The Effect of COVID-19 Confinement in Behavioral, Psychological, and Training Patterns of Chess Players. Front. Psychol. Volltext PDF-Datei

2 Fornal-Urban A, Keska A, Dobosz J, Nowacka-Dobosz S. (2009) [Physical fitness in relation to age and body build of young chess players]. Pediatric Endocrinology, Diabetes, and Metabolism. 2009 ;15(3):177-182.  Link zu Abstract

3 Hammami, A., Harrabi, B., Mohr, M., and Krustrup, P. (2020). Physical activity and coronavirus disease 2019 (COVID-19): specific recommendations for home-based physical training. Manag. Sport Leisure 25, 1–6. Volltext PDF-Datei

4 Тренировки тела и диета шахматиста. Советы Карлсена и Каруаны. Website: https://zen.yandex.ru/media/chessmaster/trenirovki-tela–dieta-shahmatista-sovety-karlsena-i-karuany-5edf6d1f6745293fc3b6218c (30.10.2020)

5 Grandmaster missing other games during lockdown. (The New Indian Express) Website: https://www.newindianexpress.com/sport/other/2020/apr/02/grandmaster-missing-other-games-during-lockdown-2124596.htmlc (30.10.2020)

6 Dolbysheva,N. (2020). Fundamentals of long-term training systems in mind sports. Human Movement 21 (2020): 1-20. Volltext PDF-Datei

7 Dasgupta, S., & Crunkhorn, R. (2020). A History of pandemics over the ages and the human cost. The Physician, 6(2). Volltext PDF-Datei

Das Projekt „Schach im Kindergarten“ feiert Geburtstag

Dass die Kinder in den Kindergarten gehen, war in der DDR Normalität. Im wiedervereinigten Deutschland beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass der Kindergarten die frühkindliche Entwicklung fördert und gut auf die Schule vorbereitet. Experten diskutieren Ideen und Konzepte. In der Studie der Freien Universität Berlin aus 2014 wird festgestellt: „Qualitativ hochwertige Kindertageseinrichtungen haben vor allem für Kinder in prekären Lebenslagen eine Kompensationsfunktion, da sie ihnen gesellschaftliche Teilhabe, Lernanregungen und positive außerhäusliche Erfahrungen ermöglichen. Sie können nicht nur die kognitive und sozio-emotionale Entwicklung der Kinder positiv beeinflussen.1 2006 ergriff Ralf Schreiber die Initiative, rief „Schach für Kids“ ins Leben und entwickelte die Lehrmethode „Schach im Kindergarten“. Die vielen Ehrungen zeugen von der großen Anerkennung für sein hervorragendes Engagement und für seinen Weitblick.

Die Geschichte der Kindergärten reicht weit zurück. 1840 wurde der erste Kindergarten von Friedrich Fröbel in Bad Blankenburg, mitten in Deutschland, gegründet. „Nicht das schulmäßige Lernen sollte angestrebt, sondern vielmehr die geistigen Anlagen geweckt, gestärkt und auch geleitet werden, um den sich entwickelnden Verstandes-, Gefühls- und Willenskräften eine gute Basis zu schaffen.“2 Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer beschreibt die hohe Leistungsfähigkeit und Talente der Kinder treffend mit „Junge Gehirne sind wahre Lernmaschinen, Informationsaufsauger, Regelgeneratoren und zudem Motivationskünstler“.3

Die Kindergärten weisen regional zusätzliche Angebote aus: Englisch, Musikinstrument, diverse Sportarten, Schach, … Der Grat zwischen Förderung und Überforderung ist schmal. Es kommt nicht selten vor, dass die wohlgemeinte Förderung in Förderwahn der Eltern umschlägt, obwohl die Eltern nur das Beste für ihr Kind wollen – nämlich optimale Startbedingungen für das spätere Leben schaffen. Es gibt Kinder, die haben einen durchstrukturierten Zeitplan: Montag – Reiten, Dienstag Fußball, Mittwoch – Musikschule, Donnerstag – Tanzen, Freitag – Schach, Wochenende- Wettkämpfe und Auftritte. Dem Kind bleibt wenig Zeit, seine Ideen und Fantasien auszuleben. Mal nichts tun, Pause machen, träumen – die viel verpönte Langeweile fördert die Kreativität! Dies gilt für Kinder wie Erwachsene, wie inzwischen die Wissenschaft herausgefunden hat. Der Hirnforscher Henning Beck erklärt: „Wer trotz Stress produktiv bleiben will, der benötigt Spiele, Emotionen und ab und zu Langeweile.“4

Es ist keine Seltenheit, dass sich Kinder für andere Spiele und Sportarten als die Eltern begeistern. Das Wichtigste ist, dass die Kinder mit Spaß und Freude die Lernangebote wahrnehmen und den Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Die Initiative „Schach für Kids“, die am 04. Oktober 2020 ihren 15. Geburtstag feierte, verbindet alle Elemente miteinander. Die Kinder entdecken spielerisch die Magie des Schachs, das besondere Eigenleben der Schachfiguren und lernen nebenbei, sich auf eine Sache zu konzentrieren, trainieren das Gedächtnis, stärken das Selbstvertrauen und verhalten sich respektvoll, wie unterschiedliche Studien im In- und Ausland bestätigen. Eine umfangreiche Studie, die die Stiftung Mercator finanzierte, belegt die hohe Qualität und die Erfolge des Projektes „Schach im Kindergarten“

Expertise für das wissenschaftlich begleitete Projekt „Schach im Kindergarten“
Pressemeldung „Schach für Kids“ vom 06.10.2020
Sprach-Kitas und Schach-Kitas – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Die Schachbegeisterung der Kindergartenkinder bzw. Kinder bis 8 Jahre kann durch ein größeres Angebot von Schachturnieren zusätzlich gefördert werden. In Deutschland gibt es viele Schachfunktionäre und Schachfreunde, die die Sinnhaftigkeit von Schachturnieren für kleine Kinder (bis 8 Jahre) bezweifeln. Die russische Studie aus 2015 „Chess competitions as a stage of the chess learning process of preschoolers“ sollte alle Zweifel ausräumen: Der regelmäßigen Teilnahme an Schachwettbewerben kommt eine Schlüsselrolle beim Erlernen des Schachspiels zu. Kinder, die an Turnieren teilnehmen, haben nicht nur ihr Spielniveau deutlich verbessern können, sondern zeigen auch eine größere Begeisterung für Schach.  Die Platzierung im Schachturnier ist nicht von zentraler Bedeutung, wichtiger ist  die Teilnahme und die zusätzliche Spielpraxis. Den Schachlehrern wird empfohlen, regelmäßig Turniere für die Kindergartenkinder zu organisieren, egal ob als Meisterschaft, Familien- oder Breitenschachturnier.“5

Ralf Schreiber erhält den Deutschen Schachpreis im NRW-Landtag
Ralf Schreiber erhält den Deutschen Schachpreis im NRW-Landtag

Referenzen:

1 Gönder D. (2014), KiTA 2030: Eine Delphi-Befragung zur Zukunft von Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Berlin: Freie Universität Berlin, Institut Futur  Volltext PDF-Datei

2 Wasmuth, H. (2010). Kindertageseinrichtungen als Bildungseinrichtungen: Zur Bedeutung von Bildung und Erziehung in der Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland bis 1945, Eberhard-Karls-Universität, Tübingen Volltext PDF-Datei

