Internationale Konferenz zu Schach in Bio-Psycho-Sozialen Anwendungen 15.10.2022- ein Beispiel: Schach der Multiplen Sklerose

Schach ist mehr als Zeitvertreib. Schach als Strategiespiel stiftet in anderen Bereichen Nutzen, der unterschätzt oder übersehen wird. Und genau dieser Schatz soll mit der am 15. Oktober 2022 stattfindenden Internationalen Schachkonferenz in den Mittelpunkt gerückt werden.

Das Programm und die Referenten stehen nun fest (Stand 06.10.2022):

Anlässlich ihres 5-jährigen Bestehens richtet ISAC (International Society for Applied Chess) eine hochkarätig besetzte Internationale Konferenz unter dem Titel „Bio-Psycho-Soziale Anwendungen von Schach“ aus. Konferenzsprache ist Englisch.

Aus Deutschland konnten Prof. Sabine Vollstädt-Klein (schachbasiertes Kognitionstraining bei Suchterkrankungen ),  GM Stefan Kindermann (Schach im Coaching und sozialen Projekten), Dr. Anita Stangl (Schach in Afrika) als Referenten gewonnen werden. Prof. Merim Bilalić (Großbritannien) untersucht die Wirkungen von Schach auf das Gehirn. Juan Antonio Montero und Asier Rufino (Spanien) gewähren Einblicke in die ECAM-Methode (kognitives Training mit Schach). Der herausragende Schach-Fotograf David Llada hat sich ebenfalls bereit erklärt und wird einen Vortrag zu Emotionen im Schach halten. Das vorläufige Programm kann hier eingesehen werden. Die Anmeldung erfolgt per Mail: info@isac-appliedchess.com

Wer nicht bis zur Internationalen Schachkonferenz am 15.10.2022 warten will, kann sich mit dem lesenswerten Beitrag „Die Notwendigkeit eines strategischen therapeutischen Ansatzes: Multiple Sklerose im Griff“ (in deutscher Sprache, mit freundlicher Genehmigung von Prof. Tjalf Ziemssen) beschäftigen. Es werden keine besonderen Vorkenntnisse vorausgesetzt. Der Forschungsbericht wurde dieses Jahr im Journal „Therapeutic Advances in Chronic Disease“ (frei ins Deutsche übersetzt „Therapeutische Entwicklungen bei chronischen Krankheiten“) von dem Forscher- und Ärzteteam von Prof. Tjalf Ziemssen  (Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden) veröffentlicht.

Die Diagnose „Multiple Sklerose“ wirft so manchen Patienten aus der Bahn. Das Leben ist nicht mehr, wie es war. Die Ärzte sind bemüht, dem Patienten bestmöglichst zu helfen, vor allem das Leiden erträglicher zu machen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder anzuhalten. Die Praxis zeigt, dass für jeden Patienten ein individuelles Behandlungskonzept erarbeitet werden muss. Das Behandlungsteam muss der Krankheit immer einen Schritt voraus sein. Dazu müssen alle verfügbaren Ressourcen genutzt und der richtige Zeitpunkt für taktische Maßnahmen bestimmt werden. Die Analogie zum Schach ist ein hilfreicher strategischer Ansatz, die Krankheit Multiple Sklerose besser zu beherrschen und dem Patienten sehr lange das bisherige Leben weitestgehend zu ermöglichen. Sowohl im Schach als auch bei der Behandlung braucht man kritische Analysen über Zustand, vorhandene Ressourcen, muss gedanklich Szenarien über mögliche Entwicklungen durchspielen und zwischen einzelnen Zügen oder Maßnahmen wählen, wobei der Erfahrungsschatz von großer Bedeutung ist, um effizient zu sein und unnötige Kostenbelastungen zu vermeiden.

Vortrag von von Prof. Tjalf Ziemssen auf Youtube:

Deutsche Version im Volltext: „Die Notwendigkeit eines strategischen therapeutischen Ansatzes: Multiple Sklerose im Griff“ (Schachstrategien für den Kampf gegen die Multiple Sklerose): Link
Englische Version im Volltext: „The need for a strategic therapeutic approach: multiple sclerosis in check“ Link

Prof. Tjalf Ziemssen überraschte mich mit seiner humorvollen Art. Er und sein Ärzteteam betonen die hohe Bedeutung der offenen Kommunikation mit dem Patienten, wobei man in Dresden sehr stark auf Humor setzt, um mit dieser schwierigen Krankheit zurechtzukommen. „Wer das Leben zu ernst nimmt, braucht eine Menge Humor, um es zu überstehen.“, sagte einst Charlie Chaplin.

Wie das Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden mit Humor den Patienten erreicht, möchte ich hier vorstellen, denn dies ist meiner Meinung nach grandios:

https://www.youtube.com/c/zkndd und der Cartoonist Phil Hubbe (Philipp Hubbe)
https://www.ms-begleiter.de/leben/der-cartoonist-phil-hubbe-im-portraet

Damit wäre  die Brücke zur Ausstellung Schachwunderland, Kunst und Humor im Schach, geschaffen – ohne ernsten medizinischen Hintergrund. Mit Humor kann man die Herzen vieler Menschen erreichen.

Schachwunderland – die Ausstellung zu Kunst und Humor im Schach 30.10. – 24.11.2022

Am 30.10.2022 wird das „Schachwunderland“ offiziell seine Pforten in der Spitzenstadt Plauen/ Vogtland öffnen.

Alle Freunde des Schachs und des Humors, ob große oder kleine, sind bis zum 24.11.2022 herzlich in das „Schachwunderland“, in die Ausstellung zu Kunst und Humor im Schach, eingeladen.

Über kuriose Eröffnungen können sich am 05.11.2022 die Teilnehmer unseres Jubiläumsschachturniers wundern, denn dieses wird als Fischerschach-Turnier (chess960) in den Ausstellungsräumen ausgetragen werden. Und an den Kinotagen kann man sich Schachfilmen hingeben. Also, auf nach Plauen!

Die Mitglieder und Freunde der Deutschen Sektion der Schachspielesammler (CCI – Chess Collectors International) kommen schon am 28.10.2022 zum Erfahrungsaustausch nach Plauen und weilen bis 30.10.2022. Höhepunkt ist die Eröffnung der Ausstellung „Schachwunderland“, Kunst und Humor im Schach.

Durch dicke Mauern bestens geschützt, können die Besucher der Galerie Malzhaus zu Plauen ungestört in das Schachwunderland eintauchen:

  •  Jubiläumsschachturnier in den Ausstellungsräumen –  Die Schachpokale aus Holz wurden von einem Künstler passend zum Thema „Schach und Humor“ für das Jubiläumsturnier angefertigt. Link
  • „Schachwunderland“, die Ausstellung zu Kunst und Humor im Schach vom 30.10.2022 bis 24.11.2022
    unterstützt von Chess Collectors International (CCI) u.a. mit Schachspielen des polnischen Künstlers Andrzej Jerzy Nowakowski und der Schnitzerfamilie Pretzl u.v.m.
    Link zu CCI
  • Schach-Spielfilme laut Spielplan https://www.malzhaus.de/programm/kino

Informationen zu „Schachwunderland“, die Ausstellung zu Kunst und Humor im Schach

Allgemeine Informationen:

Öffnungszeiten: täglich 13-18 Uhr, außer montags
Adresse: Galerie Malzhaus, Alter Teich 7-9, 08527 Plauen (Stadtzentrum), https://www.malzhaus.de/

 

An wen richtet sich die Ausstellung?

An alle.
Schachkenntnisse sind nicht erforderlich, wenngleich es vorteilhaft ist, zu wissen wie die Schachfiguren sich auf dem Schachbrett bewegen.

Für kleine und große Besucher gibt es viel zu sehen, zu entdecken und auszuprobieren.

Schulklassen sind herzlich willkommen. Themen, Informationen und Materialien für „Unterricht in der Ausstellung“ sind erhältlich bei: Frank Bicker, schach-plauen@arcor.de

 

 

Was erwartet die Ausstellungsbesucher?

Die Ausstellung „Schachwunderland, Kunst und Humor im Schach“ zeigt die Vielfalt und Internationalität des Humors von Schach in den schillerndsten Formen:

  • in der künstlerischen Gestaltung der Schachfiguren und der Schachbretter,
  • in Cartoons, satirischen Darstellungen,
  • in Filmen, Sketchen,
  • Parodien, Humoresken, Gedichten,
  • in schachographischen Aufgaben (die Figurenstellung ergibt ein Bild),
  • in Schachscherzen, Kalauern

Foto mit freundlicher Genehmigung von CCI
und mit Lokalkolorit:

  • Schachbrett aus Plauener Spitze
  • „Schach dem Vater“ nach Erich Ohser als Stickereiarbeit

 

Großfeldschach und andere Schachspiele stehen bereit.

 

Schach ist viel mehr als schwarze und weiße Figuren auf einem schwarz-weißem Brett hin und her zu bewegen. Schach ist im wahrsten Sinne des Wortes bunt, vielschichtig, voller Poesie, Zauber und Humor. Der sächsische Schachspieler Walter Henke machte einst einen Reim darauf:

Das Schachspiel schärft
des Menschen Geist,
es hält ihn wach und munter,
und wer ihm seine Gunst erweist,
dem offenbart es Wunder.

Zur Poesie auf dem Schachbrett gesellt sich die Poesie in Geschichten und Gedichten, die die Schachaufgabe beschreiben und manch Lösungshinweis kunstvoll verstecken. Herausragende Vertreter sind u. a. Ilya Shumov, der zu seinen schachographischen Aufgaben oft Schachgedichte verfasste oder Emil Ramin, der mit seiner überbordenden Fantasie dem Leser Lust auf Schach machte oder wie er es ausdrückte: „ein als „trocken“ angesehenes Gebiet sozusagen künstlich beregnet – mit Humor, vielleicht auch mit etwas Satyre.“

Foto mit freundlicher Genehmigung von Hans Tempel

Der Künstler Hans Tempel stattet seit vielen Jahren Schachkalender für Kinder mit Schach-Cartoons aus. Er nimmt Kinder und Eltern auf Zeitreisen und Länderreisen mit, lässt sie in Märchenwelten eintauchen, interpretiert die Schachbegriffe auf humorvolle Weise und gewährt augenzwinkernd Einblicke in den Schachalltag. Eine Auswahl seiner Cartoons wurden mit allerlei Kurzweil zum Schach wie Schachgeschichten, Parodien, Schachscherzen und anderen wunderlichen Schachfantasien ergänzt, die der Verfasser dieses Beitrages aus alten Zeitschriften und Büchern zu Tage förderte.

Dr. Thomas Thomsen (CCI) wählte für die Ausstellung humorvolle Schachspiele aus, die die Herzen von kleinen und großen Schachfreunden höherschlagen lassen: Walt Disney lässt seine Comichelden rund um die populäre Mickey Mouse auf dem Schachbrett antreten. Politiker werden auf dem Schachbrett zur satirischen Zielscheibe. Der Mensch mit all seinen Schwächen und liebenswerten Eigenschaften wird auf dem Schachbrett vorgeführt. Der Ideenreichtum scheint grenzenlos.

 

Foto mit freundlicher Genehmigung von CCI

 

Die dem Humor inneliegende Kraft beschreiben nachfolgende Zitate:

„Humor ist der Schwimmgürtel auf dem Strome des Lebens.“ formulierte der Dichter Wilhelm Raabe einst poetisch.

„Wer das Leben zu ernst nimmt, braucht eine Menge Humor, um es zu überstehen.“ meinte Charlie Chaplin, der Meister des Slapsticks.

„Der Humor ist der Kitt der Gesellschaft.“ sagte der deutsche Kabarettist Gerhard Polt.

 

Wenn die Besucher im Schachwunderland viel Freude und Kurzweil finden, wenn ein Lächeln über das Gesicht huscht, Lachen oder Schnalzen der Zunge zu hören ist, dann sind die Ausstellungsmacher glücklich und zufrieden.

Hier gibt es noch Tipps und touristische Informationen für Gäste, die aus anderen Regionen nach Plauen anreisen.

Schach als Botschafter für den Frieden – Шахматы в качестве посла мира

Russische Version / Русская версия – Link/ Ссылка

Die Sehnsucht der Menschen nach Frieden ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. Im Jahr 1877 wurde in einer russischen Wochenzeitung der Wunsch nach Frieden mit den Mitteln des Schachs kundgetan. Mit der vorgestellten Schachstudie wurde an die Vernunft der Politiker appelliert und gefordert, alles zu tun, dass der Berliner Kongress (13. Juni 1878 – 13. Juli 1878) erfolgreich die Balkankriege beendet und stabile Friedensverträge aushandelt. Sein Appell ist aktueller denn je!

Wer mehr zu den Balkankriegen erfahren möchte, schaut einfach bei Wikipedia 1 nach. Danach wird man viele Entwicklungen im heutigen Europa und der Welt mit anderen Augen sehen und den Artikel zu den Gasvorkommen im Schwarzen Meer „Why the Black Sea could emerge as the world’s next great energy battleground“ besser einordnen können.

Ilya Shumov, ein fantasiereicher russischer Schachkomponist, veröffentlichte am 11. März 1878 als verantwortlicher Schachredakteur in der russischen Wochenzeitschrift „Vsemirnaja illjustracija“ folgende Schachstudie mit dem Titel „Dauerhafter Frieden“:

Erklärung für wenig geübte Schachfreunde

Endspiele mit ungleichfarbigen Läufern enden sehr oft unentschieden, vor allem wenn die Bauern sich auf den Feldern des eigenen Läufers befinden:

  • Bauern auf den schwarzen Feldern bei schwarzfedrigem Läufer
  • Bauern auf weißen Feldern bei weißfeldrigem Läufer

Die ungleichfarbigen Läufer können sich nicht gegenseitig angreifen, weil der eine auf den weißen Feldern schreitet und der andere auf den schwarzen Feldern. Sie koexistieren friedlich miteinander.

Wenn sich auch noch die Bauern auf einer Feldfarbe aufhalten, die vom gegnerischen Läufer nicht attackiert werden können, so können sich die Bauern in Sicherheit wiegen, da der feindliche Läufer ihnen kein Haar krümmen kann.

Einzig der König kann Bauern aus dem Weg räumen. Doch im vorliegenden Fall haben die Könige geringe Chancen, einen feindlichen Bauern zu vernichten, weil bei achtsamer Spielweise der Läufer jederzeit seine Bauern schützen kann.

Zum Beispiel kann in der vorliegenden Stellung, wenn Weiß als erster zieht, der schwarze König dauerhaft mit 1. bf5 auf den Feldern a8 und b8 eingesperrt bleiben, wenn der weiße Läufer die Diagonale h3-c8 nicht mehr verlässt. Im Extremfall wird der schwarze König auf b8 festgesetzt, wenn der weiße Läufer sich auf dem Feld b7 einnistet.

Bei wachsamen Spiel kann keine Seite das bestehende Gleichgewicht zerstören. Deshalb ist die Einigung auf einen dauerhaften Waffenstillstand (Remis) die logische Folge.

Dazu verfasste er folgendes Gedicht:

(Altrussisch) (Deutsch)
Начинать кому угодно.

Кто оружіе положптъ?
Чѣмъ здѣсь кончится война?
— Сдѣлать матъ никто не можетъ,
И «нпчья» уже видна…

Если­-бъ всѣ на томъ конгрессѣ
Съ той и съ нашей стороны,
Въ христіанскомъ интересѣ,
Такъ сошлись, какъ здѣсь слоны…
И играя также точно
На «ничью», а не на матъ,
Миромъ долгимъ, миромъ прочнымъ
Заключили-­бы трактаты!

Irgendwer beginne.

Wer wird die Waffen niederlegen?
Wie wird der Krieg hier enden?
—- Niemand kann hier mattsetzen,
Und ein Unentschieden ist schon in Sicht…

Wenn alle auf dem Kongress
sowohl die eine Seite als auch die andere Seite,
Im christlichen Interesse,
So zusammenfinden wie es die Läufer hier tun…
Und auch direkt auf ein „Unentschieden“
und nicht auf ein Matt setzen,
Werden Verträge für einen langen Frieden,
für einen dauerhaften Frieden geschlossen!

Deutsche Übersetzung: Frank Bicker

Kurzbiografie zum russischen Schachkomponisten Ilya Shumov

Ilya Stepanovich Shumov ( Ilja Stepanowitsch Schumow) wurde am 16. Juni 1819 in Archangelsk geboren und starb im Juli 1881 in Sewastopol am Schwarzen Meer. Er war ein russischer Schachmeister. 1830 wurde Ilya Shumov als Kadett im Marinekorps aufgenommen. Die Lehrer achteten sehr darauf, wie ihre Schüler die Freizeit verbringen. Jeder, der wollte, bekam Schachunterricht. So lernte der elfjährige Ilya Shumov die Grundregeln des Schachspiels.

Er diente bis 1847 als Offizier in der russischen Marine. Am 5. März 1847 wechselte er in das Marineministerium. Ilya Shumov trainiert bei Carl Jänisch, einer der damals stärksten russischen Schachspieler. Die Popularisierung des Schachspiels lag ihm am Herzen. Mit seiner Hilfe wird 1869 in St. Petersburg ein Schachklub eröffnet Im gleichen Jahr übernimmt er die Leitung der Schachspalte in der illustrierten Wochenzeitung „Vsemirnaja illjustracija“(Всемирная иллюстрация), die in St. Petersburg herausgegeben wurde. Nach seinem Tod 1881 übernahm Michail Tschigorin die Leitung der Schachspalte.

Viele Schachaufgaben widmete Ilya Shumov den Kriegen mit der Türkei: die Gefangennahme von Osman Pascha, die Überquerung des Balkans durch russische Truppen, die Eroberung von Kars während des türkisch-russischen Krieges 1877/1878. Oft wurden die Schachkompositionen durch poetische Erklärungen zur Zeitgeschichte ergänzt.

Russische Version / Русская версия

Желание человека к миру так же старо, как и история человечества. В 1877 году один из российских еженедельников заявил о пожелание мира с помощью шахмат. Представленное шахматный этюд взывал к разуму политиков и требовало сделать все, чтобы Берлинский конгресс (13 июня 1878 – 13 июля 1878) успешно закончил Балканские войны и заключил стабильные мирные договоры. Его призыв актуален как никогда!

Кто хочет узнать больше о балканских войнах, просто читаете разные статьи 2. После этого вы увидите многие события в нынешней Европе и мире другими глазами и сможете лучше понять статью о месторождениях газа в Черном море „Why the Black Sea could emerge as the next great energy battleground of the world“.

Илья Шумов, творческий русский шахматный композитор, опубликовал следующий шахматный этюд под названием „Прочный мир“ в русском еженедельном журнале „Всемирная иллюстрация“ 11 марта 1878 года в качестве главного шахматного редактора:

Комментарий для менее опытных шахматных болельщиков

Эндшпили с разноцветными слонами очень часто заканчиваются вничью, особенно если пешки находятся на полях своеого слона:

  • Пешки на черных полях с чернопольным слоном
  • Пешки на белых полях с белопольным слоном

Разноцветные слоны не могут атаковать друг друга, потому что один движется по белым полям, а другой – по черным. Они мирно сосуществуют друг с другом.

Если пешки находятся на полях такого цвета, которые не могут быть атакованы слоном противника, то пешки находятся в безопасности, так как слон противника не может им навредить.

Только король может убрать пешки с дороги. Но в данном случае у королей мало шансов уничтожить пешку противника, потому что при осторожной игре слон может защитить свои пешки в любой момент.

Например, в рассматриваемой позиции, если белые ходят первыми, черный король может остаться навсегда запертым на полях a8 и b8 при 1. Сf5 до тех пор, пока белый слон не покинет диагональ h3-c8. В крайнем случае, черный король прижат на b8, когда белый слон залезть на поле b7.

При внимательной игре ни одна из сторон не сможет разрушить существующий баланс. Поэтому соглашение о постоянном перемирии (ничья) является логическим следствием.

По этому поводу он написал следующее стихотворение:

(дореволюционная орфография) (современная орфография)
Начинать кому угодно.

Кто оружіе положптъ?
Чѣмъ здѣсь кончится война?
— Сдѣлать матъ никто не можетъ,
И «нпчья» уже видна…

Если­-бъ всѣ на томъ конгрессѣ
Съ той и съ нашей стороны,
Въ христіанскомъ интересѣ,
Такъ сошлись, какъ здѣсь слоны…
И играя также точно
На «ничью», а не на матъ,
Миромъ долгимъ, миромъ прочнымъ
Заключили-­бы трактаты!

Начинать кому угодно

Кто оружие положит?
Чем здесь кончится война?
— Сделать мат никто не может,
И «ничья» уже видна…

Если-б все на том конгрессе
С той и с нашей стороны,
В христианском интересе,
Так сошлись, как здесь слоны…
И играя также точно
На «ничью», а не на мат,
Миром долгим, миром прочным
Заключили-бы трактаты!

Краткая биография российского шахматного композитора Ильи Шумова

Илья Степанович Шумов родился 16 июня 1819 года в Архангельске и умер в июле 1881 года в Севастополе. Он был русским шахматным мастером. В 1830 году Илья Шумов стал кадетом Морского корпуса. Преподаватели уделяли пристальное внимание досугу учащихся и обучали всех желающих правилам шахмат. Так одиннадцатилетний Илья познакомился с шахматными фигурами и принципом их перемещения по доске.

До 1847 года он служил офицером в российском флоте. 5 марта 1847 года он перешел в Морское министерствао. Илья Степанович тренируется под руководством одного из сильнейших игроков империи Карла Яниша. Популяризация шахмат была сердечным делом. В 1869 году открывается с его помощью шахматный клуб в Петербурге. В том же году Илья Степанович принимает редакцию шахматного отдела в иллюстрированном еженедельном журнале «Всемирная иллюстрация». После его смерти в 1881 году Михаил Чигорин возглавил редакцию шахматного отдела.

Многие задачи шахматиста Ilya Shumov были посвящены войнам с Турцией: пленение Осман-Паши, переход Балкан русскими войсками, взятие Карса в ходе турецко-русской войны 1877/1878 гг. Зачастую композиции дополнялись стихотворными пояснениями происходящего на доске.

 

Dokumente zum Berliner Kongress 1878 – Статьи о Берлинском конгрессе 1878

Es gibt deutliche Abweichungen in den Wikipediaeinträgen und in anderen Veröffentlichungen in den verschiedenen Ländersprachen:
Существуют значительные различия в статьях Википедии и в других публикациях на разных национальных языках:

  1. Берлинский конгресс
    Википедия.ru
    Berliner Kongress
    Wikipedia.de
  2. Берлинский конгресс 1878 г. И его политические последствия для Балкан (2016)
    Der Berliner Kongress von 1878 und seine politischen Auswirkungen auf den Balkan (2016)
    Link/ Ссылка
  3. БЕРЛИНСКИЙ КОНГРЕСС И БЕРЛИНСКИЙ ТРАКТАТ 1878 ГОДА
    DER BERLINER KONGRESS UND DER BERLINER VERTRAG VON 1878
    Link/ Ссылка
  4. Le politique dans la cartographie. Tracé des frontières, carte et territoire lors du Congrès de Berlin en 1878 (2013)
    Политика в картографии. Границы, карты и территории на Берлинском конгрессе 1878 года (2013)
    Die Politik in der Kartografie. Grenzziehung, Karte und Territorium auf dem Berliner Kongress 1878 (2013)
    Link/ Ссылка

Zum 100. Geburtstag von Juri Awerbach (Originalbeitrag bei Sport-Express.ru)

Am 14.03.2022 veröffentlichte die russische Tageszeitung „Sport-Express“ auf Ihrer Internetseite einen lesenswerten Artikel des Journalisten Juri Golyschak über das ereignisreiche Leben von Juri Awerbach. Großmeister Awerbach ist vielen als Endspielpapst bekannt – viele kennen sein Lehrbuch der Schachendspiele.

Juri Lwowitsch Awerbach, der am 08.02.1922 in Kaluga geboren wurde, ist eine lebende Schachlegende. Juri Golyschak nimmt seine Leser auf eine bewegende Reise spannender Schachgeschichte mit und lässt dabei Juri Awerbach zu Wort kommen. Mir gefiel der Schreibstil – so warm , mit so viel Liebe und Anteilnahme geschrieben. Mit der deutschen Übersetzung möchte ich auch jüngeren Schachspielern im deutschsprachigen Raum diese bewegenden Geschichten nahebringen.

Am 8. Februar 2022 feierte der Großmeister seinen 100sten Geburtstag. An diesem Tag besuchte ihn der Cheftrainer der russischen Nationalmannschaften, Großmeister Sergei Yanovsky. Er überreichte Auszeichnungen und Geschenke zum Jubiläum und übermittelte zahlreiche Glückwünsche. Der Bürgermeister von Moskau, Sergej Sobjanin, sandte ein Dankschreiben. Für seine herausragenden Verdienste um die Förderung des Schachs wurde Juri Lwowitsch mit dem Goldenen Abzeichen des Russischen Schachverbandes ausgezeichnet; außerdem gab die FCR zu Ehren des Jubiläums ein buntes Fotoalbum heraus. – Video:

Am 8. Februar wurde der älteste Großmeister der Welt, Juri Awerbach, 100 Jahre alt.

Juri Awerbach (Autor: Jurgen Stigter – Jurgen Stigter, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2602409)

Es scheint, als ob die Olympischen Spiele eine Ewigkeit her sind. Aber wenn man auf den Kalender schaut, war es erst gestern. Plötzlich findest du einen Notizzettel: Unbedingt aufschreiben“ …

Du erinnerst Dich – aber sicher! Die Olympischen Spiele wurden von einem außergewöhnlichen Ereignis überschattet. Das wäre einer Titelseite einer großen Sportzeitung würdig gewesen. Aber die Geschichte erschien auf der sechzehnten Seite.

Die ersten Seiten wurden dem berühmten Skifahrer Bolschunow – zu Recht! – gewidmet, der sich vor unseren Augen zu einem großen Skifahrer entwickelt hat. Es wurde über Neprjajewa und die Eishockeyspieler berichtet, die Silbermedaillen erkämpften.

Inzwischen feierte Großmeister Juri Awerbach in Moskau seinen hundertsten Geburtstag. Haben Sie die Zahl schon realisiert, haben Sie sich Gedanken über die Zahl gemacht? 100 Jahre – und er lebt!

Ich bin mir nicht sicher, ob er gesund ist – der großartige Juri Lwowitsch hat vor nicht allzu langer Zeit sowohl einen Covid-Krankenhausaufenthalt als auch die Intensivstation überstanden. Mit Jammern wird man kein Großmeister.

Awerbach – 100!

Verzeihen Sie mir – ich kann es mir nicht vorstellen…

Kraft für das Endspiel

Doch es sind nicht die Jahrestage, die uns an den Großmeister erinnern, sondern sein erstaunlicher, unglaublicher Lebensweg. Voller wundersamer Abenteuer, die Juri Lwowitsch ein großer Ordnungsfanatiker, selbst mied. Aber sie kamen zu ihm. Offenbar gab es irgendwo oben ein Drehbuch.

Wir trafen uns mehrmals, machten Interviews – und jedes Mal war es so intensiv, dass mir eine Widersprüchlichkeit in Erinnerung blieb: Mit ruhiger, fast farbloser Stimme erzählt er eine unglaubliche Geschichte.

Ich wollte schreien, mich vergewissern – aber Juri Lwowitsch hielt sich nicht mit Kleinigkeiten auf, und er hatte auch nicht vor, sich mit Kleinigkeiten aufzuhalten. Jedes Gespräch war für den damals 92-Jährigen wie eine Schachpartie. Wobei es sich empfiehlt, die Kräfte für das Endspiel aufzusparen.

„Awerbach eröffnet eine Schachschule“

Jeder Winkel Moskaus ist für mich als Reporter mit Treffen der vergangenen Jahre verbunden.
.
Da ist die Metrostation „Sportiwnaja“. An was sie alles erinnert!

Hier hatte Iwan Bortnik, der noch auf der Gehaltsliste des Taganka-Theaters stand, aber keine Rolle übernahm, Termine mit Journalisten vereinbart. Er stand unerkannt da, trug einen Schal und eine Mütze.

Hier, gleich um die Ecke, verbrachte Lera Wassiljewa, die erste Schönheit Moskaus in den 50er Jahren, eine Schauspielerin des Jermolowa-Theaters, ihre letzten Tage in einem Hospiz. Sie ist auch als Waleria Beskowa bekannt . Die Frau von Konstantin Iwanowitsch.

Innerhalb weniger Monate wurde sie vom Krebs dahingerafft – aber die letzten Wochen, in denen sich die Lebenswirklichkeit mit dem Jenseits vermischte, waren glückliche Wochen. Dank Sergej Stepaschin, einem Mann mit großer Seele, kam sie in dieses Hospiz, wo sie keine Schmerzen mehr fühlte. Sie war überzeugt, dass sie in irgendeinem Sanatorium war – dass sie kurz davor war, geheilt nach Hause zurückzukehren, wo bereits Kostja wartet…

Und in diesem Gebäude, direkt beim Metro-Ausgang, lebt ebendieser Großmeister Juri Awerbach. Über ihn sang Barykin vor langer Zeit: „Awerbach eröffnet eine Schachschule“.

Juri Awerbach leitete die im Fernsehen regelmäßig ausgestrahlte „Schachschule“
Text zum Lied von Barykin, auch in Englisch
Den Sänger Alexander Barykin live erleben:

In den 1950er Jahren wurde er von den Sowjets als Privatdetektiv nach Estoril in Portugal geschickt, um den mysteriösen Tod des Weltmeisters Aljechin zu untersuchen. Ob er nun vergiftet wurde oder nicht. Und wenn ja, von wem? Mit welchem Ziel?…

Es ist Awerbach, der die UdSSR-Meisterschaft gewann, als euer Urgroßvater noch jung war.

Es ist Awerbach, der der Schwiegervater eines anderen großen Schachspielers, Mark Taimanov, wurde.

Mark Jewgenjewitsch ist schon lange tot, und Barykin verfolgt unsere Erfolge aus dem Jenseits – während Juri Lwowitsch unglaubliche Geburtstagsjubiläen feiert. Womöglich wird er sogar 100 Kerzen ausblasen.

Wasenka Smyslow

Einst verabredete ich mich zu einem Treffen mit Awerbach vor dem Schachmuseum am Gogolewski Boulevard. Wohlhabende Leute hatten es gerade renoviert – und freuten sich, die Korrespondenten mit all den Schätzen bekannt zu machen.

Deshalb bat ich Awerbach, der an der Renovierung beteiligt gewesen war, die Leser durch die Ausstellung zu führen. Ich werde alles gewissenhaft aufschreiben und Fotos machen.

Früher gab es beim Schachverband ein Museum – aber was war das schon gewesen? Ein Raum voller Raritäten. Ja, niemand sah sie an. Dann war alles verschwunden. Für die Dauer der Sanierungsarbeiten wurde alles in einen Keller – nennen wir ihn respektvoll „Depot“ – gebracht.

Awerbach wurde 92 Jahre alt. Mancher unter uns kann sich daran erinnern, wie Juri Lwowitsch Meister der UdSSR wurde – und ruft triumphierend: 1954!

Oh mein Gott! 1954!

Hätte ein Großmeister aus der zweiten Reihe ein solches Alter erreicht, wäre er als der Größte geehrt worden. Aber Awerbach stand in der unruhigsten Zeit an der Spitze des Schachverbandes der UdSSR – als Anatoli Karpow mit Kortschnoi kämpfte.

Seine Schachfreunde liegen schon längst auf den Friedhöfen – aber für Awerbach bleiben sie alle lebendig. Sie hatten lange nicht mehr miteinander gesprochen – wie zum Beispiel mit dem Weltmeister Wasenka Smyslow. Ja, ja, „mit Wasenka“.

Als ich das alles zum ersten Mal hörte, griff ich, ohne mich umzudrehen, nach einem Stuhl hinter mir. Ich bekam weiche Knie.

Und Juri Lwowitsch sprach unbeirrt weiter – in Erinnerungen schwelgend. Auch seine Redeweise wirkte altmodisch:

— Wir waren im Park der Kultur mit dem Boot unterwegs. Ich ruderte, Wasenka sang … Und bei Luschniki gab es ein Zigeunerlager, ein Kohlfeld und ein kleines Stadion “ Utschitel (Lehrer)“. Dort gingen wir spazieren.

„Wie peinlich!“

Ich trat von einem Fuß auf den anderen und wartete auf den Großmeister am Gogolewski Boulevard. Aber er war immer noch nicht da.

Ich machte mir Sorgen: Was war passiert? Hatte ich einen Fehler gemacht? Ich erinnere mich, wie er über schlechte Augen klagte: „Ihr seid alle wie im Nebel. Ein Auge sieht gar nichts. Es ist eine solche Qual – ich kann nicht lesen, ich kann nicht schreiben…“

Wie fährt man mit einer solchen Sehbehinderung Metro? Ganz allein?

Er ist noch nicht da. Awerbach ist auf die Sekunde genau pünktlich, das weiß jeder in der Schachwelt. Er selbst verspätet sich nicht – und er kann Zuspätkommer nicht ausstehen. Er streicht sie aus der Liste der Freunde.

Ich hielt es nicht mehr aus, rannte ins Museum und wählte die Telefonnummer des Großmeisters. Oh, mein Gott – er meldete sich mit ruhiger Stimme! Was für eine Freude!

– Ju… Ju-Juri Lwowitsch!“, freute ich mich. – Ihnen geht es gut?

– Wer ist da? – antwortete Awerbach leicht gereizt.

– Ja, hier ist Jura, der Korrespondent, – platzte ich heraus. -. Wir verabredeten uns um zwei. Richtig?

– Ich habe versprochen, dich um zwei zu treffen“, erwiderte Awerbach vorwurfsvoll. – Um zwei werde ich da sein.

– Juri Lwowitsch, es ist schon Viertel nach drei.

– O Gott!, schimpfte der Großmeister. – Ist meine Uhr stehen geblieben? Was für eine Peinlichkeit!

Schon wegen dieser Begebenheit hat es sich gelohnt, auf dem Gogolewski Boulevard von einem Fuß auf den anderen zu treten. Nur wegen der Worte „Was für eine Peinlichkeit!“. Wer würde das heutzutage noch sagen – kein Wowka Bystrow…

„Mark Jewgenjewitsch liebte die Frauen sehr …“

Dem wunderbaren Awerbach genügte es – und so etwas gibt es! – einen Menschen im Vorbeigehen zu berühren, ein paar Worte zu wechseln, um ihn für immer in Erinnerung zu behalten. Verständnisvoll. Die Aura eines Genies.

Der berühmte Regisseur des Leningrader Fernsehens Erik Serebrennikow ist ein großartiger Entertainer. Er dachte sich die Frage an die führenden Schachspieler aus: „Wollen Sie Weltmeister werden?“

Er erzählte es mir – und ich lachte: Natürlich wollten sie das! Weshalb sollten sie nicht? Sogar ich wollte das – als ich als Kind einen Bauern bewegt hatte. Übrigens irgendwie in die falsche Richtung.

Erik betrachtete mich mit einer Art von Ironie, zu der er als einziger in Leningrad fähig war. Dieser Blick ließ mich erschaudern. Serebrennikow hatte noch kein Wort gesagt – und ich fühlte mich wie geistig behindert.

– Nein, das tust du nicht! – sagte er triumphierend.

Ich schwieg – und Serebrennikov fuhr nach einer langen Pause fort:

– Awerbach entgegnete: „Wissen Sie, ich habe mich noch nie über einen Sieg wahnsinnig gefreut und war wegen einer Niederlage den Tränen nahe. So wird man kein Weltmeister.

Wenn man mich nach so einen Schachspieler fragen würde, würde mir nur einer einfallen. Mark Taimanow, der Schwiegersohn von Awerbach. Er hat es bis zum WM-Match geschafft – er interessierte sich aber viel mehr für Musik und Frauen als für Schach. Er galt als einer der besten Pianisten des zwanzigsten Jahrhunderts.

Vielleicht verlor gerade deshalb den Wettkampf gegen den genialen Fischer mit 0:6…

Ich fragte Serebrennikow:

– Taimanow – derselbe Taimanow? Hat er sich nicht wegen Niederlagen geärgert?

Erik überlegte, wie er es besser ausdrücken könnte. Alle wohnten in der Nachbarschaft zu Mark Jewgenjewitsch, der Kamennoostrowski-Prospekt war nicht weit entfernt von Serebrannikows Stadtteil „Tschermjanka“.

– Mark Jewgenjewitsch liebte die Frauen sehr … Ihm stellte ich eine andere Frage: „Wie viele Partien gab es, bei denen Sie das Gefühl hatten, dass der Herrgott Ihre Hand führte?“ Taimanow nannte drei. Und Kasparow antwortete: „Vierzehn. Vielleicht fünfzehn.“

Mit 92, kommt man eben zu spät, wenn man sich verspätet hat

Juri Lwowitsch kam ohne Eile zum Eingang des Schachmuseums. Mit majestätischem Schritt. Mit 92 hat man es nicht mehr eilig – man kommt eben zu spät, wenn man sich verspätet hat.

Ich ließ ihn am Fenster vor dem Schachbrett aus Elfenbein sitzen. Der Ordnungsfanatiker Awerbach stellte die Figur richtig auf, die ich als „Offizier“ bezeichne.

Ich hebe das Objektiv an und habe genügend Zeit zum Auslösen. Eins, zwei, drei. Awerbach warf einen Blick auf das Brett – und spielte mit einem Unbekannten eine Partie. Er hob den Kopf – sein recht trüber Blick gleitet an mir vorbei und an den Wänden vorbei zu den großartigen Partien der vergangenen Jahre.

Ich mühte mich mit der Kamera und versuchte diesen Blick für die Geschichtsbücher einzufangen…

Das Schachspiel von Mao Zedong

Awerbach führte mich durch das Museum und berührte die wertvollsten Exponate mit seinen Fingerspitzen.

– Eigentlich wurde der Schachklub im Jahre 1956 eröffnet. Wir haben selbst etwas zusammengetragen. Anderes kam später dazu – hier ist es, das Prunkstück unserer Sammlung… Schauen Sie! Ein Schachspiel aus Elfenbein!

Es ist wunderschön, sagte ich und sah es mir genau an.

– Es gehörte Mao Zedong!

Wow. Woher haben Sie es?

– Mao hatte Bauchschmerzen und vertraute seinen eigenen Ärzten nicht wirklich. Er bat Stalin, einen vertrauenswürdigen Arzt zu schicken – und dieser schickte den führenden Gastroenterologen der UdSSR, Wladimir Wasilenko. Ein großer Liebhaber des Schachs. Dann heilte er Mao Zedong. Doch als er in die Sowjetunion zurückkehrte, wurde er direkt vom Flughafen in die Lubjanka gebracht. Gerade fand der „Ärzte-Prozess“ statt. Er saß ein Jahr im Gefängnis – bis Stalin starb. Seltsamerweise durfte das Schachspiel bei ihm in der Zelle bleiben. Und als Wasilenko starb, kauften wir das Schachspiel der Witwe ab. Unglaublich, nicht wahr?

Ich nickte – es waren keine Worte nötig. Ein Wunder!

Der Tisch von Karpow und Kasparow

Mein Blick fiel auf den Tisch mit den Namen „Karpow“, „Kasparow“ … Das Jahr 1984! Soll das der Tisch sein?

– Er ist echt, echt, – versicherte Awerbach. – von 1984!

Ungläubigkeit stand mir ins Gesicht geschrieben. Das blieb Awerbach nicht verborgen.

– Ich verbürge mich! rief er fast schon. – Ich war damals Schiedsrichter bei dem Wettkampf!

Wie hätte ich daran zweifeln können? Juri Lwowitsch beweist zugleich sein Erinnerungsvermögen. Er klopft mit seinem Fingernagel leicht auf den Tisch.

– Übrigens, der Tisch wurde 1968 aus Kuba mitgebracht. Sogar die Uhr ist original. Aber die Figuren mussten ersetzt werden.

– Hat sie jemand gestohlen?

– Dazu gibt es eine Geschichte! Karpow und Kasparow berührten die Figuren – sie mochten sie nicht. Das kommt vor. Manche Menschen sind von Uhren genervt. Ich ging in das Zimmer mit unseren Schätzen. Ich entdeckte ein wunderschönes Schachset aus Holz, klassischer Staunton, das zum Verkauf stand. Der Turm hatte das Standardgewicht von 66 Gramm. Es wurde beschlossen, damit zu spielen. Dieses Match endete ohne einen Sieger, und der erste Direktor des Museums, Sorokin, bekam den Figurensatz zurück. Er gab ihn nicht zurück. Er selbst hat ihn gekauft. Auch wenn er von der Partei gerügt wurde. Er bat mich auch um ein Zertifikat, das bestätigte, dass es sich um das Schachspiel handelte, mit denen Karpow und Kasparow spielten. Wo das Schachspiel jetzt ist – keiner weiß es. Sorokin ist tot.

– Was für eine Tragödie. Es war ein unglaubliches Duell.

– Das war es. 48 Partien…

Blondinen für Karpow

Ehrlich gesagt, ich habe vergessen, dass Awerbach dieses Spiel leitete. Sofort kamen Fragen auf – sie drängten sich förmlich gegenseitig auf.

– Sagen Sie, Juri Lwowitsch, was hat Sie erstaunt?

– Es gab einen Moment, wo das Publikum ganz klar in Brünette und Blondinen getrennt war. Die Blondinen drückten Karpow die Daumen. Zu dieser Zeit stieg die Zahl der Dienstreisen aus dem Kaukasus nach Moskau sprunghaft an. Als die Schachspieler die Bühne betraten, gab es Applaus. Kasparow wurde länger und lauter beklatscht als Karpow. Dann wurde mir aufgetragen zu sagen, dass Applaus vor dem Spiel verboten ist. Klatschen sie hinterher. Die Redakteure wurden in das Zentralkomitee zitiert – die Mitteilung lautete: fifty-fifty. Es gab keine Mehrheit.
Alijew unterstützte Kasparow und der Sekretär des Zentralkomitees für Propaganda unterstützte Karpow. Der denkwürdigste Tag dieses Duells war, als Campomanes auftauchte und das Duell kurzerhand abbrach. Jenseits aller Regeln. Karpow hatte kein Durchhaltevermögen, nach dreißig Partien erlebte er einen starken Leistungseinbruch. Man versuchte, ihn mit aller Kraft wiederaufzurichten, aber es gelang nicht. Sie verabreichten ihm Medikamente.

– Ich erinnere mich an dieses Match – es tat weh, Karpow so zu sehen.

– Ja, es tut weh. Er hatte mächtig abgenommen. Daher war Kasparow verärgert, dass das Match abgebrochen wurde. Campomanes sprach im Hotel „Sport“. Karpow war nicht da – er soll im Auto gesessen und das Geschehen über das Funktelefon verfolgt haben.

Kasparov und sein Team saßen in der Halle. Ich war im Präsidium. Mitten in der Rede von Campomanes höre ich ein gelegentliches Flüstern: „Juri Lwowitsch, was sagt er da?! Wir haben uns auf etwas ganz anderes geeinigt!“ Ich drehte mich um und sah hinter mir, wie blass Tolik [Anatoli Karpow] war. Es stellte sich heraus, dass der Vorsitzende des Schachverbandes, der Kosmonaut Sewastianow, einen Brief an Campomanes geschrieben hatte, in dem er vorschlug, das Match für zwei Monate auszusetzen – und danach fortzusetzen. Es heißt, die Teilnehmer seien am Ende ihrer Kräfte.