3 Spitzer, M. (2003). Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag

4 Quelle SWR, https://www.swr.de/wissen/odysso/aexavarticle-swr-79146.html

5 Kozlov, G.A. (2015), Chess competitions as a stage of the chess learning process of preschoolers. Scientific theory journal „Uchenye zapiski universiteta imeni P.F. Lesgafta“, No. 5 (123) – 2015  Volltext PDF-Datei (in Russisch)

Zusammenhang zwischen Arbeitsgedächtnis, Lernerfolg und Schach – der Weg zu mehr Lernerfolg

Mit Schach das Arbeitsgedächtnis bei Schulkindern verbessern – eine zweijährige Interventionsstudie

Originaltitel: „Malleability of Working Memory Through Chess in Schoolchildren—A Two-Year Intervention Study“
Veröffentlichung: 2020
Autoren: Ebenezer Joseph, Veena Easvaradoss, Suneera Abraham, & Sweta Vaddad

Lernerfolg in der Schule wünschen sich Kinder, Eltern und Pädagogen. Die Kinder bringen unterschiedliche Voraussetzungen und Fähigkeiten mit. In den letzten Jahren ist die Wissenschaft in neue Bereiche vorgedrungen, um die Voraussetzungen für den Lernerfolg zu bestimmen und Möglichkeiten zu finden, die Kinder auf die Erfolgsspur zu bringen. „Für das Lernen und die Ausbildung ist es wichtig, die Grundprinzipien der kognitiven Entwicklung und der kognitiven Psychologie zu berücksichtigen und die Materialien an die Fähigkeiten des Arbeitsgedächtnisses des Lernenden anzupassen.“(Cowan, 2014). Schön wäre es, wenn man die Kinder ohne Drill und Druck auf ein höheres Niveau hieven kann. Jüngste Forschungsergebnisse machen Hoffnung, wobei auch das Schachspiel mit all seinen Besonderheiten in den Blickpunkt rückt. Gleichzeitig bestätigt die hier vorgestellte Studie die wertvolle Arbeit der Lehrer, die Schach unterrichten und der vielen, meist ehrenamtlichen Schachtrainer in Deutschland.

Zum Zusammenhang zwischen Schachtraining und schulischen Leistungen bzw. Schachtraining und IQ wurde schon viel geforscht und geschrieben. Hingegen blieb die Wirkung von Schach auf den menschlichen Arbeitsspeicher – das menschliche Arbeitsgedächtnis – bisher eher unerforscht. Indische Wissenschaftler (Joseph, Easvaradoss, Abraham & Vaddadi, 2020) stellten kürzlich die Ergebnisse ihrer 2-jährigen Interventionsstudie „Malleability of Working Memory Through Chess in Schoolchildren—A Two-Year Intervention Study“ vor. Die lange Dauer der Studie und die hohe Stichprobe (178 Kinder, davon 88 Kinder in der Gruppe mit Schachtraining und 90 Kinder in der Kontrollgruppe ohne Schachtraining) lassen fundierte Rückschlüsse zu.

Das Arbeitsgedächtnis (working memory) speichert kurzzeitig Informationen, verarbeitet Informationen und ist an der Bewältigung komplexer Aufgaben beteiligt. Aktuelle Forschungsarbeiten zeigen Zusammenhänge zwischen Arbeitsgedächtnis und vielen kognitiven Fähigkeiten:

  • Spracherwerb (Engel de Abreu, Gathercole, & Martin, 2011)
  • Lesefähigkeit (Stevenson, Bergwerff, Heisera, & Resinga, 2014)
  • Rechenfähigkeit (Stevenson, Bergwerff, Heisera, & Resinga, 2014)
  • Leseverständnis (Seigneuric, Ehrlich, Oakhill, & Yuill, 2000)

Das Arbeitsgedächtnis eignet sich auch sehr gut als Prädiktor für schulische Leistungen, wie in o.g. und anderen Arbeiten inzwischen nachgewiesen wurde. Die Beurteilung des Arbeitsgedächtnisses ist eine gute Möglichkeit, Kinder zu identifizieren, bei denen ein hohes Risiko besteht, eher schlechte Lernergebnisse zu erreichen (Gathercole & Alloway, 2008).

Die Autoren Joseph, Easvaradoss, Abraham & Vaddadi der hier vorgestellten Interventionsstudie legen anschaulich dar, wie Schach das Arbeitsgedächtnis fordert und fördert: Während des Schachspielens verarbeitet das Kind enorme Informationsmengen, dabei greift es auf das Langzeitgedächtnis und die vor ihm liegenden Informationen zu. Das Kind verwendet unterschiedliche mentale Techniken:

  • Visualisieren (Züge vorausdenken und die sich ergebende Stellung geistig vors Auge führen)
  • Erinnern an bekannte Schachaufgaben, Partiestellungen, Vorgehensweisen und
  • Abgleichen und Vergleichen mit dem laufenden Spiel

In deren Ergebnis wird die Schachstellung auf dem Schachbrett bewertet, die zur Verfügung stehenden Optionen werden untereinander abgewogen, die zur Wahl stehenden Züge werden beurteilt, um die beste Wahl in der jeweiligen Stellung auf dem Schachbrett zu treffen.

Für die Studie wurde das Arbeitsgedächtnis mit Hilfe der WISC-IV (Wechsler-Intelligenzskala für Kinder – Vierte Auflage, 2012) gemessen.* Um eine genaue Bewertung zu gewährleisten, wurde eine indische Ausgabe der WISC-IV verwendet. Der Test lieferte Subtest- und zusammengesetzte Ergebnisse, die das intellektuelle Funktionieren in bestimmten kognitiven Bereichen darstellten, sowie ein zusammengesetztes Ergebnis, das die allgemeine intellektuelle Fähigkeit darstellte.

Die Werte des Digit Span Subtests und des Letter Number Sequencing Subtests bilden den Arbeitsgedächtnisindex. Die Subtests sind:

  • Digit Span (primär, FSIQ) – Kinder hören mündlich Zahlenfolgen und wiederholen sie wie gehört, in umgekehrter Reihenfolge und in aufsteigender Reihenfolge.
  • Letter Number Sequencing – Buchstaben-Zahlen-Sequenzierung (sekundär) – Kinder erhalten eine Reihe von Zahlen und Buchstaben und werden gebeten, diese dem Prüfer in einer vorgegebenen Reihenfolge zur Verfügung zu stellen.*

Diese Subtests erlauben unter anderem Rückschlüsse auf das auditive Kurzzeitgedächtnis, die Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Sequenzierung, kognitive Flexibilität und visuell-räumliche Bildgebung.

Die Interventionsstudie befasst sich mit der Frage, inwieweit Maßnahmen einen Einfluss haben oder den Verlauf beeinflussen. Die unabhängige Variable ist im vorliegenden Fall das Schachtrainingsprogramm und die abhängige Variable das Arbeitsgedächtnis des Kindes. Es gibt eine Behandlungsgruppe (Gruppe mit Schachtraining) und eine Kontrollgruppe (Gruppe ohne Schachtraining).