Zwei Stunden lang diskutierten wir, was wir tun sollten. Bis wir auf die Idee eines Revanche-Kampfes kamen, der beim Stand von 0:0 beginnen sollte. Kasparow war verärgert, dass das Match abgebrochen wurde. Tolik – dass er nicht in der Lage gewesen war, den Vorsprung zu halten. In diesem Match musste er nur noch eine Partie gewinnen, um auf sechs Siegpartien zu kommen! Aber er konnte nicht! Ähnlich erging es ihm in Baguio gegen Kortschnoi – er führte 5:2 und hatte dann drei Partien verloren. Mit äußerster Anstrengung konnte er noch einen Sieg erringen…

Die Postkarte von Kortschnoi

Ich wollte jedes Exponat in diesem Museum anfassen – Juri Lwowitsch schaute unfreundlich, aber von Zeit zu Zeit erlaubte er es. Es gab das Schachspiel von Nachimow, das Schachspiel der Wikinger, daneben ein Schachspiel aus Birkenrinde, ein japanisches Schachspiel mit Glöckchen …

Hinter mir klang Awerbachs Stimme sanft. Er erzählte von den Verrückten, die diese Sammlung zusammengetragen hatten. Einmal für sich selbst – und wie sich herausstellte, für alle anderen auch. Alles war hier vertreten. Ich entdeckte den Namen „Dombrowski“.

– Wer ist Dombrowski? – fragte ich nach.

– Dieser Dombrowski erweiterte während der Blockade ständig seine Sammlung – er war der Leiter der Feuerwehr. Als er starb, kaufte der Verband alles auf.

Video zur Schachsammlung von W. A. Dombrovski , 1957 Leningrad:

Einst besuchte ich Awerbach in eben jenem Hotel „Sport“ und ich erinnerte mich, ich hatte es noch genau vor Augen, welche Exponate Juri Lwowitsch mir erlaubte, anzufassen. Mein Atem stockte. Anscheinend war eine Postkarte eben nur eine Postkarte. Nun!

Auf der Postkarte gab es einige böse Gemeinheiten, die an Juri Lwowitsch gerichtet waren. Und aus wessen Feder – aus der von Kortschnoi!

Mit Kortschnoi hatte ich meine eigene Erfahrung – eines schönen Tages erfuhr ich, dass er nach Moskau reisen würde. Ich rief an und wir vereinbarten, uns sofort zu einem Interview zu treffen. Wiktor Lwowitsch wusste bereits, dass er in einem winzigen Hotel in der Nähe des Kiewer Bahnhofs übernachten würde.

«Rheinmetall“-1956

Ich hatte mir einen Menge Fragen ausgedacht, machte mich startklar… Plötzlich klingelt es und Kortschnois kalte Stimme war zu hören:

– Es gibt kein Interview. Ich habe es mir anders überlegt.

Kurze Pieptöne.

Ich saß ein oder zwei Minuten wie betäubt da und rief ihn erneut an. Wiktor Lwowitsch ging nicht ans Telefon. Weder an diesem noch am nächsten Tag. Eines Tages werden wir uns im Jenseits treffen und ich werde ihn fragen: Was sollte das denn?

Es tut mir immer noch weh. Denn solche bekannten Menschen bleiben das ganze Leben in Erinnerung. Eine Erinnerung, die für immer bleibt.

Und so tat Kortschnoi Awerbach einen Gefallen. Ein Lwowitsch schrieb dem anderen etwas Gemeines – jeder wie er wollte. Bei jeder Zeile hörte ich Kortschnois Stimme, die mit keiner anderen zu verwechseln war.

Jetzt habe ich den ehrenwerten Juri Lwowitsch angesprochen:

— Würden Sie dem Museum die Postkarte schenken?

„Oh, nein“, Awerbach hob seinen Finger. – Ich behalte sie als Andenken!

– Ich habe vergessen – was stand da geschrieben?

– Ich war Präsident des Verbandes, als Kortschnoi gegen Karpow spielte. Ein Anruf von Kortschnoi: „Wir streiten, wann wir anfangen sollen. Ich will um 4 Uhr anfangen, Karpow um 5 Uhr. Er schläft gern, steht spät auf. Können Sie helfen, Druck auf das Sportkomitee auszuüben?“ Ich rief denjenigen an, der im Sportkomitee für Schach zuständig ist. Er schlug vor: „Lasst uns um 16.30 Uhr beginnen?“ – „Auf keinen Fall. Wir kamen Kortschnoi schon entgegen, indem wir einen ausländischen Schiedsrichter einluden. Sie fangen um 5 Uhr an!“

Kortschnoi erfuhr davon – und so schrieb er diese Gemeinheiten. Angeblich würde ich mit dem Sportkomitee gemeinsame Sache machen. In großen Druckbuchstaben stand „Ich bin der Größte.“ Die Karte hing am Eingang der Redaktion der Schachzeitschrift, bei der ich arbeitete. Jeder, der hereinkam, konnte sie lesen. Danach sprachen wir 25 Jahre lang nicht miteinander. Kortschnoi ist ein verbitterter Mann. Er denkt immer, es gäbe Intrigen, Verschwörungen gegen ihn….

Awerbach bewahrte diese Karte neben seiner Schreibmaschine auf. Auch die Schreibmaschine selbst ist ein Ausstellungsstück. Eines Tages wird sie das Museum zieren. Aber im Moment tut es ihm weh, sie wegzugeben.

– 1956 gewann ich das Turnier in Dresden und kaufte mir von dem Preisgeld diese Rheinmetall-Schreibmaschine. Wie viele Bücher habe ich schon darauf geschrieben!

– Und Computer?

– Im Alter von 90 Jahren habe ich mir einen zugelegt. Schon bald begann meine Sehkraft zu schwinden.

Tschigorin verbrannte das Schachspiel bevor er starb

Wie tausende Geschichten in den Kopf eines 92-jährigen Mannes passen – ich habe keine Ahnung. Ich suche mit 47 eine Brille – und eine halbe Stunde später stelle ich fest, dass ich sie aufhabe.

Vom Schachspiel aus der Zeit der Leningrader Blockade kamen wir zu der Geschichte des weltweit größten Schachsammlers. In Mexiko sammelte jener zweitausend Schachspiele. Für diesen Schatz stellte er eigens ein vierstöckiges Haus zur Verfügung. Er träumt von dem Schachspiel des Großfürsten Michail Romanow – aber das ist in einer anderen Sammlung zu finden, beim ehemaligen Präsidenten der Chess Collectors International (CCI), Dr. Thomas Thomsen …

Wie passt das alles in seinen Kopf? Auch wenn die Großmeister außergewöhnliche Menschen sind. Sie sind irgendwie von einer anderen Welt…

Ich hatte gehofft, nach Aljechin und jener Geschäftsreise nach Estoril fragen zu können. Als Juri Lwowitsch sich wie Hercule Poirot fühlte.

Es geschah einfach – Awerbach stellte irgendeine Wochenschau ein. Schüsse fielen. Ich schaute genau hin, aber verstand nichts.

– Was ist das?

— Das Jahr 1935! – sagte Awerbach mit Nachdruck. Offenbar sollte es etwas bedeuten. Aber es gab keine Erklärung dazu.

Der älteste Großmeister der Welt erläuterte leicht gereizt:

– Der Holländer Euwe gewann die Weltmeisterschaft gegen Aljechin. Es kamen viele Holländer. Zu Ehren von Aljechin sangen sie die Marseillaise. Er steht blass da, im Smoking, er hatte soeben den Weltmeistertitel verloren … Aber er singt die Marseillaise, die französische Hymne!

– Ist das nicht sein Schachspiel, das da unter dem Glas liegt? Eine Art Antiquität.

– Das Schachspiel von Tschigorin!

– Ach.

– Eine Legende besagt, dass Tschigorin vor seinem Tod von allem enttäuscht war und seine Schachfiguren verbrannte. Aber 1952 erzählte seine Tochter, dass er ein Reiseschachspiel verbrannte. Und hier ist sein eigenes handgeschriebenes Buch, in ganz winziger Schrift.

– Das ist unbezahlbar.

– Ich kann mich rühmen, Aljechins Notizbuch in meiner persönlichen Sammlung zu haben!

– Das ist unglaublich, Juri Lwowitsch.

– Ich werde sie in unserem Schachkulturzentrum aufbewahren. Es enthält die Kopie eines Briefes nach Amerika aus den 1930er Jahren, in dem er sich bereit erklärt, ein Match mit Capablanca zu spielen. Aljechin wollte schon etwas früher nach Amerika kommen, um dort am Turnier teilzunehmen. Das Museum hat ein ganzes handgeschriebenes Notizbuch von Aljechin. Und ein Lehrbuch mit seinem Namenszug – da, sehen Sie, es ist mit Bleistift geschrieben: „Тишайший“ …

Erläuterung zu“Тишайший“ bzw. „Тиша“ (in deutscher Übersetzung: „Leise“, Transliteration: „Tischa“): Alexander Aljechin hatte es nicht leicht, mit Menschen auszukommen, er war das, was man einen Introvertierten nennt. Er spielte schon früh Schach und war sehr in sich gekehrt. Es war kein Zufall, dass er den Spitznamen „der Stille“ trug. Er signierte seine frühen Partien mit „T. Aljechin“. Link zur Quelle der Erläuterung (in Russisch)

– Das ist der Namenszug?

– Nun ja. So nannte ihn seine Familie. Oder Tischa. Aljechin lernte mit diesem Lehrbuch in Französisch Schach zu spielen. Die Parteien sind mit Häkchen markiert – das bedeutet, dass er sie verstanden hatte.

„Der tote Aljechin sitzt in seinem Mantel im Zimmer…“

– Sie haben die mysteriöse Todesumstände von Aljechin untersucht. Was haben Sie herausgefunden? – Ich eilte zum Nachtisch.

– Es gab Gerüchte, dass er vergiftet wurde…

– Ja ja.

– Alles stützte sich auf die Aussage des Kellners, der vor seinem Tod gestand, den Weltmeister vergiftet zu haben. Aber es gab nichts Schriftliches. Das Ganze geschah in einem Hotel in Estoril. Dorthin war ich gereist.

– War es wirklich möglich, Jahre später etwas zu finden?

– Wie sich herausstellte – nein. Sogar das Hotel selbst war abgerissen. Es gab keinerlei Zeugen. Es spricht viel dafür und viel dagegen. Das sind Fragen für einen guten Detektiv. Was konnte ich tun? Das Foto, auf dem der tote Aljechin in seinem Mantel im Zimmer sitzt, trug zur Verwirrung bei. Warum im Mantel? Er ging irgendwo hin und starb auf der Straße?

– Aljechin soll noch am Strand gestorben sein.

Es gibt einen Strand in Estoril, aber der Tod ist dort nicht eingetreten. Es war März – was sollte Aljechin am Strand treiben? Übrigens, es gab eine Exhumierung …

– Was hat sie ergeben?

– Auch eine seltsame Geschichte – Aljechin hatte eine tadellose Leber. Obwohl in den Memoiren eines spanischen Journalisten zu Aljechin geschrieben steht, dass er eine Leberzirrhose hätte. Ja, viele haben sich mit dieser Geschichte befasst – sogar Spasski stellte eigene Nachforschungen an. Er weiß genauso viel wie ich: das, was der Kellner gestand. Aber er zog seine eigenen Schlüsse.

„Genau wie in dem Film „Marinedolch“ Es wurde viel nachgeforscht, aber niemand hat etwas gefunden.

Marinedolch“ ist die deutsche Bezeichnung  für den sowjetischen Film „Бронзовая птица

– Ja! Irgendein Pianist, der später nach Amerika auswanderte, trat in den Zeitschriften mit seinen Vermutungen in Erscheinung… Aljechin war ein eigenartiger Mensch – voll und ganz. Er wurde von seiner Großmutter erzogen. Seine Mutter hat sich nie mit ihm beschäftigt – auch das hat seine Denkweise geprägt. Es ist kein Zufall, dass Aljechin immer Frauen heiratete, die wesentlich älter waren als er selbst. Er nannte sie „Mütter“. Die letzte, Grace, war zehn Jahre älter.

– Ich kann mir ausmalen, wozu solche Eigenheiten führen.

– Auch in diesem Fall nahmen die Dinge eine seltsame Wendung: Aljechin war ein mit Kriegsorden ausgezeichneter Mann! Er war Leiter eines Sanitätszuges. Einen der Orden, den St.-Stanislaus-Orden, bekam er, weil er einen verwundeten Offizier gerettet hatte.

— Das ist erstaunlich, Juri Lwowitsch.

– Und es gibt eine Menge erstaunlicher Dinge über ihn. Weltmeister sind besondere Menschen. Aljechin studierte in seiner Jugend die Partien von Capablanca sehr sorgfältig. Obwohl zu dieser Zeit Lasker der Weltmeister war. Man fragte ihn: „Warum?“ – „Capablanca wird bald Weltmeister sein …“ Ich kannte Aljechins Bruder Alexei gut. Ein sehr netter Mann. Er lebte in Moskau, leitete den Schachklub. Und als Schuljunge bin ich regelmäßig zu ihm hingegangen.

– Konnte der Weltmeister in Moskau begraben werden?

– Die Familie wollte das nicht. Obwohl es auf dem Nowodewitschi-Friedhof eine Kapelle der Prochorows gibt. Es sind Verwandte mütterlicherseits.

– In Portugal?

– Zunächst ja. Zehn Jahre später wurde er in Paris umgebettet. Botwinnik nahm im Namen der Sowjetunion an der Beerdigung teil. Auf dem Denkmal steht: „Dem Genie Russlands und Frankreichs.“ Jahre später war ich in England Schiedsrichter bei der Weltmeisterschaft Kasparow-Short. Ich hatte mehrere Auftritte für die BBC. Einmal fragte ich, ob sie noch irgendetwas von Aljechin hätten. Sie versprachen nachzuschauen – und brachten mir eine Aufzeichnung seines Interviews aus dem Jahr 1938. Aljechin gewann gerade eine Partie gegen Euwe. Diese Aufnahme habe ich immer noch.

„Petrosjan hat die Meisterschaft verloren – und er war sehr erleichtert“

Ich sah Juri Lwowitsch an – und es war, als spräche er aus einer anderen, fernen Welt. Ich schüttelte seine riesige Hand und spürte die Energie von Petrosjan, Botwinnik und Tal. Und natürlich von Smyslow. Jener „Wasenka“. Und von Euwe.

—Mit Euwe bei der FIDE zusammenzuarbeiten, war sehr angenehm. Wasenka und ich sind seit unserer Kindheit engste Freunde. 1938 belegte er den ersten Platz bei den Schülern unter 18 Jahren und ich den 1. Platz bei den Schülern unter 16 Jahren. Er und seine Frau starben im Abstand von wenigen Wochen. Vor ihnen starb der Adoptivsohn, der Selbstmord beging. Der Junge hatte psychische Probleme und man musste auf ihn aufpassen. Auch Smyslows Frau gab sich dem Schach hin, sie verreiste. Sie kehrten zurück – der Sohn war tot.

– Was für ein Albtraum. Smyslow lebte jedoch lange. Wie viele Großmeister.

– Es sei denn, der Bauchspeicheldrüsenkrebs bringt sie um. Aus irgendeinem Grund sind viele daran gestorben. Botwinnik starb daran, Petrosjan…

– Tal litt unter irgendwelchen Schmerzen.

– Tal hatte noch etwas Anderes – ihn plagten ständige Nierenschmerzen. Das wirkte sich auf seine Stimmung aus. Er nahm Pantopon, ein Narkotikum. Jemand fragte: „Mischa, bist du ein Tschigoriner?“ „Ich bin ein Morphynist…“

– Es wurden Bücher über Tal geschrieben. Im Unterschied zu Petrosjan.

– Petrosjan ist eine faszinierende Persönlichkeit!

– Inwiefern?

– Kein Ehrgeiz.

– Wird man so Weltmeister?

– Seine Frau spielte eine große Rolle bei seiner Weltmeisterschaft. Und die Menschen in Armenien sagen: „Versuch, ein Weltmeister zu werden!“ Nun, das wurde er. Und als er die Weltmeisterschaft verlor, nahm er es mit großer Erleichterung hin. Es hat ihn alles belastet.

– D.h., der wahre Weltmeister war Rona Petrosjan?

— Da ist etwas dran… Sie spielte selbst Schach. Einmal fragte sie den Leiter des Schachklubs: „Wer hat die besseren Erfolgsaussichten: Petrosjan oder Furman? Wer spielt besser?“ – „Natürlich, Petrosjan!“ Sie heiratete Petrosjan. Obwohl sie auf einer anderen Version bestand.

– Ist das krass?

– Die Großmeister Petrosjan und Geller waren Freunde. Ich war der Dritte im Bunde. Soweit ich weiß, hat Geller Rona nie den Hof gemacht. Anders Petrosjan. Aber sie ließ es so aussehen, als ob sie in beide verliebt wären. Und dann kündigte sie an: “ Wer von euch beim Kandidatenturnier besser ist, den heirate ich.“ Es stellte sich heraus, dass Petrosjan besser abschnitt.
. Übrigens, ich war sein Trainer, ich ermahnte ihn: „Tigran, du verpasst deine Chance!“ – „Du hast es leicht, zwei Jahre bis zur Rente. Aber für mich sind es zehn Jahre!“

– Aber er erlebte den Ruhestand nicht mehr.

Ja, er starb mit 55 Jahren. Kortschnoi hatte erkannt: Wenn Petrosjan verärgert war, begann er schlecht zu spielen. Er versuchte alles, um ihn aufzubringen. Sie spielten auf der beweglichen Bühne im Dramatischen Theater in Odessa. Der Tisch war nicht fest verankert. Petrosjan, der in die Partie versunken war, begann mit einem Bein zu wackeln. Der Tisch und die ganze Bühne wackelten. Kortschnoi stichelte: „Was, du nutzt deine letzte Chance?“ Das ganze Spiel über versuchte er, ihn zu verärgern. Petrosjan bekam Magenkrämpfe. Vielleicht rückte dadurch das tragische Ende näher.

**

Ich erinnerte mich krampfhaft an alles, woran ich mich erinnern konnte. An alles, was ich gelesen hatte. Sogar an “ Schach-Witze“. Man muss unbedingt die Gelegenheit nutzen – wenn der Großmeister schon so redselig war. Es bestand die Gefahr, etwas Falsches zu sagen und dann fliegen einem ein paar Schachfiguren um die Ohren. Wie bei Großmeister Bender.

Aber zum Glück war Awerbach geduldig und freundlich. Jede Frage wurde beantwortet.

Sogar diese absurde:

„Es gab große Schachmeister, die den Gegner mit Tabakrauch einnebelten“, stieß ich hervor. Vorsichtshalber ging ich zur Seite.

Der Großmeister rückte mit seinem Stuhl näher heran. Erfreut von der Frage:

– Die erste Person, der dies vorgeworfen wurde, war Lasker. Er rauchte stinkende Havanna-Zigarren. Ilf und Petrow haben ihn nicht ohne Grund erwähnt. Botwinnik störte der Zigarrenrauch – deshalb machte er absichtlich Freundschaftsspiele mit Ragosin, damit dieser ihn mit Rauch einnebelte. Er versuchte sich einzureden, dass er sich an den Gestank gewöhnen würde. Er nannte es „Selbstprogrammierung“. Dass ihm der Lärm im Saal nicht störte, spielte Botwinnik mit mir, während das Radio lief. Ich stand nach fünf Stunden mit dröhnenden Schädel auf. Besonders zur Hauptverkehrszeit.

Schulschach ist eine enorme sozioökonomische Ressource mit immensen finanziellen Vorteil für die Gesellschaft

Nun liegt die erste Studie vor, die eine volkswirtschaftliche Gesamtbetrachtung des Schulschachs vornahm. Sie liefert gewichtige Argumente, vor allem handfeste ökonomische Zahlen, welchen Gewinn das systematische Schulschach dem Staat und der Gesellschaft einbringt. Dabei geht es nicht um Peanuts, sondern um beträchtliche Geldbeträge.

„DAMVAD Analytics“, ein dänisches Beratungsunternehmen für fortschrittliche Analysen und Künstliche Intelligenz, veröffentlichte im Dezember 2021 ihre Ergebnisse 1, wie sich systematisches Schulschach auf den Lebensweg von Kindern auswirken kann, wenn die Kinder ihre mathematischen Fähigkeiten verbessern. Damvad Analytics verglich die Ergebnisse der Studie von Rosholm et al. (2017) 2, die den Zusammenhang zwischen systematischer Schulbildung und mathematischen Kompetenzen hervorhebt, mit einer Studie von Levin und Belfield (2009) 3, die den Zusammenhang zwischen mathematischen Kompetenzen und Lebensleistungen aufzeigt. Wichtige Erkenntnisse aus diesen Studien sind:

  • Volkswirtschaftliche Analysen verdeutlichen, dass Investitionen in die sozial schwächsten Kindergruppen am meisten Rendite abwerfen. Levin und Belfield (2009) 3,
  • Unsere Analysen zeigen, dass die Verbesserung der Mathematikkenntnisse erhebliche wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt. Von den vielen verschiedenen Maßnahmen zur Verbesserung der Mathematikkenntnisse haben sich nur einige wenige als wirksam erwiesen. Rosholm et al. (2017) 2

Bedenken hinsichtlich des Alters der zugrunde gelegten  Studien können ausgeräumt werden. Neue Studien belegen ebenfalls die Vorteile des Schachspiels als pädagogisches Instrument in vielen Bereichen, dem letztlich auch ein geldwerter Vorteil gegenüberstehen würde:

  • „Mathematik und Schach : Ansichten schachspielender Kinder und Jugendlicher zum Themengebiet Mathematik“ (2021)4
    „Ein Grund, warum SchülerInnen mit Lernschwierigkeiten ihre mathematischen Fähigkeiten mittels Schachspielen verbessern könnte in der Art der Aufbereitung des Lehrstoffs begründet liegen. Schulisches Wissen wird häufig in textualisierter Form, zumindest jedoch sprachlich weitergegeben. Dies stellt hohe Anforderungen an die Lese – Schreib- und sprachliche Fähigkeiten, welche bei SchülerInnen mit Lernbehinderungen ebenfalls oftmals schlecht ausgeprägt ist. Storey (2000) 5 geht davon aus, dass Schach SchülerInnen mit kognitiven Einschränkungen dabei hilft, Problemlösungskompetenzen zu erlangen.  
    […]
    Im Einklang mit dem zuvor festgestellten hohen Interesse an MINT-Fächern waren auch Studien- und Berufspräferenzen der befragten Personen mehrheitlich dieser Kategorie zugehörig, am öftesten wurde der IT-Bereich genannt.“
  • „Xadrez e matemática: relações e as vantagens para o aprendizado de matemática“, (Schach und Mathematik: Beziehungen und Vorteile für das Mathematiklernen.) (2021)6
  • Cambios en el sistema nervioso con la práctica del ajedrez. Beneficios para el alumno (Veränderungen im Nervensystem bei der Ausübung des Schachspiels. Vorteile für die Schülerin/den Schüler) (2020)7
    In Fällen der Sonderpädagogik und des erhöhten pädagogischer Förderbedarfs, wie zum Beispiel ADHS, kann Schach im Vergleich zu anderen Therapien schnell und kostengünstig eingesetzt werden.
    Aufgrund seiner Bedeutung für die psychologische und soziale Entwicklung des Kindes sollte das Schachspiel als Unterrichtsfach in den Lehrplan der Grundschule aufgenommen werden.
  • „Malleability of Working Memory Through Chess in Schoolchildren—A Two-Year Intervention Study“ (Mit Schach das Arbeitsgedächtnis bei Schulkindern verbessern – eine zweijährige Interventionsstudie) (2020)8
    Die Studie zeigte, dass regelmäßiges Schachtraining die Leistung des Arbeitsgedächtnisses der Kinder in der Schachgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant steigerte. Die Autoren sind der Überzeugung, dass systematisches Schachtraining auf der Grundlage eines durchdachten Lehrplanes zu einem bedeutenden Zugewinn des Arbeitsgedächtnisses führt und seine Arbeitsweise optimiert.
  • „Correction of the Manifestations of Attention Deficit Hyperactivity Disorder in Primary School Children“ (Beseitigung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Grundschulkindern) (2020)9
    „Durch das Erlernen des Schachspiels haben Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung erhebliche Fortschritte bei der Beherrschung des Schachspiels und des Schullehrplans gemacht. Regelmäßiger Unterricht im Schachspiel brachte sechs Monate später bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung positive Veränderungen bei allen berücksichtigten Parametern.“
  • „Neuroscientific evidence support that chess improves academic performance in school“ (Neurowissenschaftliche Beweise belegen, dass Schach die schulischen Leistungen verbessert) (2019)10
    „Eine andere Studie zeigte, dass eine Gruppe, die Schach trainierte, ihre grundlegenden Fähigkeiten (d. h. Aufmerksamkeit und Gedächtnis), ihre komplexen kognitiven Fähigkeiten (z. B. Assoziation, Analyse, Erfassen, Planung und vorausschauendes Denken) und ihre sozial-persönlichen Fähigkeiten im Vergleich zu zwei Kontrollgruppen verbesserte – eine Gruppe, die weder Schach noch irgendeinen anderen Sport betrieb, und eine andere, die Fußball und Basketball spielte.11
    […]
    In dieser Übersicht haben wir die Vorteile und positiven akademischen Auswirkungen bei Jungen und Mädchen im schulischen Umfeld sowie die neuronale Aktivierung beim Schachspiel beschrieben. Daher sind wir der Ansicht, dass das Spielen dieses Spiels eine praktikable Strategie zur Verbesserung des Lernprozesses und des relevanten Wissens bei Jungen und Mädchen sein könnte, vorausgesetzt, der Pädagoge, der mit ihnen arbeitet, sie in einer unterhaltsamen, kooperativen Umgebung zur Mitarbeit motiviert.“

Der von Damvad Analytics errechnete sozioökonomische Nutzen übertrifft die kühnsten Erwartungen aller Schachfreunde und Schachpädagogen. Die Verbesserung der mathematischen Fähigkeiten bringt laut der Studie dem Land Dänemark 1 Milliarde DKK (ca. 134 Millionen Euro) Gewinn über einen Zeitraum von fünf Jahren.

Hochrechnung für Deutschland auf Grundlage der Einwohnerzahlen

Dänemark Deutschland
Schulschach bringt Ersparnis über 5 Jahre 1 Milliarde DKK

= ca. 134 Millionen Euro

 

 

Ca. 1,9 Milliarden Euro

 

Einwohnerzahl 5,8 Millionen 83,2 Millionen

Neben dem wirtschaftlichen Nutzen berechneten die Analysten auch, dass Schulschach in den Klassen 1 und 3 den Lernfortschritt in Mathematik um ein Drittel bzw. ein Sechstel des Schuljahres in Mathematik verbessert.

Die Analysten rechnen weiter vor: Infolge der verbesserten mathematischen Fähigkeiten schaffen mehr junge Menschen ihre Ausbildung, was ihre Eingliederung in den Arbeitsmarkt verbessert und ihr Risiko, auf die schiefe Bahn zu geraten, verringert. Tatsächlich zeigen Forschungsstudien aus Dänemark und Finnland, dass die Bildung von Jugendlichen einen deutlich positiven Einfluss auf die Kriminalitätsrate hat.1

Das Bildungsprojekt am Istituto Comprensivo „Bernardino Telesio“ (2018) 12 in Reggio Calabria, Italien, bestätigt die vielen positiven Auswirkungen des Schulschachs auf die Persönlichkeitsentwicklung, Sozialverhalten und den Erwerb wichtiger Kompetenzen:

„Die von den verschiedenen Gruppen erzielten Ergebnisse sind vielschichtig und gut: Die Abneigung mathematischer Grundkenntnisse wurde erleichtert; Integration und Sozialisierung wurden gefördert; Kinder mit Lernschwierigkeiten und mit wenig Lernmotivation fühlten sich auf Augenhöhe mit ihren leistungsstärkeren Mitschülern, wodurch ihr Selbstvertrauen gestärkt wurde; Schüler, die nicht dazu neigen, sich an die Regeln zu halten, entwickelten eine größere Selbstbeherrschung und verbesserten ihre Aufmerksamkeitsspanne und Konzentration.“ 12

Peter Sonne-Holm von Damvad Analytics hofft auf zukünftige Chancengleichheit bei der Bildung und bei der Berufswahl:

„Der Bericht wird hoffentlich dazu beitragen, dass der Schwerpunkt stärker darauf gelegt wird, allen Kindern die Fähigkeiten zu vermitteln, die sie brauchen, um in der Schule voranzukommen und später einen guten Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden. Zum Beispiel mit Maßnahmen wie dem systematischen Schulschach.“ 1

Der dänische Industrieverband „Dansk Industri“ glaubt, dass systematisches Schulschach eine gute Möglichkeit ist, perspektivisch dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften im MINT-Bereich erfolgreich entgegenwirken zu können:

„Gute Mathematikkenntnisse sind einer der Eckpfeiler unseres Bildungssystems und etwas, das alle Schüler nach der Grundschule brauchen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass mehr Schüler über gute Mathematikkenntnisse verfügen, damit sich mehr Schüler für eine MINT-Ausbildung entscheiden. Es ist daher erfreulich, dass systematisches Schulschach dazu beitragen kann, die mathematischen Fähigkeiten der Schüler zu stärken“, sagt Ron Amir, Chefberater bei Dansk Industri DI (Verband der dänischen Industrie).13

Auch die deutsche Industrie beklagt einen Arbeitskräftemangel in den MINT-Berufen. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln empfiehlt im Bildungsmonitor 2021 „Bildungschancen stärken – Herausforderungen der Corona-Krise meistern“ 14:

  • Durch eine klischeefreie Berufs- und Studienorientierung sind die Potenziale der Frauen für die MINT-Berufe besser zu erschließen.
  • Darüber hinaus ist zur Stärkung der MINT-Bildung der gesamte Bildungsprozess in den Blick zu nehmen. MINT sollte bereits in der frühkindlichen Bildung mehr Gewicht bekommen, entsprechend sollten MINT Fortbildungsangebote für Fachkräfte in der frühkindlichen Bildung und an Grundschulen ausgebaut werden. Dazu sind MINT-Angebote für Leistungsschwächere und MINT Wettbewerbe für Leistungsstärkere weiter zu etablieren.

Eine andere Rechnung macht die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle/ Saale auf. Die Leopoldina schätzte den volkswirtschaftlichen Schaden des Unterrichtsausfalls in Deutschland als Folge der Corona-Pandemie ab und gibt Empfehlungen, wie man den drohenden Schaden abwenden kann.

„Die Chancengerechtigkeit [bei der Bildung] ist infolgedessen noch geringer als vor der Pandemie. Das hat langfristig hohe wirtschaftliche Kosten: Wenn nicht gegengesteuert wird, muss bei Lernverlusten, die einem Drittel eines Schuljahres entsprechen, im Berufsleben im Durchschnitt mit rund drei Prozent geringeren Erwerbseinkommen gerechnet werden. Zudem ist zu befürchten, dass sich fehlende Chancengleichheit negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt.

[…]

Gerade auch individuelle außerschulische Zusatzangebote wie Nachhilfeunterricht und Unterstützung durch studentische Mentoren können helfen, abgehängte Schülerinnen und Schüler wieder für den Lernprozess zu motivieren. Die Vorteile dürften besonders groß sein, wenn das Programm auf Grundlagenkompetenzen fokussiert, also auf die mathematischen und sprachlichen Vorläuferfähigkeiten. Auch in den kommenden Jahren ist es sinnvoll, dass Bildungs- und Lehrpläne einen Schwerpunkt auf diese Basiskompetenzen legen.

Auch Investitionen in adaptive Lernsoftware und die benötigten digitalen Geräte können bei einer individuellen Förderung helfen. Eine solche Kraftanstrengung bedarf umfangreicher zusätzlicher staatlicher Bildungsausgaben für Personal- und Sachmittel. Gelingt es den Maßnahmen aber, die Lernverluste deutlich abzumildern, so dürften die zukünftigen Einkommenssteigerungen die Kosten deutlich übersteigen.“ 15

 

Die renommierte spanische Tageszeitung „El País“ brachte es auf den Punkt, welche Bedeutung das Schachspiel für die heutige Gesellschaft hat. Sie titelte am 05.02.2021 16:

SCHACH DAS SPIEL, DAS LEBEN VERÄNDERT
Ein innovatives pädagogisches Instrument für Schulen, eine Therapie zur Behandlung von
Sucht und Verhaltensstörungen und das beste geistige Fitnessstudio. Das Schachspiel
entwickelt sich in Spanien zu einer sozialen und pädagogischen Waffe.

Wenn man die von Damvad Analytics für Dänemark ermittelten Gewinn aus dem systematischen Schulschach für Deutschland hochrechnet (s. Tabelle oben), würde dies für Deutschland eine Ersparnis von schätzungsweise 1,9 Mrd Euro in 5 Jahren oder 380 Millionen pro Jahr bedeuten. Herr Peter Sonne Holm von Damvad Analytics teilte dem Verfasser dieses Berichtes, mit, dass man sehr konservativ gerechnet hat:

„Wir haben zum Beispiel nicht die gesamte Population junger Menschen einbezogen, die von dem Schachprogramm profitieren könnten, sondern nur die Gruppe der Schüler, die mit der gymnasialen Oberstufe beginnen. Die Studien zu den Auswirkungen auf den Schulerfolg und die Löhne sind sehr solide.“

Eine Überprüfung durch Bildungsökonomen und anderen geeigneten Institutionen (Wirtschaftsforschungsinstitute, Hochschulen, Universitäten, …) ist wünschenswert. Abwegig sind die Zahlen nicht, wenn man diese mit den von der Leopoldina oben erwähnten drei Prozent Einbußen beim Einkommen infolge des Unterrichtsausfalls während der Pandemie vergleicht und hochrechnet.

Die schon angeführten Vorteile, die Schulschach für die Entwicklung der Kinder bietet und der damit verbundene gesellschaftliche Nutzen, den Damvad Analytics versuchte, zu berechnen, sind gute Gründe, dem systematischen Schulschach in Deutschland mehr Raum zu geben. Die notwendigen finanziellen Ausgaben zur Schaffung der materiellen Voraussetzungen für flächendeckendes Schulschach in Deutschland, bestehend aus Schachbrettern und Figurensätzen, sind im Vergleich zu der in Aussicht stehenden Ersparnis bescheiden.

Beispielrechnungen:

Annahmen: 1 Schachbrett mit Figurensatz kostet 10 Euro. Eine geeignete Schachuhr 30 Euro.
In Deutschland gibt es ca. 15400 Grundschulen.17

Schachbretter und Figurensätze für die Schulen:
15400 Grundschulen x 2 Klassensätze (16 Schachsets für eine Klasse, 2 Kinder je Set) x 10 Euro je Set = 4,928 Millionen Euro einmalig
Schachuhren: 15400 Grundschulen x 16 Schachuhren (16 Uhren als Klassensatz) x 30 Euro je Uhr = 7,392 Millionen einmalig

Wie klein diese Investition in die Zukunft ist, zeigt der Vergleich mit den Corona-Hilfen, die den Unternehmen in den letzten Jahren gezahlt wurden. Sage und schreibe 130 Milliarden Euro wurde zur Stützung der Wirtschaft seit Pandemiebeginn ausgegeben!18

In vielen lateinamerikanischen Ländern wird Schach, das Jahrtausende alte Spiel, als pädagogisches Instrument forciert. Ziel ist es, die Kinder aus Armut und Perspektivlosigkeit zu reißen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Die Investitionen, um Schach lehren und spielen zu können, sind sehr niedrig. 2019 führte Russland Schach als Unterrichtsfach an allen Schulen ein. Seit 2015 wird in Spanien Schach an den Schulen massiv gefördert. In diesen Ländern gib es auch breite Forschungen und interessante Forschungsergebnisse, wie das Schachspiel als pädagogisches Instrument sinnvoll genutzt werden kann.

Deutschland, das Land der Denker und Dichter, brachte bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen hervor. Vor hundert Jahren war Deutsch die Wissenschaftssprache in der Welt. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt hat die Welt in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert. Kluge Köpfe und Fantasie sind das neue Kapital im Zeitalter der Digitalisierung. Während die Rohstoffvorkommen in den einzelnen Regionen der Erde und in den Ländern als gegeben hingenommen werden müssen, können die Regierungen selbst Einfluss auf den Wettbewerb um Innovationen und neue Entdeckungen nehmen.

Referenzen

1 „En times skoleskak om ugen giver en stor samfundsøkonomisk gevinst“, https://www.danskindustri.dk/lad-os-lose-det-sammen/cases/cases/damvad-analytics-x-dansk-skoleskak/ (Dezember 2021)

2 Rosholm M, Mikkelsen MB, Gumede K (2017) Your move: The effect of chess on mathematics test scores. PLoS ONE 12(5): e0177257. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0177257

3 „Levin, Henry M. and Belfield, Clive R., (2009). „Some Economic Consequences of Improving Mathematics Performance“. Center for Benefit-Cost Studies of Education. 24.
https://repository.upenn.edu/cbcse/24

4 Zlabinger Florian, Maaß Jürgen. (2021). Mathematik und Schach : Ansichten schachspielender Kinder und Jugendlicher zum Themengebiet Mathematik. Universität Linz, Diplomarbeit, 2021. https://epub.jku.at/obvulihs/content/titleinfo/5884149

5 Storey, K. (2000). Teaching beginning chess skills to students with disabilities. Preventing School Failure, 44(2), 45-50. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10459880009599782?journalCode=vpsf20

6 CAVALCANTE, Nilvan Pereira. Xadrez e matemática: relações e as vantagens para o aprendizado de matemática. 2021. 33 f. Trabalho de Conclusão de Curso (Licenciatura em Matemática) – Instituto Federal de Educação, Ciência e Tecnologia do Piauí, Uruçuí, 2021. http://repositorio.ifpi.edu.br:8080/jspui/handle/123456789/1383

7 Salas Cortés, A. (2020). Cambios en el sistema nervioso con la práctica del ajedrez. Beneficios para el alumno. (Trabajo Fin de Grado Inédito). Universidad de Sevilla, Sevilla.
https://idus.us.es/handle/11441/107957

8 Joseph, E., Easvaradoss, V., Chandran, D., Abraham, S., & Vaddadi, S. (2021). MALLEABILITY OF INTELLIGENCE THROUGH CHESS TRAINING-A TWO YEAR EMPIRICAL STUDY. Proceedings of the Annual Meeting of the Cognitive Science Society, 43. https://cognitivesciencesociety.org/cogsci20/papers/0493/0493.pdf

9 Anatoly Ivanovich Alifirov1. (2020). Correction of the Manifestations of Attention Deficit Hyperactivity Disorder in Primary School Children. Indian Journal of Public Health Research & Development, 11(3), 1647–1651. https://doi.org/10.37506/ijphrd.v11i3.1895

10 Ortiz-Pulido R, Ortiz-Pulido R, García-Hernández LI, et al. Neuroscientific evidence support that chess improves academic performance in school . Rev Mex Neuroci. 2019;20(4):194-199.
https://www.medigraphic.com/cgi-bin/new/resumenI.cgi?IDREVISTA=82&IDARTICULO=88855&IDPUBLICACION=8478

11 Aciego R, García L, Betancort M. Efectos del método de entrenamiento en ajedrez con escolares. Univ Psychol. 2015;15:165-76. https://www.researchgate.net/publication/283258159_Efecto_del_metodo_de_entrenamiento_en_ajedrez_con_escolares

12 „Progetto scacchi a scuola migliora integrazione e socializzazione“,  https://www.tecnicadellascuola.it/progetto-scacchi-a-scuola-migliora-integrazione-e-socializzazione (30.09.2018)

13 „SKOLESKAK KAN SPARE SAMFUNDET MILLIARDER“, https://skoleskak.dk/ny-analyse-skoleskak-kan-spare-milliarder/ (01.12.2021)

14 Anger, Christina / Geis-Thöne, Wido / Plünnecke, Axel, (2021), Bildungschancen stärken – Herausforderungen der Corona- Krise meistern, Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), Köln, Kurzfassung: https://www.insm.de/fileadmin/insm-dms/text/publikationen/Bildungsmonitor_2021/INSM-Bildungsmonitor_2021_Statement_Pluennecke.pdf, Langfassung: https://www.insm-bildungsmonitor.de/pdf/Forschungsbericht_BM_Langfassung.pdf

15 Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2021): Ökonomische Konsequenzen der Coronavirus-Pandemie – Diagnosen und Handlungsoptionen. Halle (Saale). https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2021_%C3%96konomische_Konsequenzen_der_Coronavirus-Pandemie.pdf

16 „AJEDREZ EL JUEGO QUE CAMBIA VIDAS“, https://elpais.com/sociedad/pienso-luego-actuo/2021-02-05/ajedrez-el-juego-que-cambia-vidas.html (05.02.2021)  und weiterführender Artikel: „ŞAH, JOCUL CARE SE SCHIMBĂ VIEȚILE. De ce șahul ajută educația copiilor și sănătatea a mii de spanioli“, https://republicatv.ro/cultura-media/sah-jocul-care-se-schimba-vietile-de-ce-sahul-ajuta-educatia-copiilor-si-sanatatea-a-mii-de-spanioli/ (08.02.2021)

17 „Anzahl der Grundschulen in Deutschland von 2002 bis 2020“, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/235954/umfrage/allgemeinbildende-schulen-in-deutschland-nach-schulart/ (24.01.2022)

18 „130 Milliarden Euro für die Wirtschaft“, https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/corona-hilfen-bundesregierung-101.html (30.12.2021)

Mit Schach im Biologieunterricht Wissen vermitteln

„Xadrez“ ist das portugiesische Wort für Schach und das Wort „Zoo“ wird in vielen Sprachen mühelos verstanden. Was bewog Menschen zu der Wortschöpfung „Xadrezoo“ also „Schach-Zoo“? In der deutschen Umgangssprache wird das Wort „Zoo“ schon mal im negativen Sinne für Chaos und Durcheinander verwendet. Hier wurde ich neugierig und wollte erfahren, was brasilianische Pädagogen unter „Schach-Zoo“ verstehen bzw. was sie damit erreichen wollen.

Die Vorzüge des Schachspiels als didaktisches Spiel wurden im Biologieunterricht zur Wissensvermittlung eingesetzt. Ziel war es, die Lernmotivation zu verbessern und den Lernprozess zu erleichtern. Ähnlich zu Würfelspielen, bei denen ein „Ja-Nein“-Würfel verwendet wird, gab es unterschiedliche Fragekategorien. Wer eine gegnerische Figur schlagen wollte, musste sich schwierigeren Fragen stellen. Der Unterschied dieser neu eingeführten Schachregel im Vergleich zum „Ja-Nein“-Würfel besteht darin, dass der Würfel als Zufallsgenerator fungiert. Bei den besonderen Regeln für das Schachspiel im Biologieunterricht wird auch das Ziel des Schachspiels für die Lernziele instrumentalisiert. Der Schüler möchte die Partie gewinnen, er strebt nach dem bestmöglichen Zug, weshalb er auf das Schlagen einer Figur nicht verzichten kann. Dieses hier vorgestellte Konzept lässt sich auch auf andere Unterrichtsfächer übertragen.