Die Schachintervention war das regelmäßig stattfindende Schachtraining, eine Stunde pro Woche über die Zeitdauer von 2 Jahren. Die Kinder wurden entsprechend ihres Alters, Klasse und Spielstärke einer Gruppe zugeordnet. Um sicherzustellen, dass die Kinder immer in der richtigen Gruppe waren, wurden regelmäßig Bewertungen vorgenommen. Das Schachtraining orientierte sich an dem Niveau der Gruppe und der Kinder. Beim Schachtraining setzte man auf das patentierte Schachtrainingsprogramm (Joseph, 2008). In Deutschland kann man auf deutschsprachige Schachprogramme wie  Schach für Kids, Brackeler Schachlehrgang, Stappenmethode, Fritz & Fertig, u.a.** zurückgreifen. Im Schachtraining setzt man auf Erläuterungen am Schach-Demonstrationsbrett, praktisches Üben am eigenen Schachbrett, Übungsaufgaben, Taktikaufgaben, Schachsoftware, Schachturniere. Die Kinder lernten im Schachunterricht die Grundregeln, Schacheröffnungen, Endspiele, spielten herausragende Partien aktueller und früherer Schachmeister nach.

Die Autoren Joseph, Easvaradoss, Abraham & Vaddadi unterstreichen die Bedeutung eines zielgerichteten, fundierten Schachtrainings. Der multisensorische Trainingsansatz, das Lernen mit allen Sinnen, stellt den Lernerfolg und die Fortschritte beim Schachspielen sicher. Die Studie zeigte, dass regelmäßiges Schachtraining die Leistung des Arbeitsgedächtnisses der Kinder in der Schachgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant steigerte. Die Autoren sind der Überzeugung, dass systematisches Schachtraining auf der Grundlage eines durchdachten Lehrplanes zu einem bedeutenden Zugewinn des Arbeitsgedächtnisses führt und seine Arbeitsweise optimiert. Positive Ergebnisse würden sich nicht nur in schulischen Leistungen, sondern auch im kognitiven Verhalten (Aufmerksamkeit, Erinnerung, Planen, …) zeigen.  Das mentale Wohlbefinden des Kindes verbessert sich ebenfalls. Die Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses mittels Schachtraining sollte laut den Autoren ein wichtiges Ziel für Psychologen, Pädagogen, Schachtrainer und Kognitionswissenschaftler sein.

 

Anmerkungen:

*Erläuterungen zu „WISC-IV (Wechsler-Intelligenzskala für Kinder“, Link zu Wikipedia
**siehe auch Deutsche Schulschachstiftung e.V. Link

Referenzen:

Cowan, N. (2014). Working memory underpins cognitive development, learning and education. Educational Psychology Review, 26(2), 197–223.  Volltext PDF-Datei

Engel de Abreu, P. M. J., Gathercole, S. E., & Martin, R. (2011).Disentangling the relationship between working memory and language: The roles of short-term storage and cognitive control. Learning and Individual Differences, 21(5), 569–574. Volltext PDF-Datei

Gathercole, S. E., & Alloway, T. P. (2008). Working memory and learning: A practical guide for teachers.London: Sage. Link

Joseph, E., Easvaradoss V., Abraham S. & Vaddadi, S. (2020), Malleability of Working Memory Through Chess in Schoolchildren—A Two-Year Intervention Study. https://cognitivesciencesociety.org/  Volltext PDF-Datei

Joseph, E. (2008). IndiaPatent No. L-32958/2009

Seigneuric, A., Ehrlich, M. F., Oakhill, J. V., & Yuill, N. M. (2000). Working memory resources and children’s reading comprehension. Reading and Writing,13(1/2), 81–103 Volltext PDF-Datei

Stevenson, C. E., Bergwerff, C. E., Heisera, W. J., & Resinga, W. C. M. (2014).Working memory and dynamic measures of analogical reasoning as predictors of children’s math andreading achievement. Infant andChild Development,23(1), 51–66. Volltext PDF-Datei

Möglichkeiten, Schach in der Arbeit des pädagogischen Psychologen im Bereich der Bildung einzusetzen

Schon in der Grundschule wird Förderunterricht angeboten, oft eine Unterrichtsstunde in der Woche, um flüssig lesen zu lernen oder die Grundrechenaufgaben zu verinnerlichen oder andere Lernprobleme zu lösen. Dann stehen unter Umständen 5 oder 6 Kinder vor der Tür, denen innerhalb der 45-minütigen Unterrichtsstunde, individuell geholfen werden soll. Ob die Lernmotivation steigt und wie die Erfolgsquote ist, soll hier nicht thematisiert werden. Als unangenehm sehe ich, dass ein gewisser Stempel durch „Ich gehe zum Förderunterricht“ aufgedrückt wird, weil man zum Ausdruck bringt, dass man Schwierigkeiten hat. Statt „ich gehe zum Förderunterricht“ hört sich „Ich gehe zum Schachunterricht.“ viel interessanter an. Die Zuhörer werden neugierig und bringen oft ihren Respekt zu dem Unterfangen zum Ausdruck. Das wäre ein zusätzlicher Motivationsschub für das Kind. Wie auch im Artikel herausgestellt, wird dank des Schachspielens das Selbstvertrauen und das Selbstbewusstsein des Kindes gestärkt. Der Ehrgeiz wird angestachelt, was sich positiv auf die Lernmotivation überträgt. Der Vorteil von Schach besteht darin, dass es keiner großartigen Voraussetzungen – Geld, Raum, Ort, Arbeitsmaterialien, Gesundheit – bedarf, um Schach zu lehren. Der nachfolgende ausführliche Erfahrungsbericht zeigt, was mit welchem Aufwand erreichbar ist. Das soll Erzieher, Lehrer, Pädagogen, Psychologen, Psychotherapeuten ermutigen, Schach in ihren Instrumentenkasten aufzunehmen.

Möglichkeiten, Schach in der Arbeit des pädagogischen Psychologen im Bereich der Bildung einzusetzen

Originaltitel: „Способы использования шахмат в работе педагога-психолога в сфере образования“
Autorin: L.O. Krasilnikova
deutsche Übersetzung: Frank Bicker, PDF-Download (8 Seiten)
Quelle: Вестник практической психологии образования (2017. Том 14, № 3. С. 72–76), Direkter Link
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages: Moskauer Staatliche Universität für Psychologie und Pädagogik1

Krasilnikowa Larissa Olegowna ist pädagogische Psychologin der höchsten Kategorie2 , pädagogische Psychologin der territorialen psychologisch-medizinisch-pädagogischen Kommission am MBU „Zentrum für Information und methodische Begleitung der Bildungseinrichtungen“3 in Aluschta, Republik Krim, Methodiker am MBU „Zentrums für Information und methodische Begleitung der Bildungseinrichtungen“ in Aluschta, Leiterin der methodischen Vereinigung pädagogischer Psychologen in Aluschta.
Wissenschaftliche Interessen: psychologische Unterstützung der Bildungsteilnehmer, Förderung und Entwicklung psychologischer Fähigkeiten bei den Bildungsteilnehmern, Pädagogische Psychologie.

Zusammenfassung: Im Aufsatz werden Inhalt und Aufgaben des pädagogischen Psychologen in dem Förderprogramm „Magic Chess“ beschrieben. Das Programm wird in der Arbeit mit Kindern eingesetzt, die eine schwache Lernmotivation besitzen und/oder unter Vernachlässigung leiden, um sie intellektuell belastbar zu machen. Es beschreibt auch die Möglichkeit der individuellen Förderung der Kinder durch einen pädagogischen Psychologen, um unerwünschte Verhaltensmuster zu ändern und positive Erfahrungen zu sammeln.
Keywords: Schach, Schachspiel, Steigerung der Lernmotivation, Verhaltensänderung bei Kindern.