Ergänzende Informationen zu Schach und Biologie:

  • Alain Campbell White (* 3. März 1880 in Cannes; † 23. April 1951 in Summerville (South Carolina)) war ein US-amerikanischer Schachkomponist und Botaniker. Für seine Pflanzenerstbeschreibungen wird das Kürzel „A.C.White“ verwendet. Mehr bei Wikipedia
    Eine Miniauswahl aus dem Schaffen von Alain Campbell White – dem Link folgen
  • Der Anatom Gunther von Hagens wurde mit seinen „Körperwelten“ weltbekannt. Die „Augsburger Allgemeine“ Zeitung titelte 2014 „Körperwelten in München: Wenn Leichen Schach spielen“
    Eindrucksvolle Fotos des Schachspielers aus anatomischer Perspektive – Links
    1) Augsburger Allgemeine
    2) Welt und das Foto

 

Nachfolgend die deutsche Übersetzung des Erfahrungsberichtes. Für die verwendeten Abbildungen wird auf die Originaldatei verwiesen.

„Schach-Zoo“: Ein didaktisches Spiel für Schüler im Fach Zoologie

Originaltitel: “XADREZOO”: UMA PROPOSTA DE JOGO DIDÁTICO DE ZOOLOGIA PARA ESTU-DANTES DO ENSINO MÉDIO
Veröffentlichung: 2016
Autoren: Thaís Priscila de Souza Torres & Daniele Carvalho de Andrade
deutsche Übersetzung: Frank Bicker
Quelle: In Congresso Nacional da Educação II. Campina Grande – PB. Anais III CONEDU, 2016 https://www.editorarealize.com.br/index.php/artigo/visualizar/22472
deutsche Fassung: Frank Bicker, PDF-Download (5 Seiten)

Zusammenfassung

In diesem Beitrag wird über den Einsatz einer didaktischen Strategie für den Biologieunterricht auf der Grundlage des Schachspiels berichtet. Das Spiel heißt „Schach-ZOO“ und besteht aus einem Brettspiel, bei dem die Schülerinnen und Schüler als Schachfiguren teilnehmen. Unser Ziel war es, bei den Schülern das Interesse für die Biologie (Tierkunde) zu wecken. Um die Wirksamkeit des Spiels zu bewerten, wurden die Schüler einem Pre- und einem Posttest unterzogen, außerdem wurde während der Anwendung eine qualitative Analyse durchgeführt. Bei beiden Tests handelte es sich um Multiple-Choice-Tests, und die durchschnittliche Punktzahl der Klasse lag bei 85 % im Posttest und bei 30 % im Pretest. Während des Projektes ermunterten wir die Schüler, ausführlichere Antworten zu geben, um die Informationen in den Tests zu ergänzen und das Lernen zu fördern. Das Brettspiel als didaktisches Hilfsmittel erwies sich als ein effizientes pädagogisches Instrument mit großem Potenzial für den Biologieunterricht.

Einleitung

Der Biologieunterricht mit evolutionären, verhaltensbiologischen und/oder morphophysiologischen Ansatz ist, wie Pereira (2012) hervorhebt, im bisherigen Lehrplan sehr fragmentiert und dekontextualisiert. Eine Folge dieses Ansatzes ist, dass die Schüler die Lust am Lernen verlieren. Um dies zu ändern, suchten Schüler und Lehrer nach verschiedenen Lernstrategien und Lehrmethoden als Form der pädagogischen Intervention, die auf die Verbesserung des Unterrichts abzielt. Das unter diesem Gesichtspunkt durchgeführte Projekt verfolgt das Ziel, den Schülern beim Wissenserwerb behilflich zu sein. Eine Arbeit, die im Rahmen dieser Sichtweise entsteht, zielt darauf ab, den Schülern im Prozess der Wissenskonstruktion Hilfe zu bieten. Eine der gängigsten Methoden ist die Verwendung didaktischer Spiele, die:

„das Ergebnis vielfältiger sprachlicher Interaktionen in Bezug auf Eigenschaften und Handlungen im Spiel sind, d.h. Spiele, die Freude, Unterhaltung, Freiraum und Freiwilligkeit implizieren, die klare und eindeutige Regeln besitzen und die über einen abgegrenzten Bereich verfügen, wo sie gespielt werden: einen Raum oder ein Spielobjekt“. (SOARES, 2008, S.4).

Diese Beziehung zwischen spielerischen Zeitvertreib und Spielen wird von Huizinga (2004, S. 21) als Spielerlebnis beschrieben, das die folgenden Eigenschaften aufweist. „Ordnung, Spannung, Bewegung, Abwechslung, Ernsthaftigkeit, Rhythmus und Begeisterung“, dieselben Elemente sind auch im Spiel zu finden. Außerdem zielen spielerischen Zeitvertreib und Spielen auf Vergnügen ab, sind ungezwungen und sind freiwillig, da sie eine selbstverständliche Tätigkeit sind, die die Entwicklung grundlegender psychologischer Prozesse fördern. Um das Spiel im pädagogischen Sinne einzusetzen, sind Regeln und Spielstrategien nötig, die logische und zielgerichtete Schlussfolgerungen ermöglichen. Darüber hinaus werden die Eigenverantwortung, die Kooperationsbeziehungen zwischen den Spielern gestärkt sowie die Fähigkeit gefördert, konkrete Themen zu erarbeiten, so Friedman (1995).

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, wird in diesem Bericht die Verwendung eines Spiels als didaktisch-pädagogisches Werkzeug vorgestellt, das auf dem Schachspiel basiert, seit:

„es aus pädagogischer Sicht unstrittig ist, dass dieses Spiel [Schach] die kognitiven Fähigkeiten fördert, wie z. B. das rationale Denken bei der Suche nach den geeigneten Wegen zur Zielerreichung; die Strukturierung verschiedener Elementen hinsichtlich des Ziels; sich künftige Situationen konkret vorzustellen; das Treffen von Entscheidungen zur Lösung von Problemen“. (SILVA, 2008, S. 21)

Das in diesem Beitrag vorgestellte Spiel mit dem Namen Schach-Zoo soll die Wissensvermittlung zur Zoologie im Biologieunterricht der Oberstufe unterstützen.

Arbeitsmaterialien und Methoden

Beschreibung und Auswahl von Klassen

Das Projekt wurde an einer öffentlichen Schule des Bundesstaates Pernambuco in der Stadt Igarassu durchgeführt. Für die Auswahl der Klasse gab es die Vorbedingung, dass die Schülerzahl mit der Gesamtanzahl der Schachfiguren (32) übereinstimmt, so dass eine 2. Klasse der High-School ausgewählt wurde.
Die Auswahl der Klasse hatte als Vorbedingung die Anzahl der Schüler, die der Anzahl der Spielfiguren (32) entsprechen sollte, so dass eine Klasse des 2. Die Schüler dieser Klasse waren zwischen 15 und 19 Jahre alt, von denen 11 bereits ein- oder zweimal durchgefallen waren.

Umsetzung des Spiels

Zunächst haben wir ein 4 m x 4 m großes Schachbrett aus TNT-Material (Vliesstoff) hergestellt. Aus Stoffresten und anderen wiederverwendbaren Materialien fertigten wir die Kostüme der Schülerinnen und Schüler an, die jeweils eine Schachfigur mit einem besonderen Namen – einem Fantasienamen – darstellten (z. B. „Pferd“ – Marine; Biene – „Königin“; „König“ – Löwe). Zum Schluss haben wir Karten aus Pappe gebastelt, auf denen Fragen zur Zoologie, zur Morphophysiologie, zur Evolution und zur biologischen Vielfalt der Tiere standen.

Spielregeln

Die Grundregeln des Schachspiels, dessen Ziel es ist, schachmatt zu setzen, sind dieselben geblieben. Allerdings haben wir die Spielregeln mit einigen Besonderheiten ergänzt, um das Thema Zoologie zu vertiefen. So mussten die Schüler vor jedem Zug auf jedem Feld des Spielbretts Fragen aus den Kartenstapel namens „Zufallsfragen“ beantworten. Wenn sie einen Zug ausführen wollten, bei der eine gegnerische Figur geschlagen wurde, dann mussten sie Fragen aus dem Stapel „spezifischen Fragen“ beantworten, d. h. Fragen, d. h. Fragen, die sich auf die Eigenschaften der attackierten Art bezogen.

Umsetzung

Vor der eigentlichen Anwendung des didaktischen Spiels fanden zwei Unterrichtseinheiten von jeweils etwa 20 Minuten zu den Schachregeln statt, wobei wir darauf achteten, dass sich die Schüler Wichtiges notierten und lernten, um mit dem Spiel zurechtzukommen. Die erste Unterrichtseinheit fand etwa drei Wochen vor dem Spiel statt, die zweite Unterrichtsstunde eine Woche vor dem Spiel.

Auswertung

Zwei Wochen vor und drei Wochen nach dem Spiel wurden den Schülern zwei Fragebögen (Prä- und Posttests) zur Bewertung vorgelegt (Anhang – Abbildungen 1 und 2). Diese Fragebögen, die jeweils Multiple-Choice-Fragen enthielten, wurden quantitativ ausgewertet, um genaue Ergebnisse zu erhalten. Außerdem haben wir in dieser Studie den qualitativen Ansatz nicht völlig außer Acht gelassen und die Gruppe, das Fragestellen, das Wissen über die Spielregeln und die richtig beantworteten Fragen beim Spiel analysiert.

Ergebnisse und Diskussion

Das Spiel Schach-Zoo hat sich positiv auf die Lernfortschritte in der Zoologie ausgewirkt. Bei der Testauswertung zeigte sich, dass insgesamt 85% der Antworten im Posttest richtig waren, während im Pretest 30% richtig waren. Es wurde festgestellt, dass einige Schüler Schwierigkeiten bei der Beantwortung der Fragen hatten, weil sie die allgemeinen Merkmale des Tierstamms (Phylum) und die Tiergattung nicht kannten (oder sich nicht daran erinnerten), was sich auch in den Fragen 2, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 10 des Pretests (Anhang – Abbildung 1) mit einer Quote von 53,13 % widerspiegelte, während im Posttest die richtigen Antworten auf die Fragen 1, 3, 5, 6, 7, 8, 9 und 10 (Anhang – Abbildung 2) eine Quote von 76,84 % ergaben.

Wir stellten fest, dass die Schüler anfangs sehr oft richtige Antworten zu den Grundbegriffen der Zoologie gaben. Bei den Fragen 1 und 3, die nach der Wissenschaft, die sich mit Tieren befasst und der Art der Fortpflanzung und der Geschlechtszellen von Tieren fragten, lag der Anteil der richtigen Antworten im Pretest bei durchschnittlich 25% bzw. 21,88%. Beim Spiel wurde jedoch deutlich, dass die Schüler nur einige Begriffe und Aussagen auswendig gelernt hatten, anstatt effektiv konzeptionelles Wissen aufzubauen. Während des Spiels stellten wir zum Beispiel Fragen wie: „Was sind die wichtigsten Merkmale von Nematoden?“, und die Antwort war: „Es sind Würmer und Parasiten“; „Was sind die wichtigsten Merkmale von Säugetieren?“, und wir bekamen folgende Antwort: „Das sind Tiere, die Milch geben und eine Gebärmutter haben“. Diese Antworten offenbaren eine gewisse Einfältigkeit, als nach Merkmalen gefragt wurde, weil die Antworten nicht erklären, worauf sich die verwendeten Begriffe beziehen.

Wir haben festgestellt, dass wir bei den verwendeten Fragen nicht die Antworten bekamen, die wir erwarteten, weil wir geschlossene Fragen stellten, weil sie wenig Informationen über den Stamm (Phylum) hatten und weil sie sich auf die Kategorisierung von Wissen beschränkten.

In Anbetracht dieser Analyse ist es wichtig, einige Aspekte zu berücksichtigen, die Gil (2008) im Zusammenhang mit geschlossenen Fragebögen empfiehlt, da die geschlossenen Fragen im Allgemeinen häufiger eingesetzt werden, weil sie leicht zu bearbeiten sind. Es besteht jedoch die Gefahr, dass Fragen nicht gestellt werden, für die es zahlreiche Antwortmöglichkeiten gibt, und dass Fragen gestellt werden, deren Antworten mittels anderen methodische Verfahren besser abgefragt werden
Deshalb glauben wir, dass die Bewertung des Wissens der Schüler mittels Pre- und Posttests – die Bewertung des konzeptionellen Wissens erschwerte. Da die Fragebögen nur Multiple-Choice-Fragen und keine offenen Fragen enthielten, konnten sie nicht aufzeigen, ob die Schüler bestimmte Fachbegriffe hinreichend verstanden oder nur auswendig gelernt hatten. Um dieses Problem zu umgehen, haben wir die Schüler während des didaktischen Spiels dazu ermuntert, ausführlichere Antworten zu geben, um das konzeptionellen Lernen zu fördern.

Außerdem beobachteten wir bei den Schülern einen Mangel an Kenntnissen der Spielregeln und die Konzentration auf ausgeklügelte Taktiken, weshalb eine Verbindung zwischen den Spielen Schach und Dame hergestellt wurde. Das heißt, sie bewegten sich entsprechend der Schachregeln, aber die Strategie war nicht darauf ausgerichtet, Schachmatt zu setzen, sondern alle Figuren zu schlagen, wie es beim Damespiel der Fall ist. Zur Bewältigung der Aufgabe wurde auf diese Variante ausgewichen, weil die Regeln des Schachspiels nicht wirklich gelernt wurden. Um die Anwendung des Schachspiels nutzbringender zu gestalten, schlagen wir vor, die vorausgehenden Unterrichtseinheiten für die Schachregeln kohärenter zu gestalten und Beispiele für elementare Züge und Strategien zu zeigen, um die sinnvolle Umsetzung zu fördern, sowie mehr Zeit für die Beantwortung von Fragen und die Wiederholung des Lernstoffs zu haben.

Trotz der Punkte, die beachtet werden sollten, um den Einsatz der hier vorgestellten didaktischen Methode zu verbessern, ist es wichtig zu erwähnen, dass sie wichtige Dimensionen des Lernens aufzeigt, die über die kognitive Entwicklung in Bezug auf das Wissen in Zoologie hinausgehen. Das didaktische Spiel förderte beispielsweise die Entwicklung der räumlichen Intelligenz, „die Fähigkeit des Schülers, dreidimensional zu denken“ (ROIZ, 2010, S. 1), da der Schüler die Spielfigur – das dreidimensionale Objekt – verkörperte. Die Sprachfähigkeiten wurden mit der Formulierung der Antworten und bei der Verbindung von Themen aus dem Alltag mit Lernstoff trainiert.

Auch die erarbeitete Strategie zur Überwindung der mangelnden Kenntnisse der Spielregeln, die eine Analogie zwischen Schach und Dame herstellt, ist ein Beweis für die Fortschritte im logischen Denken der Schüler. Daher empfehlen wir den Einsatz von abwechslungsreichen didaktischen Spielen, weil sie das Eingehen auf unterschiedliche Fähigkeiten der Schüler ermöglichen, was bei herkömmlichen Unterrichtsmethoden oft nicht erreichbar ist.

Schlussbemerkungen

Bei der Analyse des Potenzials des Spiels Schach-Zoo als pädagogisches Instrument haben wir festgestellt, dass es das logische, sprachliche und räumliche Denkens und darüber hinaus das Miteinander der Schüler fördert. Diese Aspekte sind von grundlegender Bedeutung, da sie den Schülern eine kritische und konstruktive Wissensvermittlung über die spezifischen Inhalte der Zoologie hin-aus ermöglichen. Es wurde eine größere soziale Kompetenz unter den Schülern und eine größere Lernbereitschaft beobachtet, was die Interaktion und Wissensvermittlung in der Zoologie erleichterte. Daher erwies sich die Wahl eines Brettspiels als didaktisches Werkzeug als effizientes pädagogisches Instrument mit großem Potenzial, das Lernen zu stimulieren.

Referenzen

FRIEDMANN, A. Jogos tradicionais. Série Ideias, São Paulo, n. 7, p. 54-61, 1995. Link: http://www.crmariocovas.sp.gov.br/dea_a.php?t=017

GIL, A. C. Métodos e técnicas de pesquisa social. São Paulo: Atlas, 2008. Link

HUIZIGA, J. Homo Ludens – O jogo como elemento da cultura. 5. ed. São Paulo: Perspectiva, 2004. Link

PEREIRA, N. B. Perspectivas para o ensino de Zoologia e os possíveis rumos para uma prática diferente do tradicional 2012. 43 f. Trabalho de Conclusão de Curso (Licenciatura em Ciências Bi-ológicas)– Universidade Presbiteriana Mackenzie, São Paulo, 2012. Link

ROIZ, S. T. O. Os jogos e o desenvolvimento da inteligência espacial. Revista Teoria e Prática da Educação, Maringá, v. 13, n. 1, p. 117-118, 2010. Link

SILVA, R. R. V. O jogo de xadrez como recurso didático-pedagógico nas aulas de Educação Física, Revista Motrivivência, Santa Catarina, ano 20, n. 31, p. 19-35, 2008. Link

SOARES, M. H. F. B. Jogos e atividades lúdicas no ensino de química: Teoria, métodos e aplicações. In: ENCONTRO NACIONAL DE CIÊNCIAS & COGNIÇÃO, 14., 2008, Paraná. Anais… Curitiba: UFPR, 2008. p. 4. Link

Mit Schach Sprachen erlernen und die Muttersprache pflegen – neue Ideen für Schulen und Vereine

Die Deutsche Schulschachstiftung macht sich Gedanken, wie sie die Pädagogen bei der Wissensvermittlung unterstützen kann. Umso schöner ist es, wenn Erfahrungsberichte Möglichkeiten aufzeigen, was und wie man Schach in Schule und Erziehung erfolgreich einsetzen kann. Das hier vorgestellte Modell bietet auch den Schachvereinen neue Möglichkeiten der Ansprache von Schachinteressenten und die Grundlage für Kooperationen. Mit Schach eine Sprache entdecken, sich einen Wortschatz erschließen und den neuen Wortschatz aktiv einsetzen ist eine spielerische Form, sich aktiv mit Sprache auseinanderzusetzen, was Kinder anspricht und sie auf Entdeckungsreise mitnimmt.

In Deutschland gibt es den Begriff „fächerübergreifenden Unterricht“, den ich zu meiner Schulzeit nicht kannte. Dennoch schauten seinerzeit die Fachlehrer regelmäßig über den Tellerrand und stellten einen Bezug zur Lebenswirklichkeit und zu anderen Schulfächern her. Sprache im Sinne des „fächerübergreifenden Unterrichtens“ könnte für den einen oder anderen ein neuer Gedanke sein. Der Sprachwortschatz zum Verstehen der Kommentare in der Schachliteratur (sofern es sich nicht um die bloße Wiedergabe der Analyse von Schachprogrammen handelt) ist tatsächlich ein guter Ausgangspunkt zum Erlernen einer neuen Sprache, denn das, was auf dem Schachbrett stattfindet, versteht so mancher als Abbild der Lebenswirklichkeit. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass man durch das Lesen von Schachbüchern in der Fremdsprache einen soliden Wortschatz der jeweiligen Fremdsprache erwirbt. Ein gutes Wörterbuch in der althergebrachten Form – als Buch – hat den Vorteil, dass unterschiedliche Bedeutungsvarianten angeführt sind. Man begreift, dass Sprache etwas Lebendiges ist und es nie eine exakte 1:1 –Übersetzung geben kann, die universell gültig ist. Das aktive Suchen der Vokabel im Wörterbuch und die Auswahl einer geeigneten Übersetzung aus den angegebenen Möglichkeiten ist eine sehr intensive Beschäftigung mit Sprache. Das wäre ganz im Sinne des Ulmer Gehirnforschers Manfred Spitzer:

„Das Kind muss die Dinge anfassen, es muss mit den Dingen umgehen lernen. Und wenn heute die Kinder an die Schule kommen und können keinen Griffel mehr halten, weil sie sich nur noch mit Wischen über eine Glasoberfläche beschäftigt haben und ihre Hand damit weder motorisch, noch sensorisch in irgendeiner Weise vernünftig trainiert haben, dann haben die einen Nachteil…“

(Quelle: Manfred Spitzer im Gespräch mit Tobias Armbrüster, 08.03.2018, https://www.deutschlandfunk.de/digitales-klassenzimmer-psychiater-wenn-kinder-nur-wischen-100.html)

Ähnliche Erfahrungen machten Jessica Paula Vescovi und Vera Lucia Medeiros de Albuquerque de Azambuja in Brasilien, die ihre aktuellen Erfahrungen mit Distanzunterricht in Pandemiezeiten in dem Artikel „“English with chess”: reports of an interdisciplinary experience“ veröffentlichten. Ihre Erfahrungen lassen sich auch auf das Erlernen anderer Sprachen übertragen und geben Impulse für neue Formen des fächerübergreifenden Unterrichtens . Ihre Vorgehensweise ist eine schöne Anregung, wie der Sprachunterricht für die Schüler attraktiver gestaltet werden kann.

Nachfolgend die deutsche Übersetzung des Erfahrungsberichtes in etwas gekürzter Form. Für die verwendeten Abbildungen wird auf die Originaldatei verwiesen.

„Englisch mit Schach“: Bericht über eine interdisziplinäre Erfahrung

Originaltitel: “Inglês com xadrez”: relatos de uma experiência interdisciplinar
“English with chess”: reports of an interdisciplinary experience
Veröffentlichung: 2021
Autoren: Jessica Paula Vescovi und Vera Lucia Medeiros de Albuquerque de Azambuja
Quelle: https://doi.org/10.35819/linguatec.v6.n2.5262
deutsche Fassung: Frank Bicker, PDF-Download (6 Seiten)

0 Zusammenfassung

Die Arbeit mit dem Wörterbuch im Unterricht ermöglicht den Dialog zwischen den unterschiedlichsten Wissensgebieten. In diesem Sinne beabsichtigen wir, in diesem Beitrag einen Erfahrungsbericht über einen integrativen und interdisziplinären Unterricht vorzustellen, der nicht als Präsenzunterricht stattfand unter Einbeziehung der englischen Sprache und des Sportunterrichts, speziell des Schachunterrichts, für Schüler der technischen Kurse der Sekundarstufe in Verwaltung und Genossenschaftswesen am Campus des Bundesinstituts von Paraná ((IFPR, Brasilien). Im Mittelpunkt stand die Arbeit mit dem sportspezifischen Vokabular in portugiesischer und englischer Sprache auf der Grundlage der von Antunes (2012) und Guerra und Andrade (2012) unterbreiteten Überlegungen zur Arbeit mit dem Wörterbuch im Schulunterricht. Die erwähnte pädagogische Praxis ermöglichte es uns, die Bedeutung des interdisziplinären und integrativen Unterrichts für den Lehr- und Lernprozess zu erkennen, da er einen Dialog zwischen den Fächern und folglich einen signifikanten Lernerfolg für die Schüler ermöglichen.

1 Einleitung

In Zeiten der Pandemie, des Distanzunterrichts und sozialer Distanzierung brachten die Neuausrichtung und Neuorganisation unserer pädagogischen Praktiken neue Anforderungen mit sich. Die integrative Wissensvermittlung, die den Dialog zwischen verschiedenen Wissensbereichen fördert und die Lehrern und Schülern näher zueinander bringt, wird den neuen Anforderungen gerecht: Näher an den Schülern zu sein sowie sinnvollen und gehaltvollen Unterricht anzubieten.

Wir stellen einen Erfahrungsbericht über integrativen Unterricht vor, der Sport und Englisch einbezieht und an dem 41 Schüler aus dem ersten Jahr des Integrierten Technischen Kurses in Verwaltung und 42 Schüler aus dem ersten Jahr des Integrierten Technischen Kurses in Genossenschaftswesen, beide auf mittlerem Niveau, am Campus des Bundesinstituts von Paraná (IFPR) teilnahmen, als kein Präsenzunterricht möglich war – die Zeit zwischen den Monaten Mai und Juni 2020 So wählten wir zunächst als Gegenstand unserer pädagogischen Praxis die Sportart „Schach“ und präsentierten im Zusammenspiel verschiedener Elemente die Regeln des Sports, den spezifischen Wortschatz des Spiels und die Spielstrategien in portugiesischer (Muttersprache) und englischer Sprache. Zunächst werden wir die theoretischen Annahmen vorstellen, von denen wir uns bei unserer Arbeit leiten ließen, dann werden wir uns mit den eingesetzten methodischen Verfahren befassen, und am Ende werden wir die Ergebnisse dieser Art des integrativen Unterrichtens reflektieren.

2 Integrierte Tätigkeiten und der Sprachunterricht: Theoretische Sichtweisen

Die Verbindung von zwei Fächern, die bisher als getrennt betrachtet wurden, zwingt zum Überdenken der Art und Weise des Lehrens: Es ist dringend notwendig, den Lehr-Lern-Prozess neu zu gestalten und neu zu definieren, so das Wissen über verschiedene Bereiche als zusammenhängend betrachtet und vermittelt wird. Wenn wir den Sprachunterricht genauer ansehen, stellen wir fest, dass der Unterricht meistens ohne Bezug zu anderen Wissensbereichen stattfindet. Es ist zu vermuten, dass die Arbeit an der Sprache allein, ohne das Herstellen von Verbindungen und Beziehungen zu anderen Bereichen, den Sprachlehr- und -lernprozess manchmal als unbedeutend erscheinen lässt, da die Verwendung der Sprache in verschiedenen interaktiven Prozessen und somit in verschiedenen Wissensbereichen selbstverständlich ist. Diese Überlegungen entsprechen denen von Guerra und Andrade (2012), die sagten:

„Den Kontext und die Objekte des Unterrichts als etwas Komplexes zu betrachten, bedeutet, den Sprachunterricht als eine Möglichkeit zu begreifen, Konzepte aus verschiedenen Bereichen miteinander zu verknüpfen, Interdisziplinarität und Transdisziplinarität anzustreben und den Dialog zwischen den Fächern und über die Fächer hinaus zu fördern.“ (GUERRA e ANDRADE, 2012, S. 239).

Olhar o contexto e os objetos de ensino como algo complexo implica concebermos o ensino de línguas como possibilidade de entrelaçar conceitos de diferentes áreas do
conhecimento, buscando alcançar a interdisciplinaridade e a transdisciplinaridade; buscar o diálogo entre as disciplinas e além delas. (GUERRA e ANDRADE, 2012, p. 239)

Betrachtet man die Beziehung zwischen den verschiedenen Elementen und die Frage, wie der Lernende eine neue Sprache erlernen und sich mit ihr identifizieren kann, kommen wir auf das Wörterbuch, um unsere Ziele zu erreichen, denn das Wörterbuch kann das Tor zum Erlernen einer neuen Sprache sein und den Zugang zu ihr erleichtern. In diesem Sinne definiert Antunes (2012, S. 27)

„Das Wörterbuch einer Sprache kann in einer allgemeinen Definition als das gesamte Repertoire an Wörtern einer Sprache gesehen werden oder als die Menge an Wörtern, die den Sprechern zur Verfügung stehen, um ihre Kommunikationsbedürfnisse zu bewältigen […] Wenn es wahr ist, dass es keine Sprache ohne Grammatik gibt, dann ist es noch wahrer, dass es ohne Wörterbuch keine Sprache gibt. Wörter sind das Material, auf die wir unser sprachliches Handeln gründen.“

O léxico de uma língua, numa definição mais geral, pode ser visto como o amplo repertório de palavras de uma língua, ou o conjunto de itens à disposição dos falantes para atender às suas necessidades de comunicação […] Se é verdade que não existe uma língua sem gramática, mais verdade ainda é que sem léxico não há língua. As palavras são a matéria-prima com que construímos nossas ações de linguagem.

Wir stützen die Vorstellung darauf, dass eine Sprache durch das Wörterbuch erfasst und verständlich wird und gelernt werden kann. In diesem Sinne wollten wir integrativen Unterricht zwischen Sportunterricht und Englisch realisieren, wobei die Sportart Schach zentrales Thema war. Wir arbeiteten mit dem spezifischen Wortschatz der Sportart sowohl in Portugiesisch (Muttersprache) als auch in Englisch, boten unseren Schülern gleichzeitig sprachliche und sportliche Erfahrungen und ermöglichten ein ganzheitliches und sinnvolles Lernen, was im Sinne von Guerra und Andrade (2012) ist:

„Die isolierte Betrachtung des Unterrichtens genügt nicht mehr, es ist notwendig, das Lernen nicht als einfach oder auf einen einziges Fach beschränkt zu gestalten. Das cartesianische Denken ist nicht mehr zeitgemäß. Der Sprachunterricht sollte sich nicht auf mechanische Übungen beschränken und auf nur ein einziges Fachgebiet konzentrieren.“ (GUERRA e ANDRADE, 2012, S. 229-230).

Não vale mais a visão unilateral sobre a prática docente, há que se considerar o ensino como não simplificado ou focado numa só área do conhecimento. O pensamento cartesiano já não é mais válido. O que vale dizer que o ensino da língua não deve restringir-se a exercícios mecânicos voltados somente a uma única área do conhecimento (GUERRA e ANDRADE, 2012, p. 229-230)

Die Relevanz der interdisziplinären Arbeit, die Elemente aus verschiedenen Fachgebieten einbezieht, ergibt sich auch daraus, dass die Interdisziplinarität eine Alternative zur Unvollständigkeit der verschiedenen Fachgebiete darstellt, da sie einen Dialog fördert, der auf einer neuen Art des Verständnisses des Lehr-Lern-Prozesses basiert, insbesondere in einer Zeit, in der die pädagogischen Praktiken einem bis dahin nicht so üblichen Lehrformat angepasst werden mussten, wobei sichergestellt wird, dass der Schüler der Hauptakteur dieses Prozesses ist. Im nächsten Abschnitt wollen wir die integrative Arbeitsweise betrachten, zeigen, wie die Aufgaben umgesetzt wurden, und den Aspekt des Lehr-Lern-Prozesses reflektieren, der zwei verschiedene Fachgebiete miteinander verbindet.

3 Beschreiben und Reflektieren der integrativen Arbeitsweise: Maßnahmen Schritt für Schritt

Mitten in der Pandemie, die eine Anpassung der Lehrmethoden erforderlich machte, wurden der Distanzunterricht und das integrative Konzept über eine virtuelle Lernumgebung (VLE) realisiert, in unserem Fall über Moodle, da alle Schüler Zugang zu der Plattform hatten, jeder in seinem Klassenraum. Das Lernangebot war für die Schüler beider Klassen gleich und hatte das Erlernen von Schach zum Ziel, wobei der Schwerpunkt auf der Arbeit mit dem Fachvokabular in Portugiesisch (Muttersprache) als auch in Englisch lag sowie auf der Beschäftigung mit der Geschichte und einigen Kuriositäten des Sports:

Zeitraum Ziele Methodische Vorgehensweise
1.Woche ·         Geschichte des Sports kennenlernen

·         Vorstellen des sportartspezifischen Vokabulars in Portugiesisch (Muttersprache) und Englisch

·         Verstehen der Spielstrategie und der Gangart der Figuren

Schritt 1: Vorstellung der Geschichte des Sports, der Figuren und der Gangart in Portugiesisch und in Englisch mittels Video- und Texten;

Schritt 2: Interaktives Forum zur Gangart der Schachfiguren.

 

2.Woche ·         Kommentierung des Spiels (Merkmale, Schreibstil und Formulierung);

·         Die Verwendung von sprachlichen Wendungen erkennen: Imperativ, Modalverben und einfache Gegenwart.

 

Schritt 1: Diskurs für die Kommentierung des Spiels

Schritt 2: Wiederholung des einfachen Präsens, der Modalverben und der Imperativform entsprechend des Lehrplans

Schritt 3: Übungen zur Kommentierung des Spiels

3.Woche ·         Die Verwendung von Modalverben und der Imperativform bei der Beschreibung von Schachzügen herausstellen.

 

 

Schritt 1: Vorstellung der Strategien, die im Schach verwendet werden können;

Schritt 2: Verwendung der Modalverben in Verbindung mit Spielstrategien

Schritt 3: Übungen zu den Spielstrategien im Umgang mit den Modalverben in Englisch

4.Woche ·         Ermöglichung der Reflexion über das Schachspiel unter Berücksichtigung der in den vorangegangenen Wochen behandelten Themen. Schritt 1: interaktives Forum anbieten, das die Schüler auffordert, die Schachzüge zu beschreiben und zu analysieren.

Tabelle 1. Projektorganisation, Quelle: die Autoren.

Während der Durchführung der oben erwähnten und in den folgenden Abschnitten beschriebenen Maßnahmen wurden verschiedene Strategien zur Vermittlung der Inhalte angewandt, Online-Meetings, die Bereitstellung interaktiver Foren zur Diskussion von Spielstrategien und Problemen im Schach sowie das Bereitstellen zweisprachiger Arbeitsmaterialien für die schriftliche und mündliche Arbeit. In Anbetracht der Pluralität in der Klasse war es unsere Absicht, die Inhalte so zu präsentieren, dass der Lernprozess erleichtert wird. Eine der angewandten Strategien war die Verwendung des Arbeitsmittels „Buch“, was in der virtuellen Lernumgebung Moodle zur Verfügung steht und es uns ermöglicht, aus unseren Materialien ein eigenes Buch über das zu bearbeitete Thema zu erstellen, das in Kapitel und Unterkapitel gegliedert werden kann. Darüber hinaus haben wir den Schülern das Material in Form von Text, Bild und Video zur Verfügung gestellt, wobei die Schüler die Möglichkeit haben, zwischen den Methoden zu wählen.

In der ersten Woche beschäftigten wir uns zum Beispiel mit der Geschichte des Schachspiels und der Gangart der Figuren sowie mit besonderen Schachzügen. Außerdem machten wir uns mit dem Schachvokabular vertraut, wie z.B. mit den Bezeichnungen der Figuren und des Brettes, dazu wurde ein zweisprachiges Buch angeboten, wobei ein Abschnitt in Portugiesisch (Muttersprache) und der nächste in Englisch war, so war die Verbindung der Fremdsprache mit der portugiesischen Sprache (Muttersprache) von Anfang an gegeben.

Um den Dialog über das Thema zu fördern, boten wir den Schülern ein interaktives Forum an, in dem sie die Gangart einer ausgewählten Figur, den Namen der Figur und die Zugrichtung in Englisch auf einer der drei angebotenen Tafeln beschreiben sollten. Um die Interaktion unter den Schülern zu fördern und einen noch engeren Kontakt zu den zu bearbeitenden Inhalten herzustellen, baten wir sie, die Beiträge ihrer Mitschüler zu kommentieren und einen weiteren korrekten und möglichen Zug anzugeben.
Der durch das angebotene Forum entstandene Dialog ermöglichte die Anwendung des bisher erlernten Vokabulars und ermöglichte es den Schülern auch, sich mit ihren Mitschülern auszutauschen, um noch besser zu verstehen, was besprochen wurde. Nach der ersten Projektwoche und dem Dialog mit den Mitschülern über das aktuelle Thema wurde in der zweiten Projektwoche der Diskurs für die Kommentierung des Spiels angewandt. Für die Kommentierung wurden die wesentlichen Merkmale des Schachs, wie Schreibstil und Formulierung, aufgegriffen und auf die Notation der Schachzüge geachtet, in dem jeder Zug durch bestimmte Buchstaben und Symbole ausgedrückt wird. Für die Darstellung der Charakteristika wurde ein Video zur Verfügung gestellt, in dem das Thema ausführlich erläutert wurde. Außerdem wurde das Material in Buchform bereitgestellt.

In derselben Woche haben wir, um einen Dialog zwischen den Unterrichtsteilen herzustellen, einige bereits behandelte Themen wiederaufgenommen: einfaches Präsens, Imperativform und Modalverben. Diese Inhalte wurden mit dem Schachspiel vertieft, insbesondere mittels der Gangart der Figuren und den Schachzügen. Im Spiel gibt es Züge, die gemacht werden können oder nicht gemacht werden dürfen, Züge, die zwangsweise gemacht werden müssen (auf Grund einer Regel), Züge, die gemacht werden können oder gemacht werden müssen (im Sinne der Strategie), wie in der Abbildung unten dargestellt.
Um die Beziehung zwischen Diskurs und den verwendeten sprachlichen Mitteln noch mehr zu fördern, gaben wir einen Zug in der Schachnotation vor und baten die Schüler, ihn auf Englisch zu beschreiben und wir haben einen in Englisch beschriebenen Zug vorgelegt und baten die Schüler, diesen in der Schachnotation darzustellen und die beteiligten Figuren zu nennen, Außerdem mussten die Schüler einen Fragebogen (in englischer Sprache) zum Schach beantworten, wodurch die Beziehung zwischen den verschiedenen Elementen noch deutlicher wurde.

Nach der Arbeit mit dem Fachvokabular und der Verwendung sprachlicher Elemente im Diskurs wurden in der dritten Woche Spielstrategien vorgestellt, die in direktem Zusammenhang mit dem bisher Gelernten standen. In gleicher Weise wurde Englisch vertieft, in dem bei jeder Gelegenheit Modalverben zur Beschreibung des besten Zuges verwendet wurden. Im Anschluss an die Ausführungen wurde den Schülern eine Aufgabe gestellt, die darin bestand, eine Zusammenfassung des Spiels in Bezug auf die erlernten Strategien zu verfassen.

Die im oben beschriebenen Fragebogen vorgenommene Integration, bei der wir von den Schülern die Interpretation der Zusammenfassung und das daraus resultierende Verständnis des dargestellten Wortschatzes und der sprachlichen Aspekte verlangten, unterstreicht die Bedeutung fächerübergreifender Projekte für einen sinnvollen Unterricht für die Schüler. In diesem Sinne haben wir versucht, die beiden Fächer miteinander zu verbinden und Übungen anzubieten, die sich auf beide Fächer beziehen, um zu zeigen, dass die scheinbar weit auseinanderliegenden Fächer miteinander verbunden sind, was einen noch stärkeren und für die Schüler interessanteren Lehr- und Lernprozess ermöglicht und somit beweist, dass verschiedene Fächer miteinander in Dialog stehen und nicht unbedingt weit auseinanderliegen müssen. In der vierten und letzten Projektwoche wurden schließlich Aufgaben über das interaktive Forum gestellt, in denen 8 Bretter mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden mit der Frage gezeigt wurden, welcher Zug zum Matt führt und die Schüler mussten ihre Antwort im Forum abgeben, welcher Zug ausgeführt werden sollte. Die Schülerinnen und Schüler sollten die Aufgabe lösen und den Zug in Englisch beschreiben. Außerdem konnten die Schülerinnen und Schüler die Antworten ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler lesen, nachdem sie eine Aufgabe beantwortet hatten und wurden aufgefordert, den Lösungsvorschlägen der anderen zuzustimmen oder sie abzulehnen.
Der Evaluierungsprozess fand wöchentlich statt, weil wir auf diese Weise die angedachten Aufgaben anpassen konnten. Andererseits wurde die Aufmerksamkeit der Schüler konstant wachgehalten, da jede angebotene Aufgabe bereits eine kleine Prüfung war. Wir verstehen Evaluation als einen ständigen Prozess, der nicht nur dazu dient, die Schüler zu evaluieren, sondern auch den Prozess selbst und die Art und Weise der Wissensvermittlung, wobei wir festgestellt haben, dass sich die Inhalte von Schach und Englisch gegenseitig verstärken. Bei der Beschreibung des Schachspiels auf Englisch lernten die Schüler nicht nur das Vokabular und den Satzbau, sondern lernten auch Schachzüge, und zwar in allen Phasen des Projektes.

4 Schlussbemerkungen

Das Erlernen des Wortschatzes einer Sprache eröffnet Spielräume für verschiedene und vielfältige Möglichkeiten, einschließlich der Verzahnung verschiedener Fächer. Wir sahen die Bedeutung dieser Art von Projekten bestätigt. Auf diese Weise gelingt es, dass ein Fach das andere ergänzt und so den Lehr-Lern-Prozess intensiviert. Die Verknüpfung der Fächer gelang uns, indem wir die Elemente aus dem Lehrplan von Englisch und vom Sport miteinander verbanden. Wir sind daher der Meinung, dass interdisziplinärer Unterricht, dessen Kernstück die Verknüpfung verschiedener Elemente von Fächern ist, die bis dahin als isoliert betrachtet wurden, zu einem noch wirkungsvolleren Lehr- und Lernprozess beitragen kann, der es Schülern und auch Lehrern ermöglicht, zu verstehen, dass mehrere Fächer miteinander in Beziehung stehen, da die verschiedenen Wissensbereiche nicht isoliert sind, sondern in der Gesamtheit miteinander verwoben sind, was in der Bildung nicht anders sein sollte.

Referenzen

ANTUNES, I. Território das palavras: o estudo do léxico em sala de aula. São Paulo: Parábola Editorial, 2012.

GUERRA, M. M.; ANDRADE, K. S. O léxico sob perspectiva: contribuições da Lexicologia para o ensino de línguas. Domínios de Lingu@gem, v. 6, n. 1, p. 226-241, 29 jun. 2012. https://doi.org/10.14393/DL12v6n1a2012-12

Sind Schach, Sport und Spiel Kinderrechte?

Bisher betrachtete ich die Beschäftigung mit Sport und Spiel als Selbstverständlichkeit, bis ich den Artikel des FIDE-Trainers Matvei Shcherbin1 las, der eine Verbindung von Schach und der UN-Kinderrechtskonvention herstellte. Der Schachtrainer M. Shcherbin kommt zu dem Schluss, dass Schach, obwohl es ein uraltes Spiel ist, dem Geist und dem Buchstaben der „Konvention über die Rechte des Kindes“ entspricht und das Recht des Kindes auf Entwicklung und Bewahrung seiner Individualität erfüllt.

Schach als Kinderrecht

Gibt es tatsächlich ein Grundrecht auf Sport und Spiel?

Ja. In der „Internationalen Charta für Leibeserziehung, körperliche Aktivität und Sport“, die die Vereinten Nationen in 2015 verabschiedete, ist das Recht auf Sport verankert:

• Jeder Mensch hat ein grundlegendes Recht auf Leibeserziehung, körperliche Aktivität und Sport ohne irgendeinen Unterschied nach Volkszugehörigkeit, Geschlecht, sexueller Orientierung, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen oder sonstigen Merkmalen2

• Die Freiheit, durch diese Aktivitäten körperliches, geistiges und soziales Wohlergehen und Leistungsvermögen zu entfalten, muss von allen Regierungs-, Sport-und Bildungseinrichtungen gefördert werden.2

Eine andere Quelle für das Kinderrecht auf Sport und Spiel ist der Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention: „Beteiligung an Freizeit, kulturellem und künstlerischem Leben; staatliche Förderung“ 3 , der folgendermaßen verstanden werden kann: „Im Sinne der Kinderrechtskonvention ist Sport ganz wesentlich eine entwicklungsorientierte Spiel- und Freizeitaktivität – ein Mittel zur Entfaltung – und deshalb durch Freude und (gesundheitliches) Wohlbefinden, Kreativität, Freiwilligkeit und Autonomie, persönliche und soziale Zielerreichung, sowie Leadership, Freundschaft, Kooperation und soziale Einbindung charakterisiert.“4

Der Mensch bestimmt, welche Bedeutung sein Handeln bekommt. Deshalb ist es einsichtig, dass Sport an sich keine Veränderung bewirkt, aber die gesellschaftlichen Instanzen (wie Eltern, Erzieher, Lehrer, Sportorganisationen, Verbände, Vereine, Massenmedien usw.) sind diejenigen, die mittels Sport Werte und Wissen vermitteln und die soziale Entwicklung fördern können. Sport (ob wettkampfmäßig oder nicht) muss in erster Linie als Mittel zur Förderung von Bildung, Würde und Menschenrechten verstanden werden.“ 5, was im Einklang mit der UN-Kinderrechtskonvention steht.