Die technologische Revolution, in der wir leben, verändert die Lebensweise der Menschen nach-haltig. Neue Freizeitbeschäftigungen entstehen und eine Flut von Informationen bricht über uns herein. Aber das Schachspiel ist trotz der einschneidenden Lebensveränderungen des 21. Jahrhunderts präsent und spielt zunehmend eine wichtige Rolle in der Förderung und Erziehung der Kinder.

Das Schachspiel als zusätzliche Bildung ist weit verbreitet. Autoren wie V. Grishin, E. Ilyin, D. Koma-rov, A. Zhesterev, beschreiben die praktische Anwendung des Schachspiels zur Förderung kognitiver Prozesse bei Kindern im Alter von 7-12 Jahren [2, 3]. Ich stehe dieser Position nahe, weil ich in meiner Arbeit mit Kindern das Schachspiel einsetze und die Bestätigung bekomme, dass dieses Spiel (entschuldigen Sie das Wortspiel) eine wichtige Rolle bei der Förderung des Kindes spielen kann und eine große Ressource darstellt. Der Schachunterricht fördert die Entwicklung so wichtiger Fähigkeiten eines Kindes wie Gedächtnis, logisches Denken, Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft, fördert Fleiß und praktische Fähigkeiten wie Stärkung der Willenskraft und Angefangenes zum Ende zu bringen.

Wenn ein Kind in die Schule kommt, beginnt es, das Zeichensystem der Sprache und den Prozess des „geistigen Handelns“ zu erlernen. Das Ergebnis des „geistigen Handelns“ zeigt sich sofort in den Gedanken, aber nicht sofort in den Bewegungen oder in Worten. Man sagt dazu auch: „Diese Person ist in der Lage, einige Schritte (Züge) im Voraus zu berechnen.“ Dieser Satz kommt aus dem Schach und ist ein fast ideales Modell für die gute Entwicklung der Fähigkeit „geistig zu handeln“ [2]. Diese Fähigkeit bildet sich im Alter von 7-12 Jahren heraus. Daher ist dieses Alter am besten für das Erlernen des Schachspiels geeignet.

Die Besonderheit des Schachspiels besteht in der Notwendigkeit der Einhaltung klarer Regeln, die vollständig die „Funktion der Lerntätigkeit“ überlagert – die das Kind in die Lage versetzt, sein Verhalten den geltenden Regeln und der gesellschaftlichen Norm unterzuordnen. Das Einhalten der Regeln führt dazu, dass das Kind lernt, sein Verhalten und seinen Willen zu steuern“ [6]. Die Regeln dürfen nicht verletzt werden, weil jeder Regelverstoß zur sofortigen Niederlage führt. Dieser Ansatz unterscheidet das Schachspiel grundlegend von anderen Sportarten (einschließlich Spielen), bei denen ein Regelverstoß nur zu Strafen, nicht aber zum Spielabbruch führt. So lernen die Kinder Verhaltensregeln und -normen einzuhalten. Denn die bewusste und freiwillige Einhaltung allgemein akzeptierter Verhaltensstandards ist die Grundlage von Moral, von Ethik.

„Wenn wir das Schachspiel als ein vereinfachtes Modell menschlicher Beziehungen betrachten, so können wir wichtige Gesetzmäßigkeiten klar erkennen. Schach fördert die Fähigkeit, Ereignisse vorauszusehen, hilft bei der Suche nach dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung, bietet reichhaltige Möglichkeiten zur Modellierung verschiedener Situationen. Es liegt in der Natur des Schachspiels, dass es diejenigen, die es spielen, sprichwörtlich dazu „verleidet“, selbständig zu agieren“ [2]. Wenn wir die Psychotherapie als eine Methode betrachten, mit der Menschen neue Erfahrungen sammeln, das Verhalten und die Überzeugungen ändern, dann wäre das Schachspiel zweifellos eine psychotherapeutische Methode. Kinder können verschiedene kognitive Strategien entwickeln, die im Spiel eingesetzt werden, auf die dann im realen Leben, außerhalb der Therapieräume, zurückgegriffen wird. Der unmittelbare therapeutische Wert des Schachspiels besteht in der Schaffung von Bedingungen zur kreativen Selbstbestimmung der Kinder, zur freien Äußerung ihrer Gefühle, im Erwerb sozialer Kompetenzen und in der produktiven Interaktion mit anderen Menschen (Erwachsenen und Gleichaltrigen) sowie in der sozialen Anpassung der Kinder und Jugendlichen.

Um es deutlicher zu sagen, Schach ist eines der Spiele, was sich am besten für die Förderung der Kinder mit sozialer und pädagogischer Fehlanpassung eignet. „Schach als eine moderne Form der Spielpsychotherapie baut auf die Mobilisierung des intellektuellen und kreativen Potentials der Person sowie auf interne Selbstregulierungs- und Selbstheilungsmechanismen der Psyche. Es wird definiert, dass Schach eine Methode der Psychotherapie für strukturierte Situationen mit genau definierten Regeln ist. Dabei werden erzieherische, pädagogische, wettkampforientierte, kreative kommunikative Elemente harmonisch miteinander verknüpft. Schach bietet genügend Spielraum für die Selbstwahrnehmung als lernende Persönlichkeit, für kreative Ausdrucksweisen, für das Gedächtnistraining, für die Lösung von Auswahlproblemen, für die Überwindung von Schwierigkeiten, für Teamarbeit. Schach ermöglicht es, einen psychotherapeutischen Kontakt mit dem Kind auf einer ihm intellektuell zugänglichen Ebene herzustellen, unter Berücksichtigung seiner allgemeinen Entwicklung, der bestehenden emotionalen Störungen und Verhaltensstörungen“ [2].

Die Idee für das Förderprogramm „Magic Chess“ kam mir in den Jahren 2002-2013, als ich in Dnepropetrowsk im Zentrum für soziale und psychologische Rehabilitation von Waisenkindern, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, arbeitete. Viele Kinder wurden vernachlässigt: Bei ihnen ist die Lernfähigkeit und das Wissen über die Welt um sie herum schwach ausgeprägt, einige blieben in ihrer geistigen Entwicklung zurück – sie zeigten Spracharmut, rigides Denken, starke intellektuelle Beeinträchtigungen. Während der Förderstunden mit dem Psychologen begann ich Schach zu unterrichten und stellte fest, dass die kognitive Entwicklung in spielerischer Form schneller und effektiver vorankam. Die Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren interessierten sich für mein angebotenes Schachtraining. Das ermöglichte kognitive Prozesse, aber, was aus Sicht der Persönlichkeitsentwicklung noch wichtiger ist, das eigene Potenzial wurde gesteigert, die Kinder bekamen Selbstvertrauen. Auch vergrößerten sich die Möglichkeiten, mit anderen Kindern zu kommunizieren, sie waren in Lage, bei einer Niederlage im Spiel Gefühlsausbrüche zurückzuhalten.

Nach zehn Jahren der Anwendung des Schachspiels in der Arbeit mit schwierigen Kindern achtete ich auf die Langzeitwirkung des Spiels. Waisenkinder, die in andere soziale Einrichtungen wechselten, trafen sich mit Mitarbeitern unseres Rehabilitationszentrums und erzählten, dass sie weiterhin Schach spielen. Sie nutzten ihre positive Erfahrung mit diesem Spiel und waren in den Schachkämpfen mit anderen Kindern erfolgreich. Darauf waren sie stolz und es steigerte ihr Selbstwertgefühl. Es bereicherte das Repertoire zum Nachdenken anregender Freizeitbeschäftigungen.
Seit 2015 verwende ich als pädagogische Psychologin das Förderprogramm des Autors „Magic Chess“ in der Arbeit mit Kindern der Grundschulklassen und der 5. Klassen der allgemeinbildenden Schulen in Aluschta (Krim). Meine Erfahrung mit dem Programm zur Korrektur und Förderung im Gruppenunterricht bestätigt ebenfalls, dass Schach eine der wirksamen Methoden zur Förderung der Kinder im Alter von 7-14 Jahren ist. „Denn die Spieltherapie eines Kindes ist oft die einzige Möglichkeit, jenen zu helfen, die die Welt der Erwachsenen und ihre Regeln nicht verstehen, die noch von unten nach oben auf die Welt der Erwachsenen schauen“ [6].

Das Ziel des Förderprogramms „Magic Chess“ ist es, Bedingungen für die soziale Anpassung von Kindern im Schulalter zu schaffen, emotionale Störungen und Verhaltensstörungen vernachlässigter Kinder zu korrigieren und die geistige Entwicklung zu fördern.

Die Aufgaben im Programm „Magic Chess“ sind:

  • die Entwicklung von Kommunikationsfähigkeiten, die Fähigkeit zu partnerschaftlichen Beziehungen und zur Teamarbeit;
  • die Entwicklung emotionaler Flexibilität und der Fähigkeit, in unerwarteten Situationen angemessen zu reagieren;
  • das Üben, die Folgen der eigenen Handlungen vorherzusehen;
  • die Steigerung des Selbstwertgefühls des Kindes und die Schaffung eines adäquaten Selbstbildes;
  • die Entwicklung von Fähigkeiten zum Planen und Erreichen von Zielen
  • Steigerung der Motivation, sich zu entwickeln und in der Schule zu lernen;
  • Förderung der kognitiven Flexibilität, der Konzentrationsfähigkeit und der Aufmerksamkeit, die Stärkung des visuellen Gedächtnisses;
  • die intellektuelle Freizeitbeschäftigung.

Die Bildung einer Unterrichtsgruppe für das Programm ist bei Interesse und auf Wunsch der Kinder möglich. Die Anzahl der Gruppemitglieder liegt bei 4-6 Personen. Der Unterricht hat erzieherischen und fördernden Charakter.

Es ist sehr wichtig, einen sicheren psychologischen Raum zu schaffen. Dieser Unterricht wird als informelle Kommunikation des Psychologen mit den Kindern durchgeführt. Dass die Kommunikation effektiv verläuft, sollte sich der Psychologe an folgenden Prinzipien der Unterrichtsorganisation halten:

  1. Das Prinzip der positiven Einstellung – Schaffung eines positiven emotionalen Klimas, einer freundlichen Atmosphäre während des Unterrichts, verschiedene Varianten der Zusammenarbeit suchen
  2. Das Prinzip des Interesses – zu versuchen, den Unterricht für Kinder interessant, mitreißend und passend zu gestalten;
  3. Das Prinzip der Unterstützung – die Teilnahme der Kinder an verschiedenen Arbeiten mit ermutigenden Worten unterstützen; auch die kleinsten Erfolge der Kinder im Spiel hervorheben; die Kinder nicht untereinander vergleichen, sondern mit den eigenen Leistungen des Kindes vergleichen;
  4. Das Prinzip der Erziehung und Förderung – den Kindern helfen, anderen Menschen zuzuhören und sie zu verstehen, dem Gegner Respekt entgegenbringen, die Äußerungen der anderen Kinder aufnehmen, diese analysieren, indem man dem Kind offene Fragen stellt wie: „Was denkst du?“, „Wie kann man es noch machen?“, „Was folgt auf diese Entscheidung?“, „Welches Ziel verfolgst du?“
  5. Das Prinzip der Akzeptanz – den Kindern Verständnis und Wertschätzung für ihre Handlungsmotive entgegenbringen.

Das Programm ist auf 17 Stunden ausgelegt, wobei der Unterricht 2 Mal pro Woche stattfindet.

Das Programm läuft in mehreren Phasen ab.

Phase I – Anfängerphase. Dauer – 7 Unterrichtseinheiten. Diese Phase dient der Informati-on und der Diagnose. Im Unterricht werden die Möglichkeiten der Meinungsäußerung eines jeden Kindes im intellektuellen, emotional-volitionalen und kommunikativen Bereich deutlich sichtbar. Dies ermöglicht die individuelle Förderung der Kinder.

Phase II – die Hauptphase, die Schach mit dem Leiter der Gruppe und mit den Gruppenmitgliedern beinhaltet – 8 Unterrichtseinheiten.

Phase III – Kontroll- und Unterstützungsphase -2 Unterrichtseinheiten. Durchführen von Schachwettbewerben, eines Schach-Quiz. Diese Phase ist das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen. Zum Abschluss findet in der letzten Unterrichtseinheit ein Schachturnier statt – die Kinder spielen jeweils mehrere Partien mit jedem Gruppenmitglied. Der Gruppenleiter notiert die Partieergebnisse (1 Punkt – Sieg, 0 Punkte – Niederlage, 0,5 Punkte – Unentschieden) und kontrolliert das Spiel, ob die Regeln eingehalten werden. Durch Addieren der Punkte wird der Gewinner, der mit den meisten Punkten, ermittelt. Am Ende des Turniers werden die drei Erstplatzierten ermittelt. Nach Beendigung des Kinderschachturniers werden schwierige oder einfache Situationen, die während des gemeinsamen Spiels auftraten, besprochen und wie man sie besser meistert. Das Turnier endet mit dem obligatorischen Teetrinken und der Siegerehrung. Es ist wichtig, nicht nur die Gewinner, sondern jeden einzelnen Turnierteilnehmer zu erwähnen. Denkbar ist die Auszeichnung mit Urkunden für Beharrlichkeit, Ausdauer, Siegeswillen, gezeigte Anstrengungen usw.

Die Themen des Programms „Magic Chess“ sind in Tabelle 1 dargestellt.

Phase Ziel Unterrichtsthema Inhalt Stundenzahl
1 eine positive Einstellung zum Erlernen eines neuen geistig anspruchsvollen Spiels schaffen, ein ernsthaftes Interesse an Schach fördern Kennenlernen des Schachspiels. Das Schachbrett. Kennenlernen der Figuren: Bauer, Turm, Läufer, Springer, Dame und König. Geschichte über den Ursprung des Schachspiels.
Vertraut machen mit dem Schachbrett, mit den Begriffen „Vertikale“ (Linie), „Horizontale“ (Reihe), „Diagonale“, mit der Bezeichnung der Felder. Schachbrett basteln (Papier, Farbe). Kennenlernen der Schachfiguren, der Gangarten der Figuren; Besonderheiten der Schachfiguren, Basteln von Schachfiguren (Teig, Pappmaché, etc.)
7
2 Voraussetzungen schaffen, um Erfahrungen mit Schach zu sammeln Schachregeln Eröffnung, Entwicklung. Gambit. Einfache Mattstellungen. Endspiele 8
3 Kenntnisprüfung zu den Schachregeln Schachturnier Wettbewerbe, Schach-Quiz, Schachturnier 2

Tabelle 1: Übersicht zu den Unterrichtsthemen des Programms „Magic Chess“

Unterrichtsaufbau. Empfohlene Dauer der Unterrichtseinheit – bis zu 45 Minuten. Der Unterricht sollte verschiedene Formen des aktiven Lernens der Kinder einschließen: thematisches Malen; Spiele, die die Aufmerksamkeit aktivieren und die geistige Tätigkeit anregen; Besprechung von Schachmärchen und ähnlichem. Der Unterricht ist so aufgebaut, dass der Psychologe vor allem auf die Besonderheiten der Wahrnehmung und des Informationsverständnisses der Kinder achtet und hilft, sich seiner selbst bewusst zu werden und die Schachregeln zu verstehen. Die Kinder schalten in den Modus der geistigen Gymnastik, lernen und trainieren die Fähigkeit, geistig zu arbeiten. Diese Tätigkeit ist für leistungsschwache Kinder anstrengend, weshalb motorische Übungen in den Unter-richt eingebaut werden müssen. Am Ende jeder Unterrichtseinheit fasst der Psychologe die Ergebnisse zusammen und bietet den Kindern kreative Aufgaben an, die sie selbstständig lösen können.

Jede Unterrichtseinheit der Phase 1 enthält folgende Schlüsselpunkte.

  1. Begrüßung der Teilnehmer: Übungen zur Festigung, Unterstützung, Einstimmung auf die Gruppenarbeit [10].
  2. Anregung der Aufmerksamkeit bei den Kindern durch Spiele: Rätsel, Übungen zur Steigerung der kognitiven Aktivität [5].
  3. Reflexion der Unterrichtseinheit: im Gedächtnis der Kinder werden die wichtigsten Informationen der vorangegangenen Unterrichtseinheit aufgefrischt.
  4. Informationsblock: Erhalt von Informationen und Erarbeitung der Schachregeln mittels Gesprächen, Hören von thematischen Märchen und ähnlichem; Erarbeitung wichtiger Schachbegriffe und Schachregeln mittels Gesprächen
  5. Praktischer Block: Lösen verschiedener Aufgaben zum Thema, Festigung des erworbenen Wissens mittels kreativer Aufgaben zum vorgegeben Thema und in Übungsspielen [9].
  6. Reflexion der Unterrichtseinheit: Zusammenfassung der Ergebnisse, jeder sagt, was ihm gefallen hat, an was er sich erinnert, was neu war usw.
  7. Abschiedsritual. Erfolg wünschen, ein freundliches Wort auf den Weg.

Achtung – trotz des Trainings nehmen die Kinder die Niederlagen im Spiel manchmal als schmerz-haft und emotional wahr, weshalb es wichtig ist, die Kinder zu motivieren, sich zurückzuhalten, den Gegner zu respektieren und die Schachregeln einzuhalten: „Berührt – geführt“, „Denke nach, bevor du eine Figur ziehst“.

Aus der Beobachtung der Schüler im Schachunterricht „Magic Chess“ komme ich zu folgenden Schlussfolgerungen. Die Kinder bringen dem Schach großes Interesse und Respekt entgegen. Dies zeigt sich in ihren emotionalen Reaktionen auf den Partieverlauf, in den Erzählungen untereinander. Im Schach treten die Kinder als gleichberechtigte Partner auf, sind gleichwertig und interagieren im Schach in gleicher Weise. Faktoren wie Alter, Größe, Gewicht, körperliche Stärke und die Fähigkeit, fachmännisch zu sprechen, haben während des Schachspiels keine Bedeutung. Das gefällt den Kindern.

Im Unterricht des Förderprogramms „Magic Chess“ zeigten vernachlässigte und in der Entwicklung zurückgebliebene Kinder gegenseitige Toleranz und reagierten sensibel und aufmerksam aufeinander. Viele Gruppenmitglieder wurden Freunde. Die geringe verbale Kommunikation ist meiner Meinung nach eine der Eigenschaften des Schachspiels, die Kinder mit Lernschwierigkeiten attraktiv finden. Schach bietet die Möglichkeit, sich in einem Team zu fühlen und sich mit einer Sache zu beschäftigen, ohne viel reden zu müssen. Jedoch habe ich wiederholt erlebt, dass schachbegeisterte Kinder, die eine Sprachstörungen hatten, begannen, Gedanken und Gefühle klar zu artikulieren. Bei den Kindern wuchs das Selbstbewusstsein. Dies zeigte sich insbesondere in der Nachsichtigkeit gegenüber den schwächeren Partner, die falschen Schachzüge zurückzunehmen. Viele Kinder steigerten ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstachtung. Die Kinder fingen an, sich würdevoller und ruhiger zu verhalten.

Für Jugendliche kann das Schachspiel ähnlich der Spieltherapie „Schach als Metapher für Lebensentscheidungen“4 im Einzelunterricht im Rahmen des Aufbau- und Förderunterrichts genutzt werden. [8]. Die Anzahl der Unterrichtseinheiten – 7-8 mit einem Kind, abhängig vom Erfolg.

Ziel: Entwicklung der Fähigkeit, Ereignisse vorherzusehen; Förderung des Verständnisses und der positiven Selbstwahrnehmung; Steigerung des Selbstwertgefühls des Kindes; Förderung der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis durch Spielen.

Aufgaben:

  • Training – nach den Schachregeln spielen;
  • Lernen, die Folgen von Handlungen vorherzusehen;
  • Förderung der emotionalen Flexibilität und der Fähigkeit, bei unerwarteten Ereignissen an-gemessen zu reagieren;
  • Entwicklung von Kommunikationsfähigkeiten, Fähigkeit partnerschaftliche Beziehungen aufzubauen;
  • Einbeziehung des internen Selbstregulierungsmechanismus.

Diese Unterrichtseinheiten werden einzeln durchgeführt, um jedem Kind seine eigene Erfahrung zu Sieg und Niederlage machen zu lassen, damit das Kind die Möglichkeit hat, über seine Handlungen und deren Folgen nachzudenken.

Während des Spiels werden dem Kind eine Reihe von Fragen gestellt:

  1. Was passiert mit der Figur, wenn sie hierhersetzt?
  2. Hilft dir dieser Zug, den eigenen König zu schützen und den gegnerischen König zu bedrohen?
  3. Wohin könnte man diese Figur noch setzen? Versuche dir alle möglichen Zugfolgen vorzustellen, bevor du dich für einen Zug entscheidest;
  4. Welche Züge sind besonders wirksam?
  5. Wenn du diesen Zug machst, wie kann ich antworten?

Zunächst wird das Kind gebeten, mindestens einen Zug vorauszusehen. In den ersten fünf oder sechs Partien bekommt das Kind die Möglichkeit, seine Meinung zu einem beliebigen Zug zu revidieren, nachdem es meine Antwort gesehen hat. Mit zunehmender Erfahrung des Schülers, ermutige ich ihn, mehrere Züge im Voraus zu durchdenken. In einem Spiel kann das Kind mehrmals dazu aufgefordert werden. Es ist möglich, zwei Partien in einer Unterrichtsstunde zu spielen, damit das Kind meine Fragen mehrmals zu hören bekommt. Es ist wichtig, dem Kind die Möglichkeit zu geben, vor jedem Zug über die Folgen nachzudenken und sogar laut zu sagen, warum es gerade diesen Zug macht. Wir besprechen verschiedene Zugfolgen, und ich sage, was mein Antwortzug sein könnte, so dass es die Partie mit „meinen Augen“ sehen kann. Auf diese Weise ermutige ich das Kind, meine Antwort auf seine Züge vorherzusehen.

Nachdem jedes Kind Erfahrung im Schach gesammelt hat, können Analogien zum realen Leben hergestellt werden. Der Psychologe fragt, wie man im realen Leben seine Reaktionen analysieren kann, wie man die Gegenreaktionen anderer Menschen vorhersehen kann und wie man sein Verhalten kontrollieren und steuern kann.

Im Einzelunterricht mit den Kindern, nach der beschriebenen Methode, sah ich Verhaltensänderungen bei den Kindern und ihren Wunsch, anders zu handeln. Die beschriebene Methode macht es möglich, das innere Selbstwertgefühl des Kindes zu steigern und zu lernen, sein Verhalten an der positiven Einstellung anzupassen.

Die Wirkung von Schach, welches der pädagogische Psychologe im Förderunterricht als Einzel- und Gruppenunterricht einsetzt, kann wie folgt reflektiert werden.

  1. Das Schachspiel als Methode der Spielpsychotherapie kann für eine breiten Anwendungsbereich empfohlen werden, mit dem Ziel der Verhaltensintervention bei Kindern und Ju-gendlichen und der Steigerung ihrer Lernmotivation.
  2. Schach ist eine gute Möglichkeit, die Fähigkeit zu schulen, seine Handlungen vorherzusehen und sein Verhalten zu steuern, die Ausdauer zu trainieren, die Impulsivität zu kontrol-lieren. „Bevor man handelt, muss man nachdenken.“
  3. Der Schachunterricht hilft dem Kind, sich selbst kennenzulernen, fördert die Entwicklung, stärkt die gesunde Persönlichkeit, bereichert das Gefühlsleben, schafft für das Kind soziale Anreize, hilft Verhaltensmuster zu entwickeln, die sowohl für die Gemeinschaft als auch für das Kind akzeptabel sind.
  4. Schachunterricht fördert die geistige Entwicklung des Kindes, verbessert die Freizeitqualität und erhöht die Nachfrage nach „intelligenten Spielen“.
  5. Das Schachspiel bietet unbegrenzte Möglichkeiten für die Erstellung von Förderprogrammen für den Einzel- und Gruppenunterricht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Förderprogramm „Magic Chess“ ein wirksames Instrument des pädagogischen Psychologen für die Gruppenarbeit mit Kindern im Alter von 7 bis 12 Jahren ist, die eine schwache Lernmotivation haben und die vernachlässigt wurden. Und der Unter-richt mit dem Titel „Schach als Metapher für Lebensentscheidungen“ ist eine wirksame Methode des pädagogischen Psychologen zur individuellen Förderung der Schüler im Alter von 10-14 Jahren, um unerwünschte Verhaltensmuster zu ändern.

 

Fußnoten:

1 Издательство: Московский государственный психолого-педагогический университет (МГППУ) https://psyjournals.ru/en
2 Die pädagogischen Psychologen in Russland werden entsprechend ihrer Qualifikation unterschiedlichen Kategorien (7 bis 14) zugeordnet, http://detskiy-psyholog.ru/kategorii-pedagogov-psihologov.html
3 МБУ «Центр информационно-методического сопровождения образовательных организаций», https://nsportal.ru/prisyazhnyuk-yuriy-mihaylovich
4 Originalbezeichnung: «Шахматы как метафора жизненного выбора»

 

Referenzen:

  1. Гришин В., Ильин Е., — Шахматная азбука, или Первые шаги по шахматной доске. — М.: Физкультура и спорт,1972. — 60 с.
  2. Комаров Д.Д., Жестерев А.А. Использование шахмат для социальной адаптации детей и подростков с интеллектуальной недостаточностью. [Электронный ресурс]. — URL: http://chess555.narod.ru/z_komarov2.htm (дата обращения: 20.02.2013)
  3. Кэдьюсон Х., Шефер Ч. Практикум по игровой психотерапии. — СПб: Питер, 2001. — 416с.
  4. Локалова Н.П. 120 уроков психологического развития младших школьников (психологическая программа развития когнитивной сферы учащихся начальных классов). — М.: Вот-89,2006.
  5. Лэндрет Г. Л. Игровая терапия: искусство отношений. — М., 1994.
  6. Малкина-Пых И.Г. Возрастные кризисы детства.Справочник практического психолога. — М.: ЭКСМО, 2004. — 384 с.
  7. Практическая нейропсихология: помощь неуспевающим школьникам / под ред. ЖМ. Глозман. — М.:Эксмо, 2010. — 288с.
  8. Фопель К. Как научить детей сотрудничать? Психологические игры и упражнения: Практическое пособие. В 4-хт. — Т. 2. — М., 2001. — 160 с.

Schach als Werkzeug und als Objekt der Forschung

„Was ist Schach?“ – darüber kann man endlos philosophieren. Die Wissenschaftler weltweit sehen im Schach eine Schatztruhe von unermesslichen Wert, wie die unzähligen wissenschaftlichen Arbeiten belegen. Schach fasziniert weltweit Menschen, ob als Spieler, Wissenschaftler, Therapeut oder Politiker.

Die künstliche Intelligenz wurde mit Schach vorangetrieben. Die heutigen Schachcomputer sind dem Schachspieler in Fleisch und Blut weit überlegen sind, dennoch finden die Wissenschaftler immer neue Herausforderungen, die aus dem Schachspiel abgeleitet oder deren Lösungen anhand des Schachs überprüft werden: Verschlüsselungstechnologien auf Basis von Schach werden intensiv erforscht. Das ungelöste n x n – Damenproblem mit Randbedingungen soll mit einem Quantencomputer geknackt werden, was die Überlegenheit dieser neuen Form von Computer eindrucksvoll demonstrieren würde.*

Schach entfaltet ebenso seine positive Kraft bei mentalen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten. Schach für therapeutische Zwecke ist eine junge Disziplin mit viel Zukunftspotential.* *

Schach ist nicht nur Sport und Amüsement, wie es wohl die meisten Schachspieler zunächst sehen. Schach stiftet, wie soeben skizziert, vielfältigen Nutzen, den die Schachspieler stärker kommunizieren sollen. Die Schachspieler und Schachfunktionäre haben es selbst in der Hand, Unterstützung für die eigenen Ziele in Politik und Wirtschaft einzuwerben.

Kernstück der neuen Website www.chess-science.com sind die Wissenschaftsdatenbanken mit den Links zu den Arbeiten. Die allgemeine Datenbank „Schach in der Wissenschaft“ zeigt die vielfältige Bedeutung von Schach in der Forschung eindrucksvoll. Sie enthält Arbeiten von Forschern aus 67 Ländern in 24 Sprachen (Stand: August 2020).

Die Datenbank „Schulschach“ soll die Schachfreunde in der Argumentation unterstützen, so dass Schach noch an mehr Schulen und in den Unterrichtsplänen in Europa etabliert wird. Die Forschungsarbeiten zeigen, dass die Bedeutung von Schach nicht allein auf Lernleistungen begrenzt ist, sondern auch das Sozialverhalten der Kinder positiv beeinflusst wird.

Das Anliegen der Datenbank „Schach in der Medizin“ ist die Hervorhebung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Schach als Mittel in der Therapie und zur Änderung im Sozialverhalten. Hier sind in den nächsten Jahren viele neue Erkenntnisse zu erwarten, die den gesellschaftlichen Nutzen von Schach unterstreichen werden. Die jetzige Gliederung der Website orientiert sich an den möglichen Nutzen für die Schachfreunde.

 

* „Knobeln auf dem Quanten-Schachbrett“ Valentin Torggler, Philipp Aumann, Helmut Ritsch, and Wolfgang Lechner, Quantum 3, 149 (2019). https://www.innovations-report.de/fachgebiete/physik-astronomie/knobeln-auf-dem-quanten-schachbrett/
* * „Chess therapy as a new trend in training of future social pedagogues“ INNA ROMANOVA, MARYNA VASYLІEVA, MYKOLA PODBEREZSKYІ, Journal of Physical Education and Sport (2018), https://efsupit.ro/images/stories/october2018/Art%20266.pdf)

Schach-Zitate – Irrungen und Wirrungen über Ländergrenzen hinweg

Schach-Zitate – Irrungen und Wirrungen über Ländergrenzen hinweg

Auf den Websites verschiedener Schachvereine, Schachorganisationen und Internetportale mit Zitatensammlung finden sich Schach-Zitate von verschiedenen Persönlichkeiten. Darunter befinden sich klangvolle Namen wie Siegbert Tarrasch, Emanuel Lasker, Alexander Aljechin, Robert Fischer, Marcel Duchamp. Die Zitate von Persönlichkeiten werden aus unterschiedlichen Gründen verwendet:

  • Kurze und prägnante Formulierung statt ausschweifende Darlegung der Gedanken
    Manche Zitate bringen einen Sachverhalt kurz und prägnant auf den Punkt, so dass gern darauf zurückgegriffen wird.
  • Abfärbeeffekt der Persönlichkeit als Autorität
    Die Benennung einer starken Persönlichkeit soll die Bedeutung der formulierten Aussage unterstreichen bzw. der Aussage mehr Bedeutung geben.
  • Alibi-Funktion der Persönlichkeit
    Die Benennung einer Persönlichkeit soll die eigene Position stärken.und beweisen, dass schon andere Menschen diese Auffassung vertraten.
  • Motivation
    Das Zitat beschreibt anschaulich das Ziel, soll zum Nachdenken anregen und Emotionen beim Empfänger (Leser, Zuhörer) auslösen.

Wer von den Verwendern der Schach-Zitate kennt tatsächlich deren Quelle? Das Internet stellt Unmengen an Informationen zur Verfügung. Für den Alltagsgebrauch wird man gewöhnlich auf eine tiefergehende Prüfung verzichten, ob das Zitat tatsächlich so von der Person geäußert wurde, vor allem, wenn man dem Zitat auf vielen Websites begegnet. Es ist nicht überliefert, ob die anderen Websitebetreiber das Zitat auf die Vertrauenswürdigkeit der Quelle oder auf den Wahrheitsgehalt prüften oder ob sie einfach blindlings auf die Richtigkeit vertrauten. Die überregionale deutsche Tageszeitung „Welt“ veröffentlichte unlängst einen Artikel zu „Fake-Zitate, die Seuche des Internets“. Im Forum von Chesspro.ru beschäftige man sich intensiv mit den Schachzitaten, wobei ein User darauf drängte, eine Sammlung von Schachzitaten mit Nennung der Quelle und dem Jahr der erstmaligen Nennung zu erstellen.

Die Recherchen, wie ein Schach-Zitat in anderen Sprachen heißt, ergaben, dass ein und dasselbe Zitat mehreren Personen zugeschrieben wird. Eine Umfrage unter Schachspielern, wer der Verfasser der allseits bekannten Schachweisheit „Die Drohung ist stärker als die Ausführung.“ ist, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu unterschiedlichen Namensnennungen führen: Siegbert Tarrasch, Savielli Tartakower und Aaron Nimzowitsch. Der Name des vierten im Bunde, wird wenigen geläufig sein – Karl Eisenbach.

Der Herkunft des eben erwähnten Schach-Zitats „Die Drohung ist stärker als die Ausführung.“ widmete der englische Journalist und Schachhistoriker Edward Winter einen eigenen Artikel mit dem Titel „A Nimzowitsch Story“ (Juni 2018). die wie ein Krimi anmutet. Obwohl Karl Eisenbach, Sekretär der Wiener Schachgesellschaft, erstmalig 1908 in der Wiener Schachzeitung mit der Schachweisheit „Die Drohung ist stärker als die Ausführung“ zitiert wurde, wird das Zitat meistens mit Savielli Tartakower, Siegbert Tarrasch oder Aaron Nimzowitsch in Verbindung gebracht. Internetrecherchen ergaben, dass in Deutschland, Russland, Italien, Polen alle drei Namen – Savielli Tartakower, Siegbert Tarrasch oder Aaron Nimzowitsch – als Urheber der Schachweisheit angeführt werden. Im englischen, spanischen, portugiesischem und französischem Sprachraum, in  Holland, Ungarn wird Aaron Nimzowitsch genannt. Bei der durchgeführten Recherche stieß ich lediglich einmal auf eine Website, wo der Verfasser des Zitates Karl Eisenbach korrekt genannt wurde. Es war eine kanadische Website.

Ein weiteres weltbekanntes Zitat stiftet Verwirrung: „Schach ist Gymnastik des Verstandes“. Es wird abhängig vom Land entweder Lenin (sowjetischer Staatsmann) oder Blaise Pascal (französischer Mathematiker) zugeschrieben. Internetrecherchen zeigen: In Deutschland, Russland, Frankreich, Serbien, Tschechien gilt Lenin als Verfasser des Zitates. In Polen, Italien, Bulgarien, Italien, Rumänien, Slowenien, Georgien sowie im spanischen, englischen und portugiesischen Sprachraum wird Blaise Pascal als Urheber genannt.  In einem Fall wurde das Zitat sogar auf Felix Dzerschinski, Gründer der sowjetischen Geheimpolizei, zurückgeführt – siehe die Website diletant.media. Der Schachhistoriker Edward Winter löste 2005 das Rätsel um die Herkunft des Zitates auf, indem er das Buch von Peter Pratt „Studies of Chess“ (London 1803) als Beweis anführt.

Weitere interessante Beispiele und Versuche der Klarstellung findet man zum Beispiel im Forum Zitatnik (Цитатник) auf Chesspro.ru.

Es stellt sich die Frage: Wären die beiden Zitate „Schach ist Gymnastik des Verstandes.“ und „Die Drohung ist stärker als die Ausführung.“ noch genauso attraktiv und wirkungsvoll, wenn man sie mit den weniger bekannten Namen Peter Pratt und Karl Eisenbach zitiert? Vermutlich wird man weiterhin selten die Namen Peter Pratt und Karl Eisenbach in diesem Zusammenhang lesen.

Schach-Zitate mit Quellenangaben:

https://www.chesshistory.com/winter/extra/quotations.html
https://en.wikiquote.org/wiki/Chess
https://de.wikiquote.org/wiki/Schach
https://fr.wikiquote.org/wiki/%C3%89checs
https://www.chess.com/article/view/chess-quotes

Schachzitate in vier Sprachen, ohne Prüfung der Quellen