In Deutschland wird der Sport auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene auf vielfältige Weise gefördert. Die integrative Wirkung von Sport ist die Basis für das Programm des DOSB „Integration durch Sport“, gefördert durch das Bundesinnenministerium. Inwieweit die Förderung ausreichend oder verbessert werden kann, muss an anderer Stelle diskutiert werden.

Kritisch kann die Fokussierung der Förderung durch die öffentliche Hand auf die olympische Sportarten gesehen werden. In der Gesamtbewertung von sportlichen Mega-Events wie Olympiade, Weltmeisterschaften und ähnlichen Veranstaltungen können oftmals Kinderrechtsverletzungen festgestellt werden. „.. es gibt auch eine Kehrseite der Medaille bei Sportveranstaltungen dieser Dimension. Oftmals werden Mega-Events ohne jede Rücksicht auf die Lage und Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung vergeben und durchgeführt. Darunter haben insbesondere Kinder und Jugendliche zu leiden, denn sie gehören zu den besonders vulnerablen Gruppen innerhalb der benachteiligten Schichten.“ 4  Erinnert sei an die 6500 Toten beim Bau der Fußballstadien für die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar, wobei die Dunkelziffer noch höher liegen soll.6 Die renommierte Tageszeitung „The Guardian“ berichtete 2012 im Vorfeld der Olympischen Spiele in London, dass Mieter aus ihren Häusern vertrieben wurden, weil die Vermieter die Mieten erhöhten.   Deshalb sagen Mitarbeiter von Terre des Hommes „Sportliche Mega-Events sind zurzeit Anlässe von Eliten für Eliten“.4

Nicht nur sportliche Mega-Events beeinträchtigen Kinderrechte, sondern auch Kriege und Pandemien. Europa blieb gut 100 Jahre von einer schlimmen Pandemie verschont, bis das Corona-Virus 2020 Europa erreichte. Corona- bzw. die Covid-19-Pandemie brachte erhebliche Einschnitte in das Leben der Menschen und der Kinder. Auf bisher alltägliche Dinge wie Händeschütteln und Umarmungen verzichten viele Menschen als Schutzmaßnahme vor Covid-19-Infektion. Liebgewonnene Gewohnheiten wie Treffen mit Freunden, den Gang ins Fitnessstudio oder gemeinsam im Verein seinem Sport nachgehen wurden im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie eingeschränkt oder untersagt.

Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie steht die Bildungspolitik vor immensen Herausforderungen, um den Unterrichtsausfall auf Grund der Pandemie zu kompensieren, Lernrückstünde aufzuholen und den Kindern gute Zukunftsperspektiven zu geben. Die Diskussionen über zusätzliche Maßnahmen wie Nachhilfe, zusätzliche Unterrichtsstunden, Ferien verkürzen, Fächer von der Stundentafel streichen sind im vollen Gange.

Das Homeschooling konnte das gemeinsame Lernen an den Schulen nicht kompensieren. In der Schule wie im Sport bietet die Gruppe Halt, gibt Hilfestellung und spornt den Einzelnen an, gute Leistungen abzuliefern. Das Homeschooling erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin, sich pünktlich am Computer für die Online-Unterrichtsstunde einzufinden, konzentriert der Videokonferenz zu folgen, Unterrichtsstoff allein zu erarbeiten und die gestellten Aufgaben zügig und erfolgreich abzuarbeiten. Es werden Qualitäten nachgefragt, die man üblicherweise von Unternehmern, Managern und Studenten verlangt. Es mehren sich die Stimmen und auch Studien, dass die Kinder besonders unter den Einschränkungen leiden und sich über Einsamkeit, Stress und Depressionen beklagen.

zusätzliche Bildungsausgaben um die Folgen der Corona-Krise zu meistern
Deutschland Niederlande
„Bis zu 2 Milliarden Euro Aktionsprogramm, um die Folgen der Corona-Krise für Kinder und Jugendliche abzumildern“

Stand: 26.04.2021
Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung

„Das Kabinett hat für die nächsten zwei Jahre 5,8 Milliarden Euro für die Primar- und Sekundarstufe bereitgestellt.“

Stand: 21.05.2021
Quelle: Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft 

Anlässlich des Internationalen Kindertages bitte ich die Politiker,  das Wohl der Kinder nicht aus dem Auge zu verlieren. Die Kinder müssen trotz des Nachholbedarfs beim Lernen, auch noch die Zeit haben, nach der Schule im Verein Sport zu treiben. Sport und Spiel tragen zu einer positiven Entwicklung der Kinder bei, weil sie das Selbstbewusstsein und die seelische Gesundheit stärken, Lebensfreude vermitteln, das Lernen unterstützen, Teamgeist fördern,…

Die Vereine bieten den Kindern einzigartige Möglichkeiten, voneinander zu lernen, sich auszuprobieren, den Charakter zu formen, Sozialkompetenz zu entwickeln, Emotionen zu kontrollieren, Ausdauer und Beharrlichkeit zu entwickeln. Der entscheidende Vorteil der Vereine gegenüber Schule und Eltern besteht meiner Meinung nach darin, dass die Kinder „unbeobachtet“ und die Beziehungen zwischen den Vereinsmitgliedern meist auf Augenhöhe sind. Das Kind ist ein anerkanntes Mitglied. Die Gruppe gibt Rückendeckung, spornt an und vermittelt auf eigene Weise die Grenzen für jeden Einzelnen. In guten Vereinen erfahren weder Schule noch Eltern, dass das Kind mal nicht so bei der Sache war oder sich etwas Ungehöriges erlaubt hat, wenn es sich nicht um etwas wirklich Schwerwiegendes handelt. Diese Abschirmung gibt dem Kind Sicherheit und Selbstvertrauen. das Kind lernt Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen.

Zurück zu dem anfangs erwähnten Artikel, warum das Schachspielen als ein Kinderrecht verstanden werden kann. Der Autor Shcherbin begründet seine Sichtweise damit, dass bei Kindern mittels Schach die kognitive Selbständigkeit gefördert wird, die wichtig für ein selbständiges Leben ist. Er verweist auf die Präambel der UN-Kinderrechtskonvention, in der das Ziel formuliert ist, das Kind umfassend auf ein individuelles Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. 3 „Der Lernprozess beim Schach hilft, sich zurechtzufinden, trainiert, sich zu erinnern, zu vergleichen und Informationen zusammenzufassen, trägt zur Verbesserung solcher Eigenschaften wie Aufmerksamkeit, Selbständigkeit, Geduld, Einfallsreichtum bei.“ 1 Zusammengefasst kann gesagt werden, Schach unterstützt die Herausbildung der in der heutigen Wissensgesellschaft benötigten Schlüsselqualifikationen.

Die Informations- und Wissensgesellschaft, in der Maschinen inzwischen Steuerungsaufgaben übernehmen, die noch vor kurzem die Menschen selbst ausübten, braucht Menschen, die nicht nur über exzellentes Fachwissen verfügen, sondern die das Wissen auch anwenden können. Dazu gehört es, die relevanten Informationen herauszufiltern, zu bewerten und mit anderen in Beziehung zu setzen. Die heute geforderte Problemlösungskompetenz benötigt Kreativität, wie Probleme analysiert und Lösungsmöglichkeiten entwickelt werden. Da die Fähigkeit, etwas Neues zu lernen, wichtiger ist als das aktuelle Wissen, das wir besitzen (die Fähigkeit, das Wissen zu erweitern ist wichtiger als das statische System des angesammelten Wissens) ist die Entwicklung der kognitiven Unabhängigkeit eine der wichtigsten pädagogischen Aufgaben für das moderne Bildungssystem.8

Der Artikel von Matvei Shcherbin „ON THE WAY TO EDUCATIONAL AND COGNITIVE INDEPENDENCE OF THE CHILD“ kann in Deutsch hier nachgelesen werden. Die Originalversion in russischer Sprache ist über den Link erreichbar.

PS:

Die russische Formulierung der Kinderrechtskonvention „ребенок должен быть полностью подготовлен к самостоятельной жизни в обществе“ finde ich wesentlich klarer und treffender als die deutsche Version, dass das Kind umfassend auf ein individuelles Leben in der Gesellschaft vorzubereiten sei.3 Das russische Wort „самостоятельный“ entspricht dem deutschen Wort „selbständig“. Das deutsche Wort „individuell“ wird in der deutschen Alltagssprache meiner Meinung nach kaum mit „selbständig“ oder „eigenständig“ in Verbindung gebracht. Wenn man Nach Synonyme für das deutsche Wort „indviduell“ sucht, werden keine Ergebnisse angezeigt, die der Bedeutung „selbständig“ entsprechen:

https://www.duden.de/synonyme/individuell
https://www.wortbedeutung.info/individuell/
https://synonyme.woxikon.de/synonyme/individuell.php

Wie sehen es die Sprachwissenschaftler? Sie können mir Ihre Ansicht dazu mitteilen: info@chess-science.com

Referenzen

1 Shcherbin, M. D. Na puti k ucebno-poznavatel’noj samostoatel’nosti rebenka / M. D. Shcherbin // 30 let Konvencii o pravah rebenka: sovremennye vyzovy i puti resenia problem v sfere zasity prav detej : sbornik materialov Mezdunarodnoj naucno-prakticeskoj konferencii, 17 noabra 2020 g., Ekaterinburg / Ros. gos. prof.-ped. un-t. – Ekaterinburg: RGPPU, 2020. – S. 296-299. https://elar.rsvpu.ru/handle/123456789/32894

2 Internationale Charta für Leibeserziehung, körperliche Aktivität und Sport im Volltext, https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000235409_ger

3 Übereinkommen über die Rechte des Kindes (UN-Kinderrechtskonvention), https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/uebereinkommen-ueber-die-rechte-des-kindes-86530

4 Meier, Marianne; Schubert, Jonas; Kunischewski, Jens. (2016), Kinderrechte im Sportkontext – Zeitschrift für Menschenrechte 92-109 https://www.zeitschriftfuermenschenrechte.de/open-access/zfmr_2_2016.pdf#page=92

5 Isidori, Emanuele & Benetton, Mirca. (2015). Sport as Education: Between Dignity and Human Rights. Procedia – Social and Behavioral Sciences. 197. 686-693. 10.1016/j.sbspro.2015.07.060., https://www.researchgate.net/publication/282599477_Sport_as_Education_Between_Dignity_and_Human_Rights

6 23.02.2021, Bauarbeiten in Katar: „Guardian“ berichtet von 6500 Toten, https://www.kicker.de/bauarbeiten-in-katar-guardian-berichtet-von-6500-toten-798104/artikel#emlshare

7 02.2.20212, Tenants being priced out to make way for Olympic lets, https://www.theguardian.com/money/2012/feb/03/tenants-olympic-lets

8 Eliseev, Vladimir N. (2016). The development of cognitive independence of students of the University through networking cooperation – SHS Web of Conferences, https://www.shs-conferences.org/articles/shsconf/pdf/2016/07/shsconf_eeia2016_02014.pdf

Schach als lernfördernde soziale Praktik und wie das Ausland auf die deutsche Schulschach-Tradition schaut

Vor der Pandemie berichteten die im Schulschach aktiven Pädagogen und Schachspieler vom ungebrochenen Interesse am Schachspiel. Doch wie wird es nach der Pandemie aussehen, wenn die frühere Alltagsnormalität zurückkehrt? Welche Folgen werden die Schulschließungen während der Lockdowns für die Schüler haben? Wird es den Kindern gelingen, den Anschluss in der Schule zu halten oder werden Wissenslücken lange nachwirken? Werden die Kinder so einfach in die Sportvereine zurückkehren? Ich bin optimistisch, dass das Schach weiterhin unvermindert Zulauf erhält. Warum? Im aktuellen Bildungsbericht Deutschland (2020) formulierten die Bildungsexperten quasi eine Empfehlung für „Schach als Unterrichtsfach“:

„Offen ist vor allem in qualitativer Hinsicht, wie unterrichtliche und außerunterrichtliche Aktivitäten bestmöglich verzahnt werden können, um die individuelle Förderung jeder Schülerin und jedes Schülers zu ermöglichen. Hier fehlt es – seitens der Forschung und seitens der Politik – nach wie vor an verlässlichen Qualitätsmaßstäben für „gute“ ganztägige Bildung und Betreuung im Schulalter. Auch das Zusammenspiel mit außerschulischen Bildungsgelegenheiten und Aktivitäten … gilt es, künftig mit Blick auf ihre jeweilige Bedeutung für die kognitive, soziale und persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen stärker herauszuarbeiten. (Seite 150, Link zum Bildungsbericht 2020)

Eine Lösungsmöglichkeit für die hier geschilderten Probleme zeigt Igor Sukhin, der oberste Bildungsstratege in Russland (Институт стратегии развития образования Российской академии образования) auf, der Schach als Unterrichtsfach in Russland einführte:

„Schach gilt als ein Attribut der allseitigen Persönlichkeitsentwicklung, als ein Mittel zur Erziehung und Sozialisierung der Kinder, als ein Mittel zur Entwicklung des Willens, zur Herausbildung weiterer positiver Charaktereigenschaften, zur Entwicklung mentaler Fähigkeiten und des Denkens. … . Tatsächlich sind … viele Länder dabei, ihre Bildungssysteme zu reformieren und intensiv nach Fächern zu suchen und in den Lehrplan aufzunehmen, die der Entwicklung der geistigen Fähigkeiten dienen.“

In seinem weiter unten vorgestellten Aufsatz legt Igor Sukhin dar, wie Schach zur Lösung aktueller Probleme in der Sozialpädagogik und der Wissensvermittlung beitragen kann. Auch Deutschland diskutiert über lernförderliche soziale Praktiken mit dem Ziel, optimale Bedingungen für das Lehren und Lernen zu schaffen. Für zukünftige Generationen ist lebenslangen Lernen wichtiger denn je, um die notwendigen Kompetenzen und Fähigkeiten für ein erfolgreiches Berufsleben zu erwerben. Das selbstbestimmte Leben setzt Wissen und Fähigkeiten voraus, um sich in einer stetigen wandelnden Welt zu behaupten und durchzusetzen. Weltweit suchen die Länder nach Konzepten, wie man unter verschiedenen Bedingungen und Voraussetzungen fast „beiläufig“, um nicht zu sagen spielerisch, neues Wissen und Fertigkeiten erwerben kann.

In anderen Ländern, allen voran in Russland, Brasilien, Kuba, Spanien werden kontinuierlich Forschungsergebnisse zum Einfluss von Schach auf die Persönlichkeitsentwicklung, die Lernfreude, das Sozialverhalten der Kinder veröffentlicht. Auch der Bereich der Methodik und Didaktik wird nicht ausgespart. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es irgendwo Bildungspolitiker und Lehrer gibt, die die Stundentafel hervorholen werden und nachweisen wollen, dass es keinen Spielraum zur Unterrichtsausweitung gibt. Man könnte sie über ihren möglichen Irrtum aufklären, weil in unserer Zeit, im Zeitalter riesiger Datenmengen, es einfach unmöglich ist, einen vollständigen Überblick über alle Wissensgebiete zu geben. Deshalb müssen wir das Auswendiglernen von Fakten durch das Erlernen von Methoden zur Gewinnung und Erklärung von Fakten ersetzen. Genau dieses Szenario beschrieb Prof. Georg Klaus schon 1969, lange vor dem Internetzeitalter.

Der gleiche Aufsatz von Igor Sukhin enthält auch eine lesenswerte Zusammenfassung der deutschen Schulschachgeschichte, als deren profunder Kenner er sich erweist.  Er berichtet von der jahrhundertealten Erfahrung Deutschlands zu Schach in Schule und in der Bildung, rückt ins Gedächtnis, dass an der preußischen Militärakademie Schach unterrichtet wurde, zitiert Emanuel Lasker und Siegbert Tarrasch zu Schulschach, verweist auf herausragende deutsche Forschungsergebnisse über die positiven Auswirkungen des Schachunterrichts und erklärt schließlich, dass deutsches Schulschach-Know-how für das russische Projekt „Schach als Unterrichtsfach“ verwendet wurde.

Der vollständige Aufsatz von Igor Sukhin kann  in deutscher Übersetzung (s. nächsten Abschnitt, unten bzw. PDF) oder im Original (russisch) nachgelesen werden.

 

EINES DER MITTEL FÜR DIE BILDUNG UND SOZIALISATI-ON VON SCHÜLERN IN DEUTSCHLAND

Originaltitel: „ОДНО ИЗ СРЕДСТВ ВОСПИТАНИЯ И СОЦИАЛИЗАЦИИ УЧАЩИХСЯ В ГЕРМАНИИ“ / „ONE OF THE MEANS OF EDUCATION AND SOCIALISATION OF STUDENTS IN GERMANY “
Veröffentlichung: 2016
Autor: I.G. Sukhin

Der Begriff „Soziale Praktik“ wird heute von Forschern unterschiedlich ausgelegt. Sowohl in der russischsprachigen als auch in der deutschsprachigen Wikipedia gibt es nur einen kleinen Eintrag bei „Soziale Praxis“. Die russischsprachige Wikipedia (wie auch das elektronische Lexikon „Academic“ ) beschreibt soziale Praxis als „eine Art von Praktik, in der ein konkretes historisches Subjekt unter Zuhilfenahme von Institutionen, Organisationen und Einrichtungen, die das System der sozialen Beziehungen beeinflussen, die Gesellschaft verändert und sich selbst entwickelt“ (Soziale Praxis, 2016).

B.G. Yudin beschreibt neue soziale Praktiken als „neue Formen von Wechselbeziehungen zwischen Menschen und sozialen Institutionen, die nicht ad-hoc sind, sondern in ähnlichen Situationen reproduziert werden“ (2005, S.134). Dabei ergänzt der Wissenschaftler, dass jede Neuerung, die den sozialen Praktiken zugerechnet werden, als ein gewisses „Objekt“ betrachtet werden kann, das daher bestimmte Methoden und Anwendungen voraussetzt.

N.A. Patutina weist darauf hin, dass die Besonderheit sozialer Praktiken darin besteht, dass sie grundlegende Formen der sozialen Existenz „offenlegen“, die in einer bestimmten Kultur zu einer bestimmten Zeit vorhanden sind (N.A. Patutina, 2015, S. 191).

V.M. Lizinsky unterscheidet drei Quellen des Phänomens sozialer Praktiken: die lebensspendende , die organisationale und die sozial-persönliche. Zur lebensspendenden Praktik zählt der Wissenschaftler das Vorhandensein, die Herausbildung und den Vorrang der nationalen Idee, die das Land, das Volk und die Gesellschaft eint. Die organisationale Praktik umfasst reale soziale Bindungen, ohne die eine soziale Partnerschaft als eine Gemeinschaft von Teilnehmern, die am sozialen Fortschritt interessiert sind, nicht entstehen kann. Zur sozial-persönlichen Praktik zählt die Existenz, Bildung und Entwicklung einer sozialpersonellen Sicht. Auch weist der Forscher auf drei Komponenten des Phänomens der sozialen Praktiken hin: zielgerichtetes, organisiertes Wissen über sich und die Welt und der rein zufällige Kontakt mit Informationsflüssen; organisierte aktive individuelle und kollektive soziale Tätigkeiten; vorberufliche und berufliche Tests und Praktika (V.M. Lizinsky, 2015).

Versuchen wir unter Berücksichtigung der genannten Sichtweisen, einige Facetten des für die heutige Pädagogik in Deutschland (wie auch in anderen Ländern) relativ neuen Phänomens wie der Schachausbildung zu untersuchen. Das pädagogische Potential des Schachspiels wird von Praktikern seit langem für die Lösung verschiedenster Probleme genutzt, daher wird das Schachspiel hin und wieder als Schule der Erziehung und Selbsterziehung bezeichnet. Insbesondere Weltmeister A.A. Aljechin schrieb, dass Schach seinen Charakter formte. Um auf den Kern zu kommen: Schach gilt als ein Attribut der allseitigen Persönlichkeitsentwicklung, als ein Mittel zur Erziehung und Sozialisierung der Kinder, als ein Mittel zur Entwicklung des Willens, zur Herausbildung weiterer positiver Charaktereigenschaften, zur Entwicklung mentaler Fähigkeiten und des Denkens. Schauen wir auf Letzteres. Tatsächlich sind 2016 viele Länder dabei, ihre Bildungssysteme zu reformieren und intensiv nach Fächern zu suchen und in den Lehrplan aufzunehmen, die der Entwicklung der geistigen Fähigkeiten dienen. Die in vielen Ländern gesammelten Erfahrungen zeigen, dass dazu Schach gehört. Schach ist ein über Ländergrenzen hinweg einzigartiges, Werkzeug zur Entwicklung, Erziehung und Sozialisierung der jüngeren Generation.

Im 20. Jahrhundert wurden Studien über das Denken in England, Deutschland, Kanada, der UdSSR, den USA, Frankreich, Japan und anderen Ländern durchgeführt. Ihre Ergebnisse haben die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler auf ein Werkzeug wie Schach gelenkt, um Kinder zum Denken anzuregen. In der Folge wurden in Albanien, Argentinien, Armenien, Aserbaidschan, Brasilien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Indien, Israel, Italien, Moldawien, den Niederlanden, Polen, Rumänien, Russland, Slowenien, Spanien, der Türkei, dem Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten, Uruguay und Venezuela Projekte durchgeführt, um Schach als ein Baustein im Bildungssystem einzusetzen. In den letzten zehn Jahren gab es in vielen Ländern ein nie dagewesenes Interesse am Schach, nicht nur als zusätzliches Bildungsangebot für Kinder, sondern als vollwertiges Unterrichtsfach. Dies liegt daran, dass zu Beginn des Jahrhunderts überzeugende Ergebnisse in der experimentellen Forschung gewonnen wurden, die die These zum Nutzen von Schach für die intellektuelle Entwicklung der Kinder im Alter von 5-12 Jahre bestätigten. Deshalb verabschiedete das Europäische Parlament am 15. März 2012 die Erklärung Nr. 50/2011 „Schach in der Schule“, für die 415 von 780 Abgeordneten stimmten. In der Erklärung wird Schach nicht als Sport, sondern als Teil des Bildungssystems betrachtet und allen europäischen Ländern wird empfohlen, Schach an den allgemeinbildenden Schulen zu lehren. Diese Empfehlung ist nicht rechtlicher Natur, aber sie ermöglicht führenden Experten auf diesem Gebiet, zu ihrem Bildungsministerium zu gehen, um es davon zu überzeugen, dass es erstrebenswert ist, Schach in den Fächerkanon aufzunehmen.

Schach hat eine jahrhundertealte Geschichte, Hunderttausende von Büchern sind dem Schach gewidmet, und eine halbe Milliarde Menschen spielen es. Die Beherrschung des Schachspiels wurde in vielen Ländern geschätzt und gehörte zu einer der sieben ritterlichen Tugenden. Außerdem machten Wissenschaftler auf der ganzen Welt schon lange auf das pädagogische Potential von Schach aufmerksam. In Deutschland ist diese Sichtweise besonders tief verwurzelt. Es sei an das weltbekannte deutsche Dorf Ströbeck erinnert, das im Bundesland Sachsen-Anhalt (ein Ortsteil von Halberstadt) liegt. Nach einer alten Legende wurde vor langer Zeit, im Jahr 1068, in diesem Dorf der Graf Gunzelin gefangen gehalten, der den Wachen das Schachspiel beibrachte. Dieses Spiel wurde bei den Dorfbewohnern so beliebt, dass sie sogar ein Schachbrett, einen Springer und einen Bauern in das Wappen von Ströbeck aufnahmen. Das Siegel im Gemeindeamt wurde als Schachbrett gestaltet. Eine andere Besonderheit des Ortes war der Hochzeitsbrauch – der Bräutigam war verpflichtet, mit dem Vater der Braut eine Partie Schach zu spielen. Seit 1886 führt das Dorf eine „Schachchronik“, in der die wichtigsten Ereignisse aus der Welt des alten und weisen Spiels festgehalten werden. Es ist nicht verwunderlich, dass Ströbeck 1991 in „Schachdorf Ströbeck“ umbenannt wurde. Für seine Verdienste um das Schachspiel (bis heute spielen dort alle Schach) wurde das berühmte deutsche Dorf in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Im Kontext unserer Studie ist es wichtig, dass vor fast zweihundert Jahren, im Jahr 1823, damit begonnen wurde, ab der dritten Klasse an der Schule von Ströbeck Schach als Pflichtfach zu unterrichten. Jedes Jahr wird ein Schulturnier durchgeführt, und die Namen der Schulmeister sind im Schachzimmer zu sehen. 1914 begann der Schachunterricht für deutsche Offiziere an der Preußischen Militärakademie. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde die Aufnahme von Schach in den Lehrplan der Bildungseinrichtungen durch den bekannten deutschen Theoretiker S. Tarrasch befürwortet, der als einer der ersten weltweit die gesellschaftliche Bedeutung des Schachspiels hervorhob. Die Zeitschrift „Shahmatnoe obozrenie“ berichtete: „Der Nürnberger Arzt, Dr. Tarrasch… entwickelte einen Plan, Schach als Unterrichtsfach an den Mittelschulen einzuführen. Nach Tarrasch fördert das Schachspiel den Geist, lehrt Geduld, fördert das Denken und die Phantasie, macht Freude und erfüllt im Allgemeinen alle Anforderungen einer vernünftigen Pädagogik. Daher schlägt Tarrasch vor, dass Schach in den höheren Klassen der Mittelschulen als Pflichtfach eingeführt wird“ (Arabesque, 1903).

Der Vortrag von S. Tarrasch zu diesem Thema, den er 1908 in Berlin hielt, machte einen starken Eindruck auf die Zeitgenossen. Einige seiner Kollegen vertraten die Meinung, dass Schach als Unterrichtsfach in der Schule eine unnötige Belastung sei, die nur zu einer Überforderung der Schüler führen würde. Aber die überwältigende Mehrheit der deutschen Experten bestätigte, dass Schach für sie persönlich in ihrer Schulzeit eine große Hilfe war, weil das Schachspiel sie zur Vernunft erzog und ihnen systematisches Arbeiten näherbrachte. (N.V. Krogius, 1990).

Im gleichen Jahr, 1908, wurde in „Lasker’s Chess Magazine“ folgende Notiz über die Meinung des großen Deutschen Em. Lasker veröffentlicht: „Dr. Emanuel Lasker, der Weltmeister und vielleicht der größte Schachspieler in der ganzen Geschichte, empfiehlt Schach als Teil des Schullehrplans.“ In vielen Schulen Europas wird den Schülern Schach beigebracht; die weisen Japaner sind der Meinung, dass ihr Schach, das viel schwieriger ist als unseres, den Geist sehr diszipliniert, logisches Denken fördert… Schach, wenn man es nicht übertreibt, stärkt und trainiert den Geist so gut, wie Tennis, Baseball oder Ringen den Körper trainieren.“ (Schach in der Schule, 1908).

1969 berichtete der Dekan der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin G. Klaus über die Ergebnisse der Schachforschung in Deutschland, die belegen, dass Schach die Entwicklung des Denkens bei Schulkindern fördert und die Verbesserung der allgemeinen schulischen Leistungen bewirkte. Es zeigte sich, dass in den Versuchsklassen, in denen es systematischen Schachunterricht gab, die Noten für schulischen Leistungen deutlich besser ausfielen als in der Kontrollklasse, die keinen solchen Unterricht hatte. Klaus verwies darauf, dass Schach eine ausgezeichnete Schule für logisches Denken ist und schlussfolgerte, dass es einfacher ist, das logische Denken mittels Schach zu trainieren, als Lehrbücher über Logik dafür einzusetzen. Er schlug vor, dass der Unterricht in den Grundschulklassen beginnen sollte, um die Schüler schon früh mit dialektischen, strategischen und taktischen Denkweisen in Berührung kommen zu lassen. Er wies auch auf das besondere Potenzial des Schachspiels als Mittel zur Förderung der wissenschaftlichen Genauigkeit und der analytischen Fähigkeiten hin. Seiner Meinung nach kann nur derjenige erfolgreich schöpferisch tätig sein, der in der Lage ist, einen riesigen Informationsfluss in kurzer Zeit analytisch zu verarbeiten. Einen besonderen Nutzen von Schach sah der deutsche Wissenschaftler darin, dass das Schachspiel darin schult, Entscheidungen nach Prüfung aller vorhandenen Möglichkeiten zu treffen. Dabei wusste Klaus, wie schwierig es sein würde, Schach als Unterrichtsfach an der Schule einzuführen: „Wenn Sie heute irgendeinem Lehrer vorschlagen, in seiner Klasse für eine Stunde in der Woche Schach zu unterrichten, würde er Ihnen den Stundenplan zeigen und die Unmöglichkeit der Unterrichtsausweitung beweisen. Der Irrtum eines solchen Pädagogen ist folgender: In unserer Zeit, im Zeitalter eines riesigen Informationsflusses, ist es einfach nicht möglich, einen vollständigen Überblick über alle Wissenschaften zu geben. Wir müssen das Auswendiglernen von Fakten mehr und mehr durch das Erlernen von Methoden zur Gewinnung und Erklärung von Fakten ersetzen“ (Klaus, 1969, S. 22).

Seitdem dringt das Schachspiel als Mittel zur Förderung des selbständigen Denkens mehr und mehr an deutschen Schulen vor. Damit wurden jene Bereiche des deutschen Bildungswesens verbessert, die auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch lahmten. Diese Schwächen sind: unzureichende Konzentration der Schüler im Unterricht, Probleme bei den Lese-, Schreib- und Rechenfertigkeiten, Verhaltensprobleme, Impulsivität, Aggressivität, Hyperaktivität usw. Dank dem Schachunterricht verbesserten sich die Werte dieser Parameter. Darauf wies die deutsche Psychologin M. Bönsch-Kauke in ihrem Buch „Klüger durch Schach“ (M. Bönsch-Kauke, 2008) hin, das versucht, die weltweiten Erfahrungen mit dem Schachunterricht an Schulen zusammenzufassen.

Experimentelle Studien zu den Auswirkungen des Schachunterrichts auf die Kinder sind in Deutschland immer noch im Gange. Es wird auf eine Untersuchung verwiesen, die mit Schülern der zweiten Klasse in Deutschlands ältester Stadt Trier durchgeführt wurde. Der Unterricht fand einmal pro Woche über vier Jahre statt, wofür eine Mathematikstunde genommen wurde. Während es in den Kontrollklassen (in denen kein Schachunterricht stattfand) keine signifikante Verbesserung bei einer Reihe von Untersuchungsparametern zu verzeichnen war, zeigten die „Schachklassen“ um das Zweifache bessere Leistungen in Mathematik, ein um das Zweieinhalbfache besseres Leseverständnis und ein um das Dreifache besseres allgemeines Verständnis. Höhere Werte wurden für die Konzentrationsfähigkeit, Leistungsmotivation und für den Erwerb sozialer Fähigkeiten und sozialer Kompetenz erzielt (A. Krämer, 2016).

Im heutigen Deutschland zielt der Schachunterricht auf eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung, auf die Erziehung und Sozialisation der Schüler, auf die Entwicklung des kreativen Denkens, auf die Kreativität und Selbsterziehung. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Grad der Selbstregulierung des Verhaltens, der kritischen Selbstanalyse, der Entwicklung der Objektivität, der Fähig-keit, eine andere Meinung zu akzeptieren, dem Respektieren der Regeln, der Ästhetik der Schach-kunst, der Fähigkeit, sich zurückzuhalten und der Selbstbeherrschung.

Die umfangreichen Erfahrungen in Deutschland (wie auch die Erfahrungen von Spezialisten in anderen Ländern) blieben den russischen Forschern nicht verborgen, die diese bei der Erarbeitung eines wissenschaftlich fundierten Schachkurses an der Grundschule mit dem Namen „Schach der Schule“ und bei der Ausarbeitung neuer gesundheitsschonender pädagogischer Methoden verwendeten –

„Methoden zur Entwicklung der Fähigkeit, „im Geiste“ zu handeln, unter Einbeziehung von Schachmaterialien“ oder von „an Schachaufgaben orientierten Methoden“. Dies ermöglichte es der Russischen Föderation, ihre Schwerpunkte in einigen Bereichen der Schachausbildung zu setzen, wie die folgenden internationalen wissenschaftlich-praktischen Konferenzen zeigten:

1) „Schach im Bildungssystem Russlands und der Welt“ (Moskau, 2009)
„Шахматы в системе образования России и мира“ (Москва, 2009;
URL: https://open2009.moscowchess.org/scientific_conference/itog_doc_rus.php
2) „Schach als Werkzeug zur Anhebung des intellektuellen Niveaus von Kindern (Chanty-Mansijsk, 2010)
„Шахматы – инструмент повышения интеллектуального уровня детей“ (Ханты-Мансийск, 2010);
3) „Schach als innovatives Fach im Bildungssystem“ (Moskau, 2010)
„Шахматы как инновационный учебный предмет в системе образования“ (Москва, 2010);
URL: https://open2010.moscowchess.org/scientific_conference/news_rus_1.php
4) „Aktuelle Probleme bei der Unterrichtung von „Schach“ an allgemeinbildenden Schulen und Kindergärten in Russland und in anderen Ländern“ (Satka, 2011)
„Актуальные проблемы преподавания учебной дисциплины „Шахматы“ в общеобразовательных школах и детских садах России и других стран мира“ (Сатка, 2011);
5) „Schachausbildung – eine wichtige Ressource im globalen Bildungssystem“ (Chanty-Mansijsk, 2013)
„Шахматное образование – важный ресурс мировой системы образования“ (Ханты-Мансийск, 2013)

Referenzen:

1. Arabesque Арабески [Текст] // Шахматное обозрение.–1903.–No 64-65.–С.367.

2. Клаус Г. Нужны ли людям шахматы? [ Текст] // Шахматная Москва.–1969.–No14.–С.21-22. – URL: https://www.gen64.ru/chess/klaus.htm (дата обращения: 21.03.2021).

3. Крогиус Н.В.Тарраш – публицист [Текст] // 64 – Шахматное обозрение. –1990.–No7.–С.24-25 – URL: http://publ.lib.ru/ARCHIVES/SH/“64_-_shahmatnoe_obozrenie“/_“64_-_shahmatnoe_obozrenie“.html

4. Лизинский В.М. Три источника итри составные части социальных практик [Текст] // Социальная педагогика в современных социальных практиках: Сборникна учных статей V Международного симпозиума.18-22 мая 2015 г./ Научн. ред. А.В. Мудрик,Т.Т.Щелина.– Арзамас: Арзамасский филиал ННГУ, 2015.–С.155–159. – URL: https://docplayer.ru/44614114-Socialnaya-pedagogika-v-sovremennyh-socialnyh-praktikah.html

5. Патутина Н.А. Социальные практики инновационной культуры компании (социально-педагогический аспект) [Текст] // Социальная педагогика в современных социальных практиках: Сборникна учных статей V Международного симпозиума.18-22 мая 2015 г. / Научн. ред. А.В. Мудрик, Т.Т. Щелина.–Арзамас: Арзамасский филиал ННГУ, 2015.–С.186–199. – URL: https://docplayer.ru/44614114-Socialnaya-pedagogika-v-sovremennyh-socialnyh-praktikah.html

6. Soziale Praktik Социальная практика [Электронный ресурс]. – URL: https://ru.wikipedia.org/wiki/Социальная_практика (дата обращения: 22.05.2016).

7. Schach in der Schule Шахматы в школе [Электронный ресурс] / Сайт шахматного всеобуча.–URL: http://chess555.narod.ru/imp2.htm (дата обращения: 24.05.2016).

8. Юдин Б.Г. От этической экспертизы к экспертизе гуманитарной [ Текст] // Знание. Понимание. Умение.– 2005.– No 2.–С.126–135. – URL: http://zpu-journal.ru/zpu/2005_2/Yudin/16.pdf

9. Bönsch-Kauke M. Klüger durch Schach [Текст]. – Leibniz Verlag, St.Goar, 2008. –407p.

10. Krämer A. Schach an der Grundschule Trier-Olewig [Электронный ресурс].–URL: http://fritzundfertig.chessbase.com/img/StudieTrier.pdf (дата обращения: 21.05.2016) – Langfassung: URL: https://nsv-online.de/downloads/Endbericht-Abschlusskorrektur13-02-07.pdf

Schach – der Star in der Corona-Pandemie


Schach und Corona- Schlagzeilen aus aller Welt (interaktives Bild)

Schach findet zur Zeit online statt. Wie kann man andere Menschen für Schach begeistern? Befreien wir uns aus der Sprachlosigkeit und berichten wir anderen, wie spannend Schach sein kann. Die „Perlen vom Bodensee“ machten deutlich, dass das Schreiben kein Hexenwerk ist. Naturwissenschaftler, Mathematiker, Informatiker und Schachspieler lassen oft wenig Emotionen in ihre Erklärungen und Berichten einfließen. Das Storytelling fällt ihnen schwer, wovon ich mich nicht ausnehme. Wenn man sich umschaut, findet man viele gute Beispiele und Ideen. Kurt Richter erfand Dr. Zabel, Albin Pötzsch glossierte die Taktikaufgaben in der Zeitschrift „Schach“, Emil Ramin machte Schachstudien zum Vergnügen, Helmut Pfleger erzählt Anekdoten und formuliert dazu eine Schachaufgabe in der Wochenzeitung „Zeit“. Die legendären  Sportreporter Rolf Töpperwien und Gert Zimmermann („Zimmi“) lieferten mitreißende Fußballreportagen, bei denen der Radiohörer das Gefühl hatte, er säße selbst auf der Tribüne im Fußballstadion.

Anregungen gibt es zu Hauf im Netz. Andere Sprachen stellen keine unüberwindbaren Hindernisse dar. Die Browsererweiterung „Google Übersetzer“ zeigt in Sekundenschnelle die deutsche Übersetzung an. So kann man sich in die Weiten des Internets hinaustragen und sich inspirieren lassen, egal wie gut man eine Fremdsprache beherrscht.

Das obige interaktive Corona-Schachbrett bringt viele interessante Geschichten ans Licht. Die reichweitenstarke BILD-Zeitung kam im November 2020 nicht umhin und berichtete über den Hit eines jahrhundertealten Brettspiels „Netflix und Corona sind schuld – Schach ist plötzlich mega cool!

Mitten in der Pandemie fand am 20.07.2020 der erste Weltschachtag statt. Angesichts der COVID-19-Pandemie, die zu einer Pause für die meisten Sportarten weltweit geführt hat, feiert die UN ein wettkampforientiertes Spiel, das sicher drinnen und auch online gespielt werden kann – mit dem Zusatzeffekt, Ängste zu reduzieren und die psychische Gesundheit zu verbessern. Die UN-Kommunikationschefin Melissa Fleming stellt fest, dass die Pandemie eine physische, soziale und ökonomische Krise darstellt – die jedem Menschen Einschränkungen auferlegt und dass jene Sportarten wichtiger denn je sind, die online oder in sicherer physischer Entfernung gespielt werden können. „Der Sport fördert unseren lebenslangen Spieltrieb… fördert unsere Leidenschaft und Begeisterung… erfrischt unseren Geist und Körper… lenkt uns von Problemen ab und reduziert unsere Ängste“, sagte Frau Fleming.  Arkady Dvorkovich, Präsident des Internationalen Schachverbandes (FIDE) möchte Schach „zu einem Werkzeug zur Verbesserung der Welt“ machen. Das ist eine wunderbare Steilvorlage für alle Schachenthusiasten und Schachfunktionäre. Welche Ideen und Projekte werden dieses Jahr der Renner sein?

Mein Favorit ist die Geschichte von Daniel Sokol, einem britischen Rechtsanwalt und Medizinethiker, der in seiner Freizeit hin und wieder Schach spielt. Er sinniert über das Schachspiel, als sein Flugzeug in heftigeTurbulenzen geriet. Seine Tochter war so sehr mit Schach auf dem iPad beschäftigt, dass sie von all der Aufregung nichts mitbekam. Schach hilft tatsächlich gegen die Angst! Und dann bekommt der Leser eine neue Analogie von Schach und der Lebenswirklichkeit präsentiert, die einem auch etwas milder auf politische Entscheidungen schauen lässt. Wer die ganze Geschichte lesen möchte – hier ist der Link.

Corona verändert die Welt und Schach bewirkt Wunder. Über so ein Wunder berichtete die Jerusalem Post. Neben dem Fakt, dass weltweit das Online-Schach erheblich gewachsen ist, wird  über die Integrationskraft von Schach geschrieben. Israelische Schachspieler trafen in einem Online-Turnier auf arabische Schachspieler und es wurde gespielt. Eigentlich hätte man einen Boykott durch die arabischen Spieler erwartet.

In dem auch heute noch sehenswerten Film  „Der gezähmte Widerspenstige“ spielt Adriano Celentano mit seinem Hund Schach. War das die Vorlage für Arnold Schwarzenegger, der letztes Jahr in den sozialen Medien postete, wie er mit seinem Esel Schach spielt? Arnold Schwarzenegger wollte die Menschen ermutigen, Abstand zu Freunden und Bekannten zu halten, um so der Corona-Pandemie Einhalt zu gebieten. Schau es Dir selbst an!

Viswanathan Anand überrascht mit der These „Der Kampf gegen das Coronavirus ist wie das Spielen gegen einen Computer„. Weder der Computer noch der Virus kennen Emotionen. Deshalb muss man immer auf der Hut sein und darf sich trotz eines vermeintlichen Vorteils nicht schon als Sieger wähnen.

Die russische Zeitung Nowaja Gazeta bringt die Vorzüge des Schachs auf den Punkt, indem sie folgendes Resümee zieht: „Es gibt keinen Sport. Der Sport schrumpft vor unseren Augen und verschwindet aus den Zeitungsspalten und aus dem Fernsehen.“ Eine Million Menschen verfolgen live im Internet das Kandidatenturnier. Schach ist eine Möglichkeit, sich vom Horror der sozialen Medien abzulenken. Die Zeitung stellt die Schachspieler des Kandidatenturniers auf humorvolle Weise vor. Überzeugt Euch selbst – hier geht es zu dem Zeitungsartikel.

Der französische Psychologe Alfred Binet wusste: „Wenn wir in den Kopf eines Schachspielers schauen könnten, würden wir eine ganze Welt aus Gefühlen, Bildern, Emotionen und Leidenschaften sehen.“ Die Schachfotografen David Llada und Wolfgang Galow fangen mit Ihrer Kamera die Gefühle der Schachspieler ein.  Ihre Fotos erzählen uns Geschichten. Medien- und Werbeprofis wissen, dass die Menschen Geschichten mögen, weil Geschichten die Menschen anrühren und Emotionen bewirken. Es liegt an uns, die vielen liebenswerten Geschichten rund ums Schach zu entdecken und sie anderen zu erzählen